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»20 Prozent sind unzufrieden mit ihrem Namen«

Die Leiterin der Namenberatungsstelle Dietlind Kremer über die Kraft der Namen

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Dietlind Kremer leitet die Namenberatungsstelle an der Universität Leipzig. Seit 1984 ist sie dem Fach Namenkunde verbunden, richtete es 1991 als Studiengang ein. Im u:boot-Interview spricht sie über sächsische Zischlaute und gibt Rat zur Kind-Benamsung.

u:boot: »Nomen est Omen« oder »Namen sind Schall und Rauch«?

DIETLIND KREMER: Ersteres. Normale Namenträger gehen mit dem Sprachzeichen nicht so aufmerksam um. Ich mache das seit 25 Jahren und weiß, dass Namen viel aussagen können darüber, woher ein Mensch kommt, wie alt er ist.

u:boot: Wer studiert Namenkunde?

KREMER: Das ist sehr gemischt, die Studierenden kommen aus historischem, sprachlichem, psychologischem Interesse.

u:boot: Wie gliedert sich der Fachbereich auf?

KREMER: Klassisch gibt es die Schwerpunkte Orts- und Personennamenforschung. In unseren Modulen beschäftigen wir uns aber mit allen Eigennamen wie Waren-, Länder- und literarische Namen.

u:boot: Die Erforschung der Personennamen stößt auf das größte mediale Interesse …

KREMER: … auch bei unseren Studierenden. Wir haben dann ja noch eine spezielle Situation, weil 60 Prozent der sächsischen Ortsnamen slawischen Ursprungs sind. Ohne Slawistikkenntnisse ist es schwer, hier etwas zu vermitteln.

u:boot: Namen wie Großzschocher und Zschöchergen machen es nicht leicht …

KREMER: Ja, die haben sich erhalten, die Region ist reich an Zischlauten.

u:boot: Ein Reich aus Zischlauten. Sie bestätigen auch, ob Personnamen wirklich existieren?

KREMER: Das war lange so. Mittlerweile sind auch Kreationen mit Namencharakter zulassungsfähig. Selbst die Geschlechtseindeutigkeit wird heute locker gesehen. An erster Stelle steht heute das Wohl des Kindes. Und dieses zu interpretieren, ist eine schwierige Aufgabe. Es gibt ja Eltern, die das Kind als Alleinstellungsmerkmal herausheben. Das merken wir bei Anfragen mit Namenwünschen, die entweder weit hergeholt oder Eigenkreationen sind. Wir hatten letztes Jahr einen Vater, der sein Kind Paprika nennen wollte. Der Fall ist dann in der Zeitung aufgegriffen worden. Bei der exotischen Namenwahl, mit der man Öffentlichkeitsinteresse finden kann, reagiere ich allergisch. Journalisten kommen mit der Kamera und bringen uns die blödesten Namen.

u:boot: Wenn Sie Menschen treffen, analysieren Sie gleich deren Namen?

KREMER: Ja, wie der Zahnarzt auf die Zähne guckt, schaue ich auf die Namen.

u:boot: Ich frage lieber nicht, was Sie in meinem Fall denken. Wonach werden heute Kinder benannt?

KREMER: Die gebundene Namenwahl, nach Religion oder den Großeltern, ist zugunsten der freien zurückgegangen. Die Eltern entscheiden nach der Euphonie, also für sie schön klingenden Namen. Sie sollten bedenken, dass beim Kind allmählich über den Namen eine Ich-Identität entsteht. Bei Umfragen unter meinen Studierenden sind 20 Prozent unzufrieden mit ihrem Namen. Eine Studentin konnte überhaupt nicht verstehen, warum ihre Eltern sie Christin nannten, obwohl sie mit dem Christ-Sein nichts zu tun hatten.

u:boot: Sie erforschen auch, was Namen auslösen. Auf Ihrer Homepage kann jeder seine Namenassoziationen kundtun. Ist Dietlind auch dabei?

KREMER: Ja, diese Onogramme sind so ein Desastercheck. Bei Dietlind ist alles grausam: alt, unsportlich, nicht intelligent, unattraktiv. Ich habe eine Nebentür, heiße auch noch Anne. Und wenn es mir zu schwierig war mit Dietlind, hieß ich einfach Anne. Daher empfehle ich Eltern, dass es Sinn ergibt, bei exotischen Namen noch einen normalen mit hinzuzugeben als Rettungsanker. Dann kann sich das Kind entscheiden.

http://www.namenberatung.eu

Dieses Interview erschien auch in der kreuzer-Uni-Beilage u:boot.

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