Startseite / Essen & Trinken / »Dafür bin ich nicht in die Gastro gegangen«

»Dafür bin ich nicht in die Gastro gegangen«

Bernhard Rothenberger erklärt, warum er mit Auerbachs Keller aufhört

Größeres Bild

Seit 2006 führt Bernhard Rothenberger gemeinsam mit seiner Frau Christine das Restaurant Auerbachs Keller. Nun löst der Kellerwirt zum 31. Dezember vorzeitig seinen Pachtvertrag auf, obwohl der noch bis 2021 dauern sollte. Im Interview mit dem kreuzer begründet er, warum: Ausufernde Bürokratie und das unflexible Arbeitszeitgesetz hindern den Unternehmer mehr, als dass sie nützen.

kreuzer: Herr Rothenberger, Sie ziehen sich vorfristig aus Ihrem Vertrag bei Auerbachs Keller zurück, weil Sie keine Lust mehr haben, Unternehmer zu sein. Was oder wer hat Ihnen den Spaß verdorben?

Bernhard Rothenberger: Die Politik! Für alles gibt es immer neue Regeln. Statt frei und kreativ so ein Unternehmen wie Auerbachs Keller zu führen, leben wir wie in der Planwirtschaft. Natürlich muss es Gesetze geben, aber wir übertreiben es in Deutschland. Die Bürokratie ufert aus. Ständig kommen neue Verordnungen und Kontrollen. Das alles wirkt wie Drohungen, auf jeden Fall schränkt es uns total ein. Das Jahr 2014 war für uns außerordentlich erfolgreich, aber seit 2015 stimmen einfach die Rahmenbedingungen nicht mehr. Allein, um alle gesetzlichen Auflagen gegenüber den Mitarbeitern zu erfüllen, haben wir einen »Tag der Bürokratie« eingeführt. Da muss ich sie zum Beispiel über die Gefahren von Röhrenbildschirmen aufklären, obwohl es kaum noch Röhrengeräte gibt.

kreuzer: Was hat denn für Sie das Fass zum Überlaufen gebracht?

ROTHENBERGER: Das Arbeitszeitgesetz von Andrea Nahles. Wir können den Keller nur noch zehn Stunden am Tag öffnen. Statt zwischen 11.30 und 24 Uhr warmes Essen anzubieten, geht das nur noch von 12 bis maximal 21 Uhr. Dann muss die Küche gereinigt werden, 22 Uhr geht der letzte Mitarbeiter. Ständig müssen wir unseren Gästen erklären, was nicht geht, und Anfragen abwimmeln. Aber Südländer zum Beispiel essen nun mal später. Da sind wir hier doch nicht weltoffen! Bei jeder Idee, die meine Frau, unsere Mitarbeiter oder ich haben, müssen wir nicht mehr nur fragen, ob wir die Arbeitskräfte dafür haben, sondern auch die Zeit. Ein Irrsinn! Ich komme vom Marketing, wir sind kundenorientiert groß geworden und sollen jetzt alles zurückschrauben.

kreuzer: Wie wäre es, wenn Sie mehr Leute einstellen würden?

ROTHENBERGER: Die müssen sie erst mal finden. Wir sind auf Fachkräfte angewiesen. Es war für uns zum Beispiel eine sehr schwere Entscheidung, die Historischen Weinstuben zu schließen, das hat richtig weh getan. Aber in einem Restaurant, das in der oberen Liga der gehobenen Küche mitspielt, braucht es oft mehr Arbeitsstunden pro Tag, als der Gesetzgeber zulässt. Wir hatten dort fünf Köche, der Freizeitausgleich war ihnen sicher. Ohne Not wurde das platt gemacht. Bei Verstößen gegen das Gesetz werden mir nun 500.000 Euro Strafe angedroht. Früher wurde das nachsichtig gehandelt. Heißt es doch immer, wir sollen flexibel auf die Wünsche der Gäste eingehen.

kreuzer: Schrecken manche nicht auch die Arbeitszeiten und die Entlohnung ab?

Rothenberger: Ein Teil unserer Mitarbeiter arbeitet schon mehr als 20 Jahre in Auerbachs Keller. Wir versuchen gerade in Bezug auf die Arbeitszeiten immer, verträgliche Lösungen zu finden. Und wir bezahlen jede Stunde, niemand soll umsonst hier arbeiten. Manche machen sogar gern Überstunden, weil sie die früher ansammeln konnten, beispielweise um zwei Monate Urlaub in Australien zu machen. Oder einer baut gerade ein Haus und braucht mehr Geld. Die Arbeitnehmer haben bei diesem Gesetz auch verloren, das können Sie glauben.

kreuzer: Wo sehen Sie in Bezug auf die Arbeitszeiten eine Lösung?

ROTHENBERGER: Ich fordere EU-Recht, das mehr Flexibilität innerhalb von 48 Stunden erlaubt. Ich habe in den vergangenen Jahren so viele Gespräche mit Politikern auf verschiedensten Ebenen und mehreren Parteien geredet. Die stimmen mir dann sogar meistens zu, aber ändern nichts.

kreuzer: Und nun resignieren Sie und ziehen sich ganz zurück?

ROTHENBERGER: Meine Frau und ich sind Marketingspezialisten, aber hier können wir unsere Fähigkeiten nicht mehr einbringen. Die Arbeit hier reduziert sich fast nur noch auf Verwaltung. Dafür bin ich nicht in die Gastronomie gegangen. Den Luxus zu sagen, wir arbeiten nicht mehr, haben wir uns hart erarbeitet. Die ersten Reaktionen nach Bekanntgabe unseres Rückzugs waren zum Teil furchtbar, vor allem die Vorwürfe in den sozialen Netzwerken. Aber den Schuh, ein Ausbeuter zu sein, der keine Lust mehr hat, ziehe ich mir nicht an.

kreuzer: Wie bereits feststeht übernimmt René Stoffregen Auerbachs Keller. Was kann Ihr bisheriger gastronomischer Leiter denn nun anders machen? Die politischen Rahmenbedingungen bleiben ja die gleichen.

ROTHENBERGER: Es ist unsere Aufgabe, das Traditionshaus an die nächste Generation weiter zugeben. René Stoffregen hat den Beruf von der Pieke auf gelernt. Er ist jetzt 45 Jahre alt, seit mehr als 20 Jahren im Keller und seit elf Jahren an meiner Seite. Wann, wenn nicht jetzt, sollte er sich selbstständig machen? Hier übernimmt er ein wirtschaftlich gesundes Unternehmen mit 96 Mitarbeitern. Meiner Frau und mir war wichtig, dass es wieder einen »Kellerwirt« gibt, keinen Konzern oder eine Brauerei. Der Charakter des Hauses muss, soll und wird bleiben.

kreuzer: Auerbachs Keller bleibt also in einer Hand?

ROTHENBERGER: Ja! Das ist nicht nur für die Stadt und das Haus wichtig, sondern auch für unsere Mitarbeiter, die wir am 31. August informiert hatten. Sie reagierten sehr erleichtert, dass mit René Stoffregen jemand kommt, den sie alle kennen.

kreuzer: Was sind denn jetzt Ihre Pläne? Mit 57 Jahren zieht es Sie doch sicher nicht aufs Altenteil?

ROTHENBERGER: Meine Frau und ich bleiben in Leipzig, aber wenn es uns jemals wieder jucken sollte, dann gehen wir sicher in ein anderes Land, das mehr Unternehmerfreiheit bietet, die Schweiz, Kanada, Australien, wer weiß …

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

2 Kommentare

  1. Stefan | 28. Oktober 2017 | um 08:25 Uhr

    Es tut mir sehr leid, aber die Gesetze dienen dem Arbeitnehmerschutz. Ich will nicht jedes einzelne, auch polemisch vorgetragene, Argument besprechen. „Früher wurde das nachsichtig gehandelt.“ Dieses Zitat zeigt wie andere die mangelnde unternehmerische Fähigkeiten, insbesondere was die Reorganisation des Betriebs bei veränderten Rahmenbedingungen und deren Antizipation betrifft, leider das wirkliche Problem sind. Insofern bin ich etwas irritiert über die Interviewführung, die so gar keine kritische Nachfragen stellt.