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Dokumente des Wandels

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Zum 60. wagt das DOK Leipzig den Spagat zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Schließlich ist es gerade jetzt sinnvoll, aus der Geschichte zu lernen. Sei es auf den Straßen der Landeshauptstadt (»Montags in Dresden«) oder denen von Aleppo (»Silent War«). Drei Tagen vor offiziellem Festivalbeginn (vom 27. bis 29.10.) finden zudem drei Veranstaltungen mit Filmen statt, die in der 60-jährigen Geschichte des Festivals eine große Rolle gespielt haben. »Now and then / then and now« – der Titel des Jubiläumsprogramms zeigt schon, dass es sich um eine wechselseitige Zeitreise handelt. In der offiziellen Auswahl warten 166 Filme darauf, entdeckt zu werden. Hinzu kommen zahlreiche Retrospektiven und Sonderprogramme.

Der kreuzer begleitet das Festival wie in jedem Jahr mit dem DOK Blog auf kreuzer-leipzig.de/dokblog

27.10., 20, 22 Uhr, UT Connewitz, 28.10., 18 Uhr, Institut für Zukunft, 29.10., 18 Uhr, Grassi-Museum für Völkerkunde

Film der Woche: Der 24-jährige Johnny (Josh O'Connor) hat es nicht einfach. Von früh bis spät führt er den Hof seines Vaters (Ian Hart), der nach einem Schlaganfall selbst nicht mehr in der Lage dazu ist. Seine einzige Flucht ist der Alkohol. Tagsüber erträgt Johnny die Erniedrigungen seines Dads, Nachts säuft er sich besinnungslos im örtlichen Pub und sucht schnellen Sex mit Fremden. Die Großmutter (Gemma Jones) schaut dem hilflos zu und hält das Vater-Sohn-Gespann liebevoll zusammen. Alles ändert sich als der rumänische Hilfsarbeiter Gheorghe (Alec Secareanu) auf den Hof kommt. Die anfänglichen Anfeindungen Johnnys wandeln sich bald in eine zärtliche Liebesbeziehung zu dem Fremden. Vor der rauen Schönheit Yorkshires erzählt der Dokumentarfilmer Francis Lee seine Geschichte. Die atemberaubende Kulisse ist dabei ein weiterer Hauptdarsteller in dieser Menage à trois. Der Regisseur stammt aus der Gegend und lies seine beiden Protagonisten für einige Wochen auf einem Bauernhof aushelfen, so dass sie sich an das entbehrungsreiche Leben gewöhnen konnten. Das zahlt sich aus. Ihr Spiel ist echt, ihre Leidenschaft spürbar. »God's Own Country« ist ein Liebesdrama voll pulsierendem Leben, authentisch gezeichnet und nuanciert erzählt. In Sundance gewann Francis Lee damit den Regiepreis. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»God's Own Country«: ab 26.10. Schaubühne Lindenfels

Kanada in den 1930ern: Maud Dowley ist eine selbstbewusste junge Frau, kreativ, begabt und mit einem verspielten Blick auf die Welt um sie herum. Doch ihre Behinderung machte sie bisher abhängig von Anderen. Stolz erträgt sie die Demütigungen und Bevormundungen ihrer Mitmenschen. Das soll sich ändern, als sie in einem Laden die Anzeige für einen Job als Haushälterin entdeckt. Maud lässt sich von der ruppigen Art des einfachen Fischhändlers nicht abschrecken und behauptet ihren Platz in Everetts kleinen Hütte. Hier beginnt sie wieder zu malen – mit überraschendem Erfolg. Die wahre Liebesgeschichte führt zu einem Porträt einer faszinierenden Künstlerin. Die wundervolle Sally Hawkins (»Happy Go-Lucky«) spielt sie mit entwaffnender Herzlichkeit und bringt dieses ungewöhnliche Biopic zum Strahlen. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Maudie«: ab 26.10., Passage Kinos

Im Februar 1943 werden alle als Zwangsarbeiter verbliebenen Juden in Berlin verhaftet. Das Regime erklärte die Stadt als »judenrein«. Doch unerkannt gelingt es rund 7.000 Juden unterzutauchen. 1.700 von ihnen werden Verfolgung und Krieg überleben. »Die Unsichtbaren« porträtiert das Schicksal vier junger Berliner als Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Da ist Hanni Lévy (Alice Dwyer), Vollwaise und gerade 17 geworden. Sie muss sich alleine durchschlagen und entgeht nur knapp der Verhaftung. Da kommt sie auf eine rettende Idee: sie blondiert sich die Haare und mischt sich unter die anderen. Cioma Schönhaus (Max Mauff) entdeckt sein Talent als Passfälscher und bewahrt viele andere uns sich selbst, vor der Deportation ins KZ. Eugen Friede (Aaron Altaras) kommt bei einem hilfsbereiten Ehepaar unter, während Ruth Arndt (Ruby O. Fee) und ihre Freundin Ellen (Viktoria Schulz) unbemerkt bei einem NS-Offizier als Haushälterinnen arbeiten. Ihre Geschichten sind stellvertretend für die vielen verschiedenen Schicksale der »Unsichtbaren« in Berlin und anderen Städten. Regisseur Claus Räfle stieß bei Recherchen zum legendären »Salon Kitty«, ein Bordell in Berlin-Charlottenburg, auf diese unbekannten Geschichten. Über Jahre hinweg recherchierte er und wählte vier Protagonisten für sein Dokudrama aus. Er lässt die Überlebenen erzählen und einige der besten jungen Darsteller nachstellen, was sie erlebten. Mit einer namhaften Besetzung aus Alice Dwyer (»Heute bin ich blond«), Max Mauff (»Victoria«), Florian Lukas (»Good Bye Lenin«) und Ruby O. Fee (»Als wir träumten«), Filmsets und Kinobildern wird die Zeit authentisch wiederbelebt. So kommt ein unsichtbares Kapitel der deutschen Geschichte ans Tageslicht, spannend und berührend erzählt. Eine zusätzliche traurige Note verlieh der überraschende Tod eines großartigen Charakterdarstellers dem Projekt: Andreas Schmidt, der den Widerstandskämpfer Hans Winkler verkörpert, ist hier in seiner letzten Rolle zu sehen.

»Die Unsichtbaren«: ab 26.10., Passage Kinos

Flimmerzeit September 2017

Weitere Filmtermine der Woche

Das verordnete Geschlecht
Eines von 2000 Kindern wird ohne eindeutige Geschlechtsmerkmale geboren. In den westlichen Industriegesellschaften ist die Existenz von Zwittern aber weiterhin ein Tabu: Dass es nur zwei Geschlechter gibt, Männer und Frauen, ist eine der grundlegenden gesellschaftlichen Normen, die nicht in Frage gestellt wird. Auch heute werden schwerwiegende und irreversible chirurgische Eingriffe an den Genitalien von Kleinkindern vorgenommen, um sie einem der beiden Geschlechter anzupassen. In »Das verordnete Geschlecht« geht es um die Geschichte von Zwittern und um die weiterreichende gesellschaftliche Bedeutung, die es hat, dass die Gesellschaft nur die Existenz von zwei Geschlechtern anerkennen will. Filmvorführung anlässlich des Intersex Awareness Days
26.10., 19.30 Uhr, RosaLinde

Kemtiyu: Séex Anta – Cheikh Anta Diop
Cheikh Anta Diop hat sich sein ganzes Leben für Wahrheit und Gerechtigkeit eingesetzt, um das historische Bewusstsein und die Würde Afrikas wieder herzustellen. 30 Jahre nach seinem Tod zeichnet der Film das Porträt eines bahnbrechenden Wissenschaftlers mit unersättlichem Wissensdurst, einer ehrlichen und aufgeklärten politischen Führungspersönlichkeit, die von einigen verehrt, von anderen verschrien und den meisten unbekannt war. – GlobaLE, im Anschluss Diskussion mit Aktivisten
26.10., 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Neuland
Nur zwei Jahre haben die jungen Migranten der Baseler Integrationsklasse, um sich in der Schweiz ein Leben aufzubauen – mit Einführung
26.10., 20 Uhr, Kulturkosmos Leipzig

Work hard – Play hard
Ein Dokumentarfilm über die »industriellen Werkstätten von Morgen«: Ohne Anwesenheitskontrolle, Stempeluhren oder starre Vorgaben arbeiten Menschen zielgerichtet im High-Tech-Bereich, in der Kommunikation und der Produktion. Mit moderner Büro-Organisation wird die »Human Resource« perfekt eingesetzt - und hat auch noch Spaß dabei. Carmen Losmann führt schöne und neue Arbeitswelten vor, die im Gegensatz zu dem stehen, was bisher gewohnt waren. In diesem Paralleluniversum werden heutzutage raffinierte Strategien und ausgeklügelte Methoden angewandt, um Leistungsbereitschaft und Motivation zu optimieren und das Maximum aus der Ressource Mensch herauszuholen. Der Dokumentarfilm hat beim Dok-Festival 2011 den »Fipresci«-Preis und den Preis der ökumenischen Jury gewonnen. – Im Rahmen von »Filmwelten und Alltagshelden« - Film- und Workshopreihe zu nachhaltigem Leben im Krimzkrams. Im Anschluss immer Workshop und Diskussion.
26.10., 19 Uhr, Krimzkrams

Sticky Frames & Friends
Sticky Frames ist ein Filmemacherkollektiv, gegründet von Studierenden und Absolventen der Kunsthochschule Kassel. Neben eigenen Filmen der Kollektivmitglieder wird eine Auswahl von Animationsfilmen befreundeter Filmemacher präsentiert, welche aktuell auf internationalen Filmfestivals gezeigt werden und bereits vielfach ausgezeichnet wurden.
27.10., 20, 22 Uhr, Cineding

Syria Inside
Ungewöhnlicher Dokumentarfilm über die syrische Revolution. Der Film vermischt Originalaufnahmen von Demonstrationen, Interviews und Ausschnitte aus dem (staatlich kontrollierten) syrischen Fernsehen mit Show-Elementen, Sketchen und Animationen. »Syria Inside« ist das letzte Werk von Regisseur Tamer Alawam. Er kam bei den Dreharbeiten in Aleppo ums Leben. – In this world, Filme immigrierter Regisseure
28.10., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

Trockenschwimmen
Die Leipziger Filmemacherin Susanne Kim begleitet eine Gruppe von älteren Damen und Herren dabei, Schwimmen zu lernen. Die Gründe dafür sind so unterschiedlich wie die Schüler selbst. Berührender, kunstvoller Einblick in Lebenswelten.- Leipziger Seniorenfilmtage, anschl. Gespräch mit der Filmemacherin
27.10., 19 Uhr, Budde-Haus

Ein Haufen Liebe
Die Leipizger Filmemacherin Alina Cyranek begleitete Frauen einer Theatergruppe und ließ sie über ihr Leben und ihre Lieben erzählen. – Leipziger Seniorenfilmtage, anschl. Gespräch mit der Filmemacherin
28.10., 17 Uhr, Budde-Haus

Bowlingtreff
Im Jahr 1987 eröffnet, wurde der Bowlingtreff zu einem Symbol für die Sportstadt Leipzig. – Leipziger Seniorenfilmtage, anschl. Gespräch mit den Filmemachern.
29.10., 15.30 Uhr, Budde-Haus

Es war einmal in dunkler Nacht ...
Passend zu Halloween zeigen AnimationLE und die Cinémathèque märchenhaft-mystische Animationsfilme aus den Jahren 1991-2016. Im Anschluss gibt es ein Filmgespräch mit Regisseur Jörg Weidner über seinen Kurzfilm »Dionysos«, ein düsterer, rauschhafter Bilderreigen.
29.10., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Mathilde
Lars Eidinger spielt den letzten russischen Zaren Nikolaus II in diesem Historiendrama um dessen tragische Liebe anno 1900 zu einer Tänzerin.
29.10., 17.30 Uhr, Cineplex (OF)

Attack on Titan – Crimson Bow and Arrow
Die Menschen haben sich seit Generationen hinter hohen Mauern verschanzt, doch die Gefahr, von menschenfressenden Titanen angegriffen zu werden, scheint zur Legende verkommen. Bis eines Tages ein großes Loch in der Mauer klafft ... Adaption der erfolgreichen Manga-Serie von Hajime Isayama.
31.10., 20 Uhr, Cineplex

Interventions of Love
Einen Monat lang begleitete Maria Titova ein Mutter-Programm des Vereins UpliftAufwind für Heimkinder in Kirgistan. Im Anschluss Gespräch mit der Filmemacherin Titova und Maren Ernst (Uplift), Moderation: Peter Gischke.
31.10., 20 Uhr, Horns Erben

Shorts Attack – Gänsehaut
Zu Halloween wird’s gruselig: 7 schaurige Filme in 90 min.
31.10., 21 Uhr, UT Connewitz

Blood Simple – Eine mörderische Nacht
In dieser kleinen, feinen Hommage an die Klassiker des Film Noir, ist alles, was die gefeierten Werke der Coen-Brüder ausmacht, bereits angelegt. Ein frühes Meisterwerk, das nun digital überarbeitet darauf wartet, wiederentdeckt zu werden.
1.11., 20 Uhr, Kinobar Prager Frühling (OmU)

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