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Bösartige Ahnungslosigkeit

Was kann man tun, wenn man Zeuge antisemitischer Taten oder Äußerungen wird? Ein Fall in der Südvorstadt 
zeigt die Schwierigkeiten beim Umgang mit Judenfeindlichkeit

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Inmitten der belebten Eisenbahnstraße steht in großen lila Buchstaben das Wort »Jude« an der Fensterscheibe eines leer stehenden Ladengeschäfts, dazu ein angedeuteter Davidstern.
Das erinnert an die Zeit der Boykotte jüdischer Geschäfte, die am 9. November 1938 einen grausamen Höhepunkt erreichten, als in der Reichspogromnacht zahlreiche Geschäfte, Synagogen und Wohnhäuser Ziel antisemitischer Brandanschläge und Hetzjagden wurden und brannten. Doch das ist keine historische Rückschau, sondern ein Bild aus dem Oktober 2017 – und weist auf eine Problematik hin, die zwar selten thematisiert wird, aber Realität ist: Noch immer ist Antisemitismus in Deutschland weit verbreitet, auch in Leipzig.

Auch offener Antisemitismus ist noch immer präsent. So, wie vor wenigen Monaten bei einem Hofflohmarkt in der für ihr linksliberales Milieu bekannten Leipziger Südvorstadt. Bei einem Gespräch mit Flohmarktbetreibern äußerte ein Besucher zunächst den Vorwurf, Israel wolle »das palästinensische Volk ausrotten«; das gipfelte schließlich in der Behauptung: »Den Holocaust hat es nicht gegeben. Die Leute, die das wissenschaftlich belegen können, sitzen hierzulande im Gefängnis.« Sein Monolog endete mit einem Streit, als ein Besucher der Holocaust-Leugnung, die in Deutschland strafbar ist, widersprach – als Einziger. So erzählt es dieser Einzige dem kreuzer, möchte seinen Namen aber lieber nicht in der Zeitung lesen.

»Die Verbindung von antisemitischer Dämonisierung Israels, Täter-Opfer-Umkehr und Holocaust-Leugnung sind im aktuellen Antisemitismus leider keine Seltenheit«, sagt Benjamin Steinitz, Projektleiter der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS). »Was an diesem Vorfall jedoch besonders erschüttert, ist das völlige Ausbleiben einer kritischen Reaktion der Umstehenden.« Der Besucher, der sich den antisemitischen Aussagen alleine entgegenstellte, sagt, es sei der »bei Weitem gewalttätigste antisemitische Vorfall«, den er bisher erlebt habe. Insbesondere auch aufgrund der folgenden Reaktionen. So bemühte er sich im Nachhinein, mit den Hausbewohnern, die den Flohmarkt in der Kochstraße veranstalteten, über den Vorfall in Kontakt zu kommen.

Die Resonanz war erschreckend: Die Holocaust-Leugnung wurde nicht nur als freie Meinungsäußerung abgetan, sondern sein Agieren dagegen auch auf eine mögliche Betroffenheit im Sinne einer jüdischen Abstammung reduziert. Für den Zeugen Ausdruck eines fehlenden Bewusstseins: »In dem Geschehen zeigt sich, dass Antisemitismus weiterhin nicht als Problem einer antisemitischen Weltwahrnehmung verstanden, sondern in Zusammenhang mit jüdischer Minorität gebracht und damit aus der gesellschaftlichen Verantwortung ausgegliedert wird.« Ein Hindernis für eine kontinuierliche Auseinandersetzung. Denn tatsächlich gibt es eine erhebliche Differenz zwischen angezeigten 
und sich ereignenden antisemitischen Vorfällen, wie Steinitz erklärt. »Viele Betroffene scheuen eine Anzeige, auch, weil sie sie für aussichtslos halten.«

Damit einher geht auch, dass Antisemitismus oftmals vergangenen Zeiten zugeordnet wird. Zu Unrecht, denn die Diskriminierungsform bleibt aktuell. »Leider ist es auch heute nicht einfach, Jude zu sein«, sagt Küf Kaufmann, Vorsitzender der Israelitischen Religionsgemeinde in Leipzig, zu dem Vorfall in der Südvorstadt. Antisemitische Äußerungen seien keine Seltenheit. Viel habe mit Unwissenheit zu tun. Und dennoch: »Wenn diese bösartige Ahnungslosigkeit schon an der Grenze zu menschenfeindlichen Ideologien steht, dann müssen wir alle, die einen gesunden Verstand haben, klar und deutlich dieser widersprechen«, sagt Kaufmann. Eine Courage, die man sich bei den Veranstaltern des Kochstraßenflohmarkts gewünscht hätte. Der Vorfall dort zeigt jedoch gleichsam, dass Antisemitismus eben nicht immer nur gegen konkrete Personen gerichtet ist, sondern teils als legitime Meinungsäußerung gesehen oder aber wahllos verbreitet wird. Schmierereien mit Holocaust-Bezug sind dabei nur die harmloseste Form.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 11/2017. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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