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Komische Mischung, diese Sachsen

Fabian Dellemann und Stefan Welz über ihre Neuübersetzung von »Maurice Guest«

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Leipzig hat von jeher Schriftstellerinnen und Schriftsteller angezogen. Aber wer hätte gedacht, dass die Wiege der australischen Literatur an der Pleiße stand? Ethel Florence Lindsay Richardson (1870–1946), bekannter unter ihrem Nom de Plume Henry Handel Richardson, zog 1889 mit ihrer Mutter von East-Melbourne nach Leipzig. Und hier spielt auch ihr Romanerstling »Maurice Guest« (1908). Der Titelheld sagt seinem Schulmeisterdasein in der englischen Provinz adieu, um sich in Leipzig zum Pianisten ausbilden zu lassen. Dort verliebt er sich in die mysteriöse Australierin Louise Dufrayer. Der Übersetzer Fabian Dellemann und der Anglistikprofessor Stefan Welz arbeiten an einer Neuübersetzung des fast tausendseitigen Klassikers.

kreuzer: Welche Rolle spielt Richardson in der australischen Literatur?

STEFAN WELZ: Die australische Literatur hat damals fast niemand als eigenständig zur Kenntnis genommen, Down Under war ja Teil des British Empire. So gesehen ist Richardson eigentlich keine australische Schriftstellerin. Aber natürlich mussten auch die Australier – rückwirkend – ihre Kultur und Literatur erfinden. Da ist Henry Handel Richardson mit »Maurice Guest« tatsächlich ein Anfangspunkt, und insofern gilt sie heute als Mutter der australischen Literatur.

kreuzer: Was hat die Mutter der australischen ­Literatur mit Leipzig zu schaffen? 

FABIAN DELLEMANN: Sie ist 1889 mit Mutter und Schwester hergezogen, um am Konservatorium ein Klavierstudium aufzunehmen.

WELZ: Natürlich hätte man dafür auch nach Wien gehen können. Aber Richardsons Vater war früh gestorben und das Geld knapp. Unter den Ausbildungszentren mit gutem Ruf war wohl Leipzig die erschwinglichste Option.

DELLEMANN: In Leipzig hat sie ihren Mann kennengelernt, den schottischen Germanisten John G. Robertson. Schon in Australien hat sich Richardson für die deutsche Literatur der Romantik interessiert, die Mutter hatte das dann in Richtung Musik umgelenkt. Aber durch Robertson fand sie wieder zur Literatur.

WELZ: Richardson hat viel übersetzt, vor allem Skandinavier, aber auch Gedichte von Otto Julius Bierbaum und Ludwig Uhland vertont. Sie hat sich intensiv mit Nietzsche auseinandergesetzt und mit misogynen Tendenzen in der europäischen und deutschen Kultur. Man darf nicht vergessen, dass in Australien von Anfang an Frauenemanzipation eine wichtige Rolle gespielt hat. Neben Neuseeland war Australien das erste Land, das das Frauenwahlrecht eingeführt hat.

kreuzer: Wie schildert Richardson Leipzig?

DELLEMANN: Ihr Kontakt zu den Leipzigern war wohl gar nicht so groß. Sie verkehrte in einer internationalen Studentengemeinschaft, zu der allerdings auch Deutsche gehörten. Richardson beschreibt die Leipziger als recht plump und grob, aber auch als hochmusikalisch.

WELZ: In ihrer Autobiografie schreibt sie (zitiert): »Sie waren wirklich eine komische Mischung, diese Sachsen. Hässlich, plump, ungeschickt und ohne jedes Benehmen, und doch waren sie die musikalischsten Menschen von der Welt. Musik schien ihnen im Blute zu liegen: Selbst die Bediensteten redeten darüber wie wir in England über Cricket oder Pferderennen.« Auch wenn der Austausch mit den normalen Leipzigern nicht sehr ausgeprägt war, hat sie doch genau beobachtet.

kreuzer: »Maurice Guest« wurde schon 1912 ins Deutsche übersetzt, von Richardsons Schwager Otto Neustätter, einem Augenarzt. Wie ist der Roman bei Literaturkritik und Lesern angekommen?

WELZ: In der englischsprachigen Welt ist er durchaus positiv aufgenommen worden, zumindest unter Kennern. Es war eben ein Debütroman einer unbekannten Schriftstellerin aus einem fernen Winkel des Empire. Down Under war weit weg und hatte durchaus nicht den guten Ruf, den Australien heute genießt. Für die deutsche Literaturkritik vor dem Ersten Weltkrieg war der Roman vielleicht einfach zu modern. Was Sexualität anbelangt, ist »Maurice Guest« schon recht gewagt, da gibt es Anspielungen auf Homosexualität zwischen den Studenten und so weiter. Auch die sprachliche Gestaltung, diese hektische Syntax, die subtile Psychologisierung, der schnelle Wechsel von Dialog zu Reflexion, ist, trotz aller Schnörkel, ausgesprochen modern. Das scheint selbst in der alten Übersetzung ab und zu durch. Richardson selbst hat auf Wunsch ihres Verlegers manches streichen müssen, und Neustätter hat weitere pikante Stellen ausgelassen und sprachlich stark geglättet. Als Grundlage für die 
Neuübersetzung nehmen wir die historisch-kritische Ausgabe, da sind auch alle prickelnden Szenen drin.

Bis Januar 2018 findet eine Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung des dritten und letzten Teils der Übersetzung statt. Den Unterstützern winken reizvolle Prämien rund um den Roman: https://http://www.leipziger-crowd.de/maurice-guest

▶ Wer sich von »Maurice Guest« einen Eindruck verschaffen möchte: Bei der Connewitzer Verlagsbuchhandlung ist bereits ein Auszug der Übersetzung erschienen:
Richardson, Henry H.: Frühlingsouvertüre. Zwei Kapitel aus dem Roman »Maurice Guest«. Aus dem Englischen übersetzt von Fabian Dellemann und Stefan Welz. Leipzig: CVB 2011. 52 S., 12 €

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 11/2017. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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