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Das Gegenteil von gut

Das Beschäftigungsprojekt FIM für Geflüchtete war von Beginn an schlecht gemacht und wird nun vorzeitig eingestellt

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Auf einem einsamen Fußballplatz weit vor den Toren Leipzigs war Carlos Sucre allein mit den anderen Geflüchteten. Keiner sprach Deutsch, von den Einheimischen war niemand zu sehen. Die acht Teilnehmer der Flüchtlings-Integrations-Maßnahme (FIM) sollten Müll aufsammeln, um sich schneller in Deutschland einzuleben.

»Dabei können die Teilnehmenden Einblicke in das berufliche und gesellschaftliche Leben in Deutschland erhalten und auch Sprachkenntnisse erwerben«, hatte Robert Staacke, persönlicher Referent von Wirtschaftsbürgermeister Uwe Albrecht (CDU) das Programm vor knapp einem Jahr beworben. Die Realität allerdings ließ den Flüchtling aus Venezuela daran zweifeln, dass die FIM ihren Sinn irgendwie erfüllt. Nun wurde das Programm Ende November vorzeitig eingestellt.

Sucre, 30 Jahre alt, kräftige Statur, ist viel Arbeit gewohnt. In Venezuela reparierte er Boote, arbeitete als Verkäufer auf einem Markt und fuhr Taxi. Allerdings ist die Menschenrechtslage in dem südamerikanischen Land unsicher, zudem gibt es dort keine gute medizinische Versorgung für Sucres kleine Tochter, die vor fast zwei Jahren mit einem Herzfehler auf die Welt kam. Also floh er mit seiner Familie nach Deutschland. Hier wünscht er sich vor allem eine Arbeitserlaubnis, um für sich und seine Angehörigen selbst sorgen zu können.

Die FIM hatte man ihm als Fortbildungsmaßnahme angepriesen. Allerdings hatte er nicht das Gefühl, beim Aufsammeln von Glasscherben, Verpackungen und Zigarettenstummeln besonders viel zu lernen. Vier Stunden am Tag arbeiteten er und die anderen und wurden dafür pro Stunde mit 80 Cent entschädigt. Daneben wurden Integrationskurse angeboten, die aber Menschen mit völlig unterschiedlichen Voraussetzungen helfen sollten. Während die einen deutsche Vokabeln und Grammatik lernen wollten, mussten die anderen dafür zunächst lesen und schreiben lernen. Beiden Gruppen zur gleichen Zeit gerecht zu werden, ist aber kaum möglich.

Gestartet wurden die FIM vor knapp einem Jahr. Der damalige Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) wollte ein Programm einrichten, das möglichst wenige Bedingungen an Teilnehmer stellt. Geflüchtete, 
die mit hoher Wahrscheinlichkeit dauerhaft in Deutschland bleiben dürfen, sollten noch vor Abschluss ihrer Asylprüfung an die Sprache und den Arbeitsmarkt herangeführt werden. Im Prinzip eine gute Idee – doch offenbarte das Angebot in der Praxis rasch seine Schattenseiten. Beschäftigungsmaßnahmen dürfen echten Jobs keine Konkurrenz machen. Leipzigs Wirtschaftsbürgermeister Albrecht war sich deshalb schnell sicher: Es kommt eigentlich nur das Programm »Saubere Stadt« in Frage, mit anderen Worten: Reinemachen im Grünzeug.

Dass das Programm schlecht organisiert war und chaotisch ablief, sei nicht Schuld der Anleiter und Sozialarbeiter gewesen, findet Carlos Sucre. Die hätten sich viel Mühe gegeben. Sie vermittelten ihm das Angebot für eine Ausbildung zum Gabelstapler. Die hätte er auch gern angenommen, doch einen Antrag auf die nötige Arbeitserlaubnis konnte er nicht stellen, solange er an der FIM teilnimmt. Diese zu verlassen, ging allerdings auch nicht: Schon nach fünf Tagen Abwesenheit drohten Sanktionen. »Ich glaube nicht, dass man so viele Leute integriert«, sagt er.

Eigentlich hätten insgesamt rund 400 Geflüchtete an den Maßnahmen teilnehmen sollen, doch es kamen nur 112. Ein Grund ist die Beschleunigung der Asylverfahren, wodurch potenzielle Teilnehmer nun viel früher in die richtigen Integrationskurse wechseln. Ein anderer ist wahrscheinlich die unattraktive Realität der FIM. Laut Stadtverwaltung traten 144 eingeladene Menschen die Maßnahme nicht an, ohne Begründung. Grund genug, das nicht gewollte Programm wieder einzustellen.

Die LVZ wollte sich mit der Wirklichkeit nicht auseinandersetzen. Statt mal bei Betroffenen oder Anbietern nachzufragen, reichte dem Journalisten der Zeitung ein Blick in die Verwaltungsvorlage aus, um zu beurteilen: Die Flüchtlinge haben einfach geschwänzt. Die entsprechend geneigten Leser werden sich in ihrer Meinung bestätigt gefühlt haben, dass Geflüchtete alle faul sind und nur nach Deutschland kommen, um sich hier auszuruhen. Dass Menschen sehr wohl arbeiten und sich anstrengen wollen, dass das Programm dies aber schlicht nicht geleistet hat, erfuhren die Leser aus dem LVZ-Bericht nicht.

Für seinen »Aufwand«, auf einsamen Fußballplätzen Müll zu sammeln, hat Carlos insgesamt 80 Euro pro Monat bekommen. Weil die Fahrtkosten nicht erstattet wurden, brauchte er noch ein Ticket für Busse und Bahnen, das 33 Euro kostete. Es blieben also 47 Euro netto übrig. Das ist nicht wirklich ein Anreiz für die gebotene Arbeit. Carlos Sucre hofft, dass er bald Sicherheit in Bezug auf seine Bleibeperspektive hat und dass er dann einen richtigen Deutschkurs machen und arbeiten kann.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 12/2017. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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