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Die Schattenseite des Booms

Für Wohnungslose ist die Lage in Leipzig nahezu aussichtslos. Die Stadt weiß nicht einmal, wie viele betroffen sind

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Heißer Dampf steigt aus einer großen Schüssel Suppe in den dunklen Himmel. Kälte kriecht an diesem Novemberabend durch die Klamotten. Rund 30 Menschen stehen um einen bunten Bus in der Goethestraße herum. »Zweite Runde«, ruft Sozialarbeiterin Juliane Meglin Richtung Parkanlage. An diesem Tag bekommen alle genug von der Suppe und den gespendeten Brötchen. »Das ist nicht immer so«, sagt Meglin. »Hier gibt es schon mal Auseinandersetzungen um Lebensmittel.«

Ausgegeben wird das Essen in Kooperation von Stadt und freien Trägern. Hierher kommen Menschen wie Joker, wie er sich nennt. Gerade hat er sich eine neue Isomatte bei den Streetworkern am Bus besorgt. Jetzt steht er ein paar Meter weiter und zieht an seiner Zigarette. Diese Nacht kommt der 30-Jährige bei Bekannten unter. Und danach? So genau weiß er das noch nicht. Ihm gegenüber steht Rocky. Zwei von seinen gerade erst 21 Jahren verbrachte er schon auf der Straße. Jetzt ist er wieder bei seinen Eltern eingezogen – und hat einen Traum: eine Ausbildung zum Kinderkrankenpfleger. »Man muss sich am Riemen reißen«, sagt er nachdenklich.

Joker und Rocky gehören zu denen, für die die »Suche nach sozialhilferechtlich verfügbaren Wohnungen (…) nahezu aussichtslos geworden ist«. So dramatisch beschreibt es die AG Recht auf Wohnen, ein Netzwerk von freien Trägern und den Stadtratsfraktionen der Linken und Grünen. »Früher hatten wir hier Wohnungsleerstand. Das machte es natürlich auch für Wohnungslose leichter, etwas Neues zu finden«, erklärt Linken-Stadtrat Siegfried Schlegel. Doch die Zeiten des großen Leerstandes sind vorbei. Der Druck auf den Wohnungsmarkt erreicht die Schwächsten. »Wer Mietschulden hat, dem fällt es zunehmend schwerer, eine Wohnung zu finden«, sagt Gerit Schleusener. Die soziale Isolation nehme zu. Auch Schleusener ist bei der AG aktiv und arbeitet bei der Oase. In der Einrichtung von Diakonie und Caritas können sich Wohnungslose tagsüber aufhalten, sich waschen, etwas essen oder einfach reden. Eine »steigende Nachfrage sowohl durch wohnungslose Personen selber als auch von Vereinen etc., die diese Personen unterstützen«, registriert auch die Leipziger Wohnungs- und Baugesellschaft (LWB). Die Nachfrage sei deutlich höher als das Angebot.

Vor diesem Dilemma könnte auch Caro bald stehen, die auch zur Essensausgabe in die Goethestraße gekommen ist. »Kündigung, angeblich wegen einer Waschmaschine im Flur«, sagt sie. In zwei Wochen muss die 27-Jährige raus aus ihrer Wohnung. Wie geht es bei ihr weiter? »Weiß ich noch nicht. Morgen gehe ich erst mal aufs Amt.« Resignation liegt in ihrer Stimme. Caro wird es schwer haben, das weiß sie. Wenn es schlecht läuft, wird sie bald zu der wachsenden Zahl Wohnungsloser in der Messestadt gehören. Dass es mehr werden, ist zumindest die Wahrnehmung vieler Sozialarbeiter.

Völlig unklar ist aber, wie viele es wirklich sind. Die Schätzungen reichen von ein paar hundert bis zu über tausend. Das Problem: Die Stadt erhebt keine allgemeinen Zahlen, sondern verweist lediglich auf die Anzahl der Personen, 
die die Übernachtungshäuser aufsuchen. Laut Statistischem Jahrbuch haben 2016 in den beiden Übernachtungshäusern für Männer und Frauen und in der Notschlafstelle insgesamt 578 Menschen geschlafen. Im Jahr davor waren es 565. Doch diese Zahlen sind nur sehr begrenzt aussagekräftig. Viele kommen gar nicht erst zu den Häusern. Gründe sind etwa die fünf Euro Gebühr pro Nacht. Zudem dürfen keine Hunde mitgenommen werden. Die Stadt räumt ein: »Über die Zahl der sogenannten Draußenschläfer liegen keine genauen Werte vor«. Draußenschläfer, das sind Menschen, die tatsächlich unter freiem Himmel oder illegal in Lauben schlafen. Wie groß die Differenz zwischen den erfassten Übernachtungen und den Menschen ohne Wohnung ist, zeigen Zahlen von Diakonie-Streetworker Christian Pahrmann. Am Bahnhof und Umgebung betreut er 99 Obdachlose. »Aber nur sechs davon schlafen in den Übernachtungshäusern.« Dazu kommen in Leipzig gestrandete EU-Migranten. Viele sind von jeglicher Hilfe abgeschnitten und leben in katastrophalen Zuständen. Die Stadt scheint überfordert.

Die AG Recht auf Wohnen fordert mehr Sozialwohnungen und eine bessere statistische Erfassung. Sozialarbeiter fordern bessere Strukturen. Dann würden sie vielleicht auch wieder besser an Menschen wie Tobi rankommen. Mit einer orange-schwarz gestreiften Hose liegt er an einer Wand neben dem Hauptbahnhof. Vor ihm zwei Flaschen Sternburg, neben ihm zwei Kumpels. »Seit drei Jahren lebe ich auf der Straße«, sagt er, die Kapuze ins Gesicht gezogen. Schlafen würde er immer draußen. Meistens auf Parkbänken. Ob er Chancen sehe, wieder in einer Wohnung unterzukommen? »Ich habe mir das selber ausgesucht. Ich wollte es diesem Scheißstaat mal richtig zeigen. In eine Wohnung will ich nicht mehr«, ruft er. Er hat wohl aufgegeben.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 12/2017. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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