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Vasen und der Ruf der Freiheit

Die Leuchtenburg war einst Ziel der Wandervögel. Im Tal liegt die Porzellanstadt Kahla

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Da mussten erst die Weimarer »Tatort«-Kommissare Dorn und Lessing durch den Kräutergarten stolpern, um »Burg Schwanitz« einem Millionenpublikum vertraut zu machen. Für Thüringer ist die Leuchtenburg, so ihr eigentlicher Name, natürlich längst als weithin sichtbares Wahrzeichen des Saaletals bekannt. Mit 395 Metern thront sie über den üppigen Wäldern des Holzlandes und überragt die anliegende Kleinstadt Kahla.

1221 erstmals urkundlich erwähnt, hat die Burg als zwischenzeitliches Gefängnis und Arbeitslager im 18. und 19. Jahrhundert teilweise wenig rühmliche Zeiten hinter sich: Arbeiten in Ketten, im Brunnen-Tretrad, wenig Schlaf und kaum Nahrung.

In den 1920er Jahren waren es gänzlich andere Gründe, die Menschen zur Burg brachten: Freiheit, Gemeinschaft, Lebensfreude. Die Leuchtenburg entwickelte sich zu einem Schauplatz der Wandervogel-Jugendbewegung. Die Jugendlichen feierten die Freiheit nach dem Zerfall des Kaiserreichs mit exzessiven Tanzveranstaltungen, Gesang und Freizügigkeit. So kam es durchaus vor, dass sich bereits im Morgengrauen eine ganze Schar Jugendlicher vor der Burg im Adamskostüm zur Gymnastik zusammenfand. Damals sorgte die Burg mit dem Blick auf nackte Tatsachen für Aufsehen, heute mit ihrer Architektur. Im Zuge der teilweisen Sanierung ab 2008 entstand ein neues Besucherzentrum auf dem Burgvorplatz, von dessen Café (und von den Toiletten!) man einen herrlichen Blick über das Umland hat.

Das Museum widmet sich mittlerweile nicht mehr nur der Geschichte der Burg, sondern auch der großen Errungenschaft der Stadt Kahla, dem Porzellan. In der Erlebnisausstellung »Porzellanwelten Leuchtenburg«, die sich in einem weiteren Neubau an der Nordseite der Burg befindet, können unter anderem die größte und die kleinste Vase der Welt, ein Porzellan-Schattentheater, ein Alchimistenlabor, allerlei Porzellankunst sowie eine Porzellan-Kirche besichtigt werden. Ein Highlight ist der sogenannte Steg der Wünsche, eine 20 Meter lange Stahl-Glas-Konstruktion, die in schwindelerregender Höhe übers Saaletal reicht und wohl nur ein Argument für Burgen-Traditionalisten war, die neue, teure Architektur zu kritisieren. Das heutige Erscheinungsbild und die moderne Ausstellung locken nicht nur mehr Besucher zur Burg, dank Umbau ist sie jetzt auch barrierefrei.

Kahla selbst ist geprägt von der fast vollständig erhaltenen Stadtmauer mit Türmen, den kleinen Handwerkerhäusern sowie dem omnipräsenten Porzellan, das seit 1843 hier gefertigt wird. Die Stadtkirche St. Margarethen, in der 1524 Martin Luther predigte, steht im Zentrum. Die dazugehörige Kantorei ist nach dem aus Kahla stammenden Komponisten Johann Walter benannt, der das erste evangelische Chorgesangbuch herausgab und Texte Luthers mit Melodien versah.

Für Geschichtsinteressierte lohnt sich der Besuch des unterirdischen ehemaligen NS-Rüstungswerkes REIMAHG wenige Kilometer südlich von Kahla. Auf 150.000 Quadratmetern sollte hier im Inneren des Walpersberges ein Werk für die Fertigung von Kampfflugzeugen entstehen. Fritz Sauckel, seinerzeit überambitionierter »Muster-Gauleiter« von Thüringen, hatte dieses Prestigeprojekt in die Region geholt. Für die Errichtung der unterirdischen Stollensysteme und Bunker wurden in den letzten Kriegsjahren 1944/45 bis zu 15.000 Zwangsarbeiter aus ganz Europa deportiert – mehrere Tausend starben unter der harten Arbeit und Misshandlungen. Das Rüstungswerk wurde nie fertiggestellt. Heute können das Dokumentationszentrum und das ehemalige Militärgelände besichtigt werden. Letzteres ist nur mit einer geführten Tour zugänglich, für die man sich auf der Webseite des Geschichts- und Forschungsvereins Walpersberg oder telefonisch anmelden kann.

Direkt am Saaleradweg gelegen, ist Kahla auch ideal mit dem Fahrrad zu erreichen. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, schwingt sich aufs Rad, in den Zug oder das Auto, denn auch das Umland ist lohnenswert. Wenige Kilometer entfernt befindet sich die Jagdanlage Rieseneck, die einzige noch erhaltene mittelalterliche Jagdanlage Europas. Wo im 18. Jahrhundert noch Adlige Rotwild schossen, können heute Pirschgänge und der »Herzogstuhl« besichtigt werden. Und da wohl jeder Ort in Thüringen mit einem Messingschild à la »Hier war Goethe« aufwarten kann, trägt auch diese Region Spuren des Dichters: Zwar besuchte er nie die Leuchtenburg, jedoch mehrere Male Schloss Kochberg, das sich ebenfalls unweit von Kahla befindet. Anreiz für seine Besuche war sicher das 1800 errichtete Liebhabertheater auf dem Schloss – neben der Tatsache, dass seine besondere Freundin Charlotte von Stein dort lebte. Das Liebhabertheater mit nur 75 Plätzen wird noch heute von Mai bis Oktober bespielt.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 12/2017. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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