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Das Foto im Blick

Die Fotografin Karin Wieckhorst feierte ihren 75. Geburtstag – ein Werkporträt

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Der Weg zum Atelier von Karin Wieckhorst gleicht einer Zeitreise. Schon die ersten Schritte im Heinrich-Budde-Haus lassen die Gegenwart schwinden. Hier unterm Dach nahe dem Gohliser Bahnhof befinden sich zwei kleine Räume, in denen Wieckhorst seit Anfang der Neunziger ihre Fotos entwickelt und die Abzüge in zahlreichen ORWO-Fotopapierschachteln archiviert.

In den bis zur Decke reichenden Regalen sind die mit schwarzem Filzstift benannten Boxen aufeinandergetürmt und allein die Titel vermitteln einen guten Eindruck der DDR-Kunstgeschichte – vor allem von multimedialen Collagen eines Lutz Dammbeck oder dem Aufbau und den Gesprächen während des »Ersten Leipziger Herbstsalons« 1984 im damaligen Messehaus am Markt. Ihre Dokumentation des zweitägigen Festivals »Intermedia. Klangbild/Farbklang«, bei dem 1985 im Coswiger Kulturhaus von bemalten Faltrollos über Super-8-Filmen bis zu Punkkonzerten fast alles zu erleben war, half dem Filmemacher Thomas Claus bei seiner Filmdokumentation »Spuren des Performativen – die Intermedia I in Coswig 1985«, die bis Mitte November in der Ausstellung »Geniale Dilletanten« im Dresdner Albertinum zu sehen war.

Karin Wieckhorst, geboren 1942 in Holzhausen, studierte Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst (1969–73). Einige ihrer heute bekanntesten Fotos stammen bereits aus dem Jahr 1968. Sie zeigen die heimlich fotografierten Sequenzen von der Sprengung der Leipziger Unikirche am 30. Mai. Darauf ist das noch aufrecht am damaligen Karl-Marx-Platz stehende Gebäude zu sehen und dessen In-sich-zusammen-Fallen bis zu den hell gen Himmel aufsteigenden Geröllwolken. Damals arbeitete Wieckhorst bereits als Fotografin im Museum für Völkerkunde, wo sie Museumsobjekte aufnahm.

In den achtziger Jahren wurde Wieckhorst mit ihrer sozialdokumentarischen Fotoserie »Körperbehindert« (1980–85) über drei Menschen mit Handicaps im Verband der Bildenden Künstler der DDR aufgenommen. Das nicht unumstrittene Projekt entstand in Zusammenarbeit mit dem Hallenser Klinikseelsorger Heinrich Pera. Ursprünglich war ein fotografischer Beitrag zum Jahr der Behinderten 1981 geplant, heraus kam eine fünfjährige Begleitung durch die Fotografin. Im Mittelpunkt standen nicht die Behinderungen selbst, sondern die Möglichkeiten, die sich jeder von ihnen erarbeitete, um sein Leben führen zu können.

Evelyn Richter war ihre Mentorin; diese und Henri Cartier-Bresson nennt Wieckhorst auch als Vorbilder. Ihr Arbeitsprinzip beschreibt sie mit den Worten: »Ich warte nicht auf das Foto und ich suche es auch nicht aus, sondern ich sehe vorher, was das Foto wird.« Zusammengefasst gilt sowohl für ihre Architekturaufnahmen wie ihre Stadtansichten oder den Serien über Menschen, dass sie umfangreiche Porträts schafft und es dazu im Idealfall nur einer präzise komponierten Aufnahme bedarf. Daher steht sie Motivmengen, wie sie die heutige Digitaltechnik hervorbringt, sehr skeptisch gegenüber.

Bis 2007 arbeitete Wieckhorst im Völkerkundemuseum und fotografierte die materiellen Zeugnisse der unterschiedlichen Kulturen, ohne dass sie vor 1989 an den wissenschaftlichen Expeditionen zu den fernen Ländern teilnehmen konnte.

Zum Ende ihrer Museumszeit fand die Ausstellung »Sichtbarmachen« im Grassimuseum statt, die einen Teil ihrer Serien zu fremden Orten, zu denen sie sich nach 1989 aufmachte, zeigte oder auch die Bildserie »Asyl. Fremd in Sachsen«, die 1992/93 entstand. Die Schwarz-Weiß-Fotografien zeigen Asylbewerber in ihren Unterkünften in und um Leipzig, so in Heiterblick oder in Lippendorf. In diesem Frühjahr waren erneut Fotografien von Wieckhorst im Völkerkundemuseum zu sehen. Dieses Mal suchten HGB-Studierende Fotos aus, um in der Reihe »Grassi invites« die museale Ausstellungskultur zu DDR-Zeiten vorzuführen.

Karin Wieckhorst behauptet von sich selbst, dass sie technikfeindlich sei. Die digitale Fotografie wird wohl auch in Zukunft keinen Einlass in ihr Atelier finden. Vielmehr widmet sich Wieckhorst ihrem analogen Archiv und schaut, welche Geheimnisse noch darin stecken, die man vormals vielleicht übersah. Ein anderes aktuelles Projekt schließt an eine Fotoserie an, die sie vor 30 Jahren in der Galerie Eigen + Art ausgestellt hatte. Unter dem Titel »Begegnungen in Ateliers« dokumentierte sie 1986/87 die Arbeits- und Rückzugsorte von 26 Künstlern. Nach ihren Aufnahmen gab sie einen Abzug an die Künstler, die ihn jeweils bearbeiteten und so dem dokumentarischen Zeugnis ein eigenes künstlerisches Statement hinzufügten. Zwei Aufnahmen aus dieser Serie – von Hartwig Ebersbach und Christine Schlegel – sind derzeit im Potsdamer Museum Barberini in der Ausstellung »Hinter der Maske. Künstler in der DDR« zu sehen. Ein dauerhafter Ort, um ihre Fotografien in Ruhe betrachten zu können, fehlt leider noch.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 12/2017. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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