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Alle(s) inklusive

Drei Erwachsene, zwei Kinder, eine Patchworkfamilie. Über das Pendeln zwischen den Haushalten

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Weihnachten ist für Eldar wie jeder andere Tag auch. Er kommt aus Israel und lebt seit 2005 in Leipzig. Auf seinem Schoß sitzt Alma, seine fünfjährige Tochter. Sie kritzelt etwas mit einem Kugelschreiber auf ein Blatt Papier. Eine jüdische Weihnachtskultur, wie sie in Deutschland zelebriert wird, gibt es für den 36-Jährigen nicht. Seine Tochter möchte er trotzdem gerne um sich haben. Johanna – seine Ex-Freundin und Almas Mutter – hält ihr Smartphone hoch und zeigt Bilder vom vergangenen Weihnachtsfest mit ihren Eltern und Eldar in Thüringen.

Fröhliche Gesichter. »Da waren wir schon getrennt«, erzählt sie. Dennoch seien alle »irgendwie inklusive« gewesen.

Johanna und Eldar leben seit zweieinhalb Jahren getrennt und wechseln sich in der Betreuung ihrer Tochter ab. Von Montag bis Mittwoch lebt Alma bei ihrem Vater. Die restliche Zeit übernimmt Johanna. Alles Weitere klärt sich über Absprachen entweder mündlich, das meiste jedoch über Kurznachrichten. Hinter den beiden liegt eine aufreibende Zeit, es fiel schwer, sich vom Ideal der Kleinfamilie zu verabschieden. »Ich hatte neben dem Studium eine halbe Stelle an der Uni und Alma. Volles Programm also. 
Da blieb nicht viel gemeinsame Zeit«, erinnert sich Johanna. Letztlich nahmen sie sich Zeit, allerdings für eine Paarberatung bei der Caritas. Was folgte, war die Trennung. Eldar zog aus.

Der Versuch, sich nunmehr als getrennt lebendes Elternpaar beim Jugendamt beraten zu lassen, scheiterte. Wer holt das Kind von der Kita ab? Und vor allem, wer nimmt es während der Beratungszeit? Hilfe von extern muss organisiert werden. Es fehlte der familiäre Rückhalt vor Ort, denn die Großeltern wohnen nicht in Leipzig. Die beiden schafften es schließlich aus eigener Kraft und haben heute, das sagen sie selbst über ihre elterliche Beziehung, einen vernünftigen Umgang miteinander.

Inzwischen leben beide wieder in Paarbeziehungen. Und sie sind das, was man zeitgemäß als »Patchworkfamilie« bezeichnet. Eine familiäre Konstellation, die immer mehr an Bedeutung gewinnt, meint auch Silvia Füßl. Sie berät in ihrer Coaching-Praxis Paare oder Elternteile, die sich plötzlich in einem bunt gemischten Familiengefüge wiederfinden. »Die Probleme entstehen dann, wenn schlagartig Persönlichkeiten aufeinandertreffen, die nicht zusammengewachsen sind.« Von jeder Menge Konfliktpotenzial ist die Rede, Bedürfnissen, die nicht ausgesprochen oder überhört werden. Und was geschieht in einer Zeit wie Weihnachten, die quasi der Inbegriff des Familiären ist? Wie organisieren sich Partner, Ex-Partner, Großeltern und Kinder in den verschiedenen Haushalten?

Heute ist Johanna mit Justus zusammen. Der 39-Jährige war selbst alleinerziehend und hat eine Tochter, die sechsjährige Aino. Auf die Frage hin, wie sich Patchworkverhältnisse anfühlen, antwortet er: »Man muss sich an unterschiedliche Dynamiken gewöhnen. Zudem ist es natürlich organisatorisch viel aufwendiger.« Johanna findet eine Bezeichnung, über die sie selbst lachen muss: Es sei ein »polyamores Kuddelmuddel«, weil »man ständig andere Bedürfnisse hat oder Erwartungen, Enttäuschungen erlebt oder Eifersüchteleien«. Entstanden ist eine neue Familienkonstellation, in der verschiedene und gleichermaßen intensive Einzelbeziehungen miteinander verbunden sind. Anspruchsvoll sei vor allem die Wohnsituation: Kinder, Partner und Ex-Partner pendeln bisher zwischen drei Wohnungen in Plagwitz, Schleußig und Südvorstadt. Klein-Alma fände es schön, wenn alle zusammenwohnen würden. »Das wäre auch unsere Idealvorstellung. Zwar in getrennten Wohnungen, aber trotzdem nah«, gibt Johanna zu. Allerdings in Zeiten knappen Wohnraums und steigender Mietpreise schwierig umsetzbar. Für die Kinder sei das Switchen nicht einfach, die Beständigkeit fehle. Ob der bisherige Wechselrhythmus weiterhin so bestehen bleibt, darüber sind sich Eldar und Johanna uneinig. »Ich kann mir nicht vorstellen, Alma eine komplette Woche lang nicht zu sehen«, meint Eldar. Johanna sieht darin eher einen Prozess, in dem man auch Dinge ausprobieren kann. »Wir müssen schauen, wie es sich für uns alle am besten anfühlt. Das Wichtigste dabei ist, dass es für Alma entspannt ist. Ich weiß, dass sie Eldar braucht.«

Zu Weihnachten fahren Justus und Johanna in diesem Jahr mit den Kindern in die gemeinsame Heimat Thüringen. Doch Heiligabend verbringen sie nicht zusammen. Seltsam sei das schon, bemerkt Johanna: »Wir sind schließlich oftmals alle zusammen. Und dann bei so etwas Bedeutsamen nicht. Das passt natürlich nicht zu den üblichen Erwartungen an Heiligabend.« Gerade weil es in Patchworkfamilien um familiären Zuwachs geht, ist es schwierig, alle Interessen gleichermaßen zu realisieren. Vielleicht muss das auch gar nicht sein. »Wir stehen füreinander ein und kümmern uns umeinander«, antwortet Justus. Und wer weiß, vielleicht klappt es im nächsten Jahr mit einem gemeinsamen Heiligabend, zusammen mit Eldar.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 12/2017. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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