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Lipsia und die wilden Tiere

Sie sind mitten unter uns. Nachdem der Mensch die Wildtiere aus ihrem natürlichen Lebensraum vertrieben hat, erobern sie sich die Stadt. Was erwartet Leipzig, nachdem die Wildkatze zurückgekehrt ist und der Wolf durchs Umland schleicht? Eine Bestandsaufnahme

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Es ist ein Tag im Sommer, als der Fuchs entscheidet, dass es so nicht weitergehen kann. Die Bauprojekte des Menschen haben seinen Lebensraum zerstört, es gibt kein Wasser mehr, die Bäume sind gefällt, die Lichtungen zubetoniert. Zusammen 
mit den anderen Tieren des Thalerwalds schließt der Fuchs einen Pakt. Sie werden einander helfen und sich nicht gegenseitig auffressen – so lange, bis ein neuer Ort zum Leben gefunden ist. Dann verlassen die Tiere den Wald.

Dieser Pakt der Wildtiere beschreibt den Plot einer europäischen Koproduktion aus den frühen neunziger Jahren. Die Fernsehserie »Als die Tiere den Wald verließen« lief in über 20 Ländern, umfasst 39 Folgen und handelt von der Odyssee einer fiktiven Gruppe wilder Tiere. Die Gründe, die sie zur Flucht bewegen, sind jedoch real. »Die Lebensbedingungen für wilde Tiere in offenen Landschaften verschlechtern sich durch die industrielle Landwirtschaft seit Jahren zusehends«, sagt René Sievert vom Naturschutzbund Leipzig (NABU). Die Suche nach Futter und einem neuen Revier zwinge viele Tiere dazu, auf andere Lebensräume auszuweichen. Während die Gruppe aus der Kinderserie einer Kröte zum versprochenen Weißhirschpark folgt, sind es in der Realität die Städte, in denen auch Wildtiere zunehmend heimisch werden. Denn hier haben sich die Lebensbedingungen durch Naturschutzgesetze in den letzten Jahrzehnten insgesamt verbessert.

Leipzig ist für diese Entwicklung ein gutes Beispiel. »Wir haben hier unter anderem Wildschweine, Rehe, Hasen und flächendeckend auch den Fuchs«, sagt Sievert. Hinzu kämen sogenannte »Neubürger«, wie der aus Nordamerika stammende Waschbär oder die Nutrias aus Südamerika. Die wachsende Biodiversität gelte es zu beschützen, gerade da sie Ausdruck der zunehmenden Verödung des Umlands sei.

Es fehlt der Spatz auf dem Dach

Doch auch die Artenvielfalt in der Stadt ist bedroht. Gut sieht man das, so Sievert, am Haussperling, auch Spatz genannt. Seit Jahren verringert sich der Bestand dieser eigentlich weit verbreiteten Singvogelart. Grund hierfür sind beispielsweise Bauprojekte und Sanierungen, bei denen Nistplätze zerstört und nicht ersetzt werden. Aber auch das zunehmende Insektensterben sorgt dafür, dass für viele Vogelarten in und außerhalb der Stadt die Futterquellen wegfallen. In Leipzig sei das Problem dramatisch. Eigentlich ist es die Aufgabe der Naturschutzbehörde, dafür zu sorgen, dass die bei Umbauten wegfallenden Nistplätze ausgeglichen werden. »Die kommen aber genau wie wir bei diesen ganzen Boomtown-Projekten nicht mehr hinterher«, sagt Sievert. Deshalb sei man auf Beobachtungen der Bürger angewiesen.

Der Turmfalke ist eine weitere betroffene Vogelart, der dennoch von der Verstädterung profitieren kann. Seit 2015 steht der in Mitteleuropa eigentlich sehr verbreitete Greifvogel auf der Vorwarnliste für bedrohte Tierarten. Dabei sind die Anforderungen der anpassungsfähigen Tiere an ihren Lebensraum nicht sehr hoch, da sie nicht zwingend auch dort jagen müssen, wo sie leben. Bis zu fünf Kilometer fliegen sie für die Nahrungssuche. Längst hat der Turmfalke die Stadt für sich erschlossen und nistet, wie sein Name es schon vermuten lässt, gerne in den oberen Stockwerken menschlicher Bauwerke. Der NABU in Leipzig hält deshalb besonders Kirchen an, aktiv Nistplätze zu schaffen. Gelungen ist das zum Beispiel in Leipzig-Sommerfeld.

Seit 1985 ist Johannes Ulbricht Pfarrer in Sommerfeld. Als 1996 ein neues Kirchturmdach gebaut werden sollte, ließ er sich beraten, wie er das ökologisch umsetzen könne. »Letztendlich war das kein großer Aufwand«, sagt Ulbricht heute, während er im Gemeindezentrum sitzt und lösliches Kaffeepulver mit heißem Wasser verrührt. Vor ihm auf dem Tisch liegen die Pläne von damals, fein säuberlich von Hand gezeichnet. Ulbricht fährt die Linien nach. »Das hier ist eine Einflugmöglichkeit für Turmfalken am Südgiebel«, erklärt er. Die Öffnung hat die Form eines liegenden Rechtecks, groß genug für die Spannbreite der Flügel.

Mittlerweile kennt der Pfarrer die Vorlieben seiner Schützlinge. Ein Turmfalkenpaar haust rund ums Jahr in dem Kirchturm, dazu kommen etwa sechs Dohlenpaare und die Mauersegler mit ihren Brutplätzen unter der Dachrinne. Selten ist sogar eine Schleiereule zu Gast, deren Nistkasten momentan aber von den behauptungsfreudigen Dohlen besetzt ist. Mindestens zwei Mal im Jahr sieht Johannes Ulbricht nach dem Rechten und erklimmt die 134 schmalen Stufen, die hinauf in den Turm führen. Jetzt im Winter steht das Großreinemachen an. Während Turmfalken keine Nester bauen und für den sicheren Halt ihrer Eier nur ein wenig Sand benötigen, schleppen die krähenartigen Dohlen alles an, was nicht niet- und nagelfest ist. Ulbricht geht vorsichtshalber einen halben Schritt zurück, bevor er 
den Nistkasten öffnet, aus dem ihm eine Ladung Staub entgegenkommt. In gut erkennbaren Schichten kommt das Nestmaterial zum Vorschein – zusammengepresste Erde, Zweige, Federn und vereinzelter Plastikmüll.

»Wenn wir Glück haben, schlüpfen die Jungvögel pünktlich zu unserem Gemeindefest«, sagt Ulbricht. Er nimmt dann die Kinder in kleinen Gruppen mit auf den Kirchturm – unter der Bedingung, dass sie die kleinen Vögel nicht aus dem Nest nehmen. Das tut der Pfarrer selbst, vorsichtig, mit der hohlen Hand. Den Kindern erlaubt er dann, das flauschige Federkleid der Jungen zu streicheln. »Ich will, dass sie ein Gefühl für die Tiere bekommen«, sagt der Pfarrer. »Da mögen die im Rathaus im Kreis springen – das ist mir egal.«

Die Vögel lassen sich von Johannes Ulbricht kaum mehr aus der Ruhe bringen. Auf dem äußeren Fenstersims sitzt ein Turmfalke und beobachtet den Pfarrer ungerührt durch das Glas. Zwischen Menschen und Vögeln herrscht in Sommerfeld friedliche Koexistenz. Und das, obwohl es am Anfang durchaus Skeptiker in der Gemeinde gab. »Die Bauern hatten Angst um ihr Hühnerfutter«, sagt Ulbricht und lacht. Mittlerweile wisse aber jeder, dass die Raubvögel Mäuse bevorzugen.

Nicht immer geht es so harmonisch zu. Wo wilde Tiere und Menschen auf engem Raum aufeinandertreffen, sind Konflikte vorprogrammiert. So gibt es regelmäßig Ärger, wenn Wildschweine Kleingärten oder Sportplätze umpflügen, Hauskatzen Singvögel morden oder Waschbären die Mülltonnen durchwühlen. Zudem kommt es auch im Straßenverkehr immer wieder zu Unfällen mit Wildtieren, wie beispielsweise 2017 am Schleußiger Weg, als ein Autofahrer mit einem Wildschwein zusammenstieß. Solche Zwischenfälle enden für die Tiere oft tödlich, bringen aber auch den Menschen in Gefahr.

Weniger dramatisch, dafür ärgerlich sind die kulinarischen Vorlieben der Rehe auf dem Südfriedhof. Friedhofsverwalter Rüdiger Vogt kann längst nicht mehr zählen, wie viele Beschwerdebriefe bei ihm schon eingegangen sind. Das Problem: Die Tiere haben Geschmack an dem Blumenschmuck auf den Gräbern gefunden. Besonders Rosenköpfe hätten es den Rehen angetan, sagt Vogt. Diese würden fein säuberlich abgebissen, die Stängel unbeachtet stehen gelassen. Vogt kann den Unmut und den Ärger darüber gut verstehen. Abschießen lassen, wie vielmals gefordert, würde er das Rotwild aber trotzdem nicht. Es gehöre zum Südfriedhof dazu, dass er ökologische Nischen für verschiedene Tierarten bietet. Die Natur auf dem etwa 80 Hektar großen Parkgelände wolle man erhalten und schützen.

Dabei wird die Friedhofsverwaltung vom NABU unterstützt, der für die mehr als 60 ansässigen Vogelarten Brutgelegenheiten installiert hat. »Die meisten Vögel nisten aber in natürlichen Baumhöhlen«, erzählt Vogt auf seiner Runde über den Friedhof. Wenn er morgens während der Dämmerung unterwegs ist, kann er die Bewohner des Friedhofs oft beobachten. Dazu gehören die Gruppe von fünf Rehen, die vermutlich vom Silbersee in Lößnig herübergezogen ist, eine Dachsfamilie, die sich jedes Jahr einen neuen Bau gräbt, und eine Menge Füchse, die als Einzelgänger umherstreifen. Aber auch Hasen und Kaninchen gibt es, Igel, die unter den Laubhaufen auf den Wintergräbern überwintern, Fledermäuse, die unter den Treppen im Krematorium Unterschlupf gefunden haben, und Eichhörnchen, die ihre Nüsse im Herbst besonders gern in frisch aufgeschütteter Erde verbuddeln.

Um diese Artenvielfalt zu erhalten, werden Baumarbeiten nur zwischen Oktober und Februar durchgeführt, wenn die Brutzeit vorbei ist. Außerdem gibt es Ökowiesen, die nur zwei Mal im Jahr gemäht werden.

 

Grüne Lebensräume in der Stadt

Der Südfriedhof ist mit seinen etwa 800 Großbäumen eine der grünen Oasen in Leipzig und gerade in den Sommermonaten ein beliebtes Ausflugsziel. Ein anderes ist der Wildpark in Connewitz. Hier laufen die Begegnungen zwischen Mensch und Tier geregelter ab – getrennt durch einen Zaun. Getragen wird der Wildpark von der Stadt Leipzig, Betreiber ist die Abteilung Stadtforsten. Wer möchte, kann eine Tierpatenschaft übernehmen. Zu beobachten sind Tiere, wie sie in Mitteleuropa in der freien Wildbahn vorkommen, aber auch solche, die längst sehr selten geworden sind, wie der Wisent, der Luchs und der Elch. »Wer den Wildpark besucht, sollte etwas Zeit und Ruhe für die Beobachtung mitbringen«, sagt Simone Bergbauer, die beim Stadtforst Leipzig angestellt und mitverantwortlich für den Wildpark ist. »Ich habe schon einmal erlebt, dass ein Besucher, kaum dass er den ersten Fuß in den Wildpark gesetzt hatte, die Frage stellte: ›Wo sind denn hier die Tiere?‹«, sagt sie und lacht. Die meisten Besucher wüssten aber, dass die Gehege ihren Bewohnern auch die Möglichkeit zum Rückzug bieten und man zum Beispiel Waschbären auch mal in der Baumkrone suchen muss. Nur in einem Punkt gebe es ab und zu Ärger.

»Das Füttern im Wildpark ist nicht erlaubt«, sagt Simone Bergbauer. Einzige Ausnahme sei dabei der Automat mit artgerechtem Futter für die Tiere im Gemeinschaftsgehege. Drei Arten dürfen das Futter erhalten. Sie sind zur Sicherheit auch noch mal per Piktogramm auf dem Automaten abgebildet. »Leider haben einige Besucher falsche Vorstellungen davon, was Wildtiere fressen«, sagt Bergbauer. Anders könne sie es sich nicht erklären, dass die Tierpfleger beim Reinigen der Waschbär-Gehege schon Mandarinenschalen und in der Uhu-Voliere Hundetrockenfutter gefunden haben.

»Viele Menschen neigen dazu, Wildtiere zu verhätscheln«, sagt René Sievert vom NABU. Dabei führe das Zufüttern häufig zu Krankheiten und einem Ungleichgewicht in der Artenvielfalt. So wie beispielsweise im von Nutrias bevölkerten Stadtteil Schleußig. Die acht bis zehn Kilo schweren Biberratten mit ihren gelben Zähnen und langen Schwänzen haben längst Leipzigs Kanäle erobert – aber auch die Herzen mancher Anwohner.

Um ihr Fressen müssen sich die Tiere jedenfalls keine Sorgen machen. Täglich finden sich für sie auf den Stufen neben der Brücke Küchenabfälle, Obst und andere Leckereien. Eigentlich stammen die Nager aus Südamerika, zu DDR-Zeiten wurden sie in Leipzig in Pelztierfarmen gezüchtet. Als diese sich nach der Wende als unrentabel herausstellten, ließ man die Tiere frei. Mittlerweile sind sie fast eine Attraktion in Leipzig. »Viele Familien kommen am Wochenende auch aus anderen Stadtteilen zum Nutria-Gucken«, sagt Ingegret Shoppe, die in der Nähe der berühmten Nutria-Brücke wohnt. Sie selbst kann mit den »Viechern«, wie sie sie nennt, wenig anfangen, beobachtet aber gern die Kinder beim Füttern. Andere Anwohner stehen mit den Nutrias auf Kriegsfuß und beklagen sich über Schäden in ihren Klein- und Vorgärten.

Andere Lebensräume finden Tiere auf brachliegenden Flächen. Wenn die Stadt wächst, schrumpfen diese Lebensräume. Andreas Sickert, Leiter der Abteilung Stadtforsten und gemeinhin als Stadtförster bezeichnet, spricht dennoch von einer »territorialen Verbesserung« in seinem Zuständigkeitsbereich. Im Auwald verbessert sich die Lage, unter anderem wegen der Mittelwaldbewirtschaftung. Diese Bewirtschaftungsform war bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts üblich und wurde vor einigen Jahren in der Burgaue wieder aufgenommen. Sie bildet die Grundlage für viele, auch seltene und vom Aussterben bedrohte Tiere, denn mit ihr erhöht sich die Baumartenvielfalt. Die Mittelwaldbewirtschaftung fördert vor allem die Stieleiche. Dabei wird ungefähr alle 15 Jahre das Unterholz als Brennholz geräumt, während die Stieleichen stehen bleiben. Im Ergebnis entsteht ein lichter Wald, der ganz und gar nicht zu den finsteren Vorstellungen passt, die Märchen wie »Hänsel und Gretel« hervorrufen. Die Stieleiche trägt auch den Beinamen »Charakterbaum des Auenwalds«. Dieser Charakterbaum ist ökologisch enorm wichtig, von ihm hängen 3.000 Arten ab. Und da alte Eichen geschont werden, steigt im Auwald auch der Anteil an Totholz. Dies wiederum freut den Mittelspecht, eine gefährdete Art, die stark auf alte Stieleichen und deren ausgeprägte Rinde angewiesen ist.

Dennoch herrscht Sickert zufolge der dunkle, feuchte Wald immer noch vor, und das ist nicht ideal. Das Ideal hat ebenfalls mit der Stieleiche zu tun: Ihre Krone lässt ausreichend Licht durch, so dass es darunter andere Pflanzen erreicht, von denen wiederum viele Arten profitieren. Dieser lichtdurchsonnte Lebensraum nutzt sogenannten »wertgebenden Arten«. Bei diesem Stichwort weist Sickert auf eine Vitrine in seinem Büro. Darin findet sich ein Exemplar des Eremiten, ein etwa drei Zentimeter langer schwarzbrauner Käfer, der stark gefährdet ist und dessen Erhaltung mit besonderer Priorität verfolgt wird.

Wie andere Insekten ist der Eremit weder niedlich noch kuschlig, er kann nicht schön singen und nicht hübsch bunt in der Sonne glänzen wie die Eidechse. Dennoch sind Insekten derzeit sozusagen in aller Munde, Insektensterben lautet das Schlagwort. Naturschutzgebiete sind nicht selten wie Inseln von landwirtschaftlichen Flächen umgeben, auf denen Pestizide und Dünger zum Einsatz kommen. Auch im privaten Garten wird mitunter recht großzügig mit Pestiziden oder Herbiziden umgegangen, die für die städtischen Insekten nicht förderlich sind.

Wieder da: Wildkatze und Wolf

Vielleicht hat das Licht, das mit der Stieleiche in den Wald kommt, auch die Wildkatze angelockt – Katzen sonnen sich schließlich gerne. Vor rund zwei Jahren konnte der BUND per Lockstoffkontrolle nachweisen, dass die Wildkatze sich im Leipziger Auwald angesiedelt hat. Sie wurde nicht vom Menschen in den Wald gesetzt, ist auch keine ausgewilderte Hauskatze.

Eine Sensation, denn obwohl die Wildkatze in den Wäldern Mitteleuropas heimisch ist, gilt sie in Deutschland weitgehend als ausgestorben. »An verschiedenen Stellen gab es noch Restpopulationen«, sagt René Sievert vom NABU. Diese hätten in den vergangenen Jahrzehnten von gezielten Schutzmaßnahmen profitiert. Dabei versuche man neue Lebensräume für die Wildkatze zu schaffen und diese, ganz wichtig, durch Grünbrücken und andere Übergänge zu verbinden. Woher die kleine Leipziger Population stammt, weiß man nicht so genau.

Wohl aber, dass sie genetisch mit der Wildkatze in der Dübener Heide verbunden ist. So sei es möglich, dass die Katzen und Kater der Population von dort eingewandert sind, sagt Sievert. Oder aber, dass es die kleine Gruppe im Auwald schon immer gab – ohne dass man es wusste.

Dass sie da ist, ist ein gutes Zeichen, denn es heißt, dass der Wald recht gesund ist: Die Wildkatze braucht Strukturreichtum und Naturnähe, Baumhöhlen und Jagdangebot, einen dicht bewachsenen Boden und viel Platz für ausgedehntes Umherstreifen. Außerdem Ruhe. Deshalb hat der Spaziergänger kaum eine Chance, ihrer ansichtig zu werden. Dennoch lebt sie nun mitten in der Stadt.

Der scheue »kleine Tiger Europas« ist Wildtier des Jahres 2018. Schon vor Ankunft der Römer soll es in Mitteleuropa Wildkatzen gegeben haben, bis ins Mittelalter hinein waren sie keineswegs selten. Danach verschwanden die zusammenhängenden Wälder, die ihnen einen Lebensraum boten, so dass sie fast ausgestorben waren. Mit der Wiedervernetzung von Biotopen, die vor wenigen Jahren gestartet wurde, ändert sich die Lage in einigen Gegenden (s. Interview auf S.22).

Davon profitiert auch der Wolf. Obwohl er in der Stadt selbst noch nicht gesichtet wurde, gilt Leipzig als Wolfserwartungsgebiet. »Aus dem Umland in Sachsen sind schon Einzeltiere gemeldet worden«, sagt René Sievert. Außerdem habe es einzelne Beschwerden über Wolfsrisse gegeben. Dabei sei aber immer schwer abzugrenzen, ob es sich wirklich um Wölfe oder aber um wildernde Hunde handle. Für solche Fälle gibt es in Sachsen in den Landkreisen und auch für die Stadt Leipzig sogenannte Wolfsbeauftragte, an die Bürger sich bei Problemen mit dem Tier wenden können.

Das europäische Naturschutzgesetz stellt den Wolf unter strengen Schutz. Die in der einstigen DDR lebenden Wölfe haben außerdem das Glück, dass nach der Wende einige ehemalige Militärgelände dem Naturschutz zur Verfügung gestellt wurden. »Das sind sehr interessante Lebensräume«, sagt René Sievert: »Zum Teil riesige Areale, die damals von Panzern durchpflügt wurden und die jetzt wieder vollkommen naturbelassen sind.«

Bei all diesen guten Nachrichten kann es trotzdem keine Entwarnung geben: Die Landwirtschaft arbeitet großflächig und intensiv, nicht zuletzt, weil sie entsprechend gefördert wird. Dies kann Arten verdrängen und gefährden, weil durch monotone Landschaften Räume beschnitten werden, die der Nahrungssuche, der Brut oder dem Rückzug dienen. Dies ist bei kleinteiliger Landwirtschaft anders, durch die eine reich strukturierte Kulturlandschaft entsteht, die eine hohe Artenvielfalt fördert, weil innerhalb der einzelnen Bereiche dieses Mosaiks unterschiedliche Pflanzen und Tiere gute Bedingungen vorfinden. Tierarten, die sich dort eingerichtet haben, bekommen dann Probleme, wenn sich der Lebensraum verändert oder wenn andere Arten dominieren können, solche zum Beispiel, die sich von viel Dünger oder häufigem Mähen nicht weiter stören lassen. Im Ergebnis verschiebt sich nicht einfach nur die Zusammensetzung der Arten. Auch der Mensch findet die kleinteilige, vielfältige Landschaft schöner und sie nützt ihm auch. (s. Kasten S. 21)

Nicht nur der Wildkatze tut Ruhe gut. Das Offenland in der Nähe des Cospudener Sees – bewusst wurde hier kein Hochwald aufgeforstet – beweiden Bisons, Ziegen und Schafe in eingezäunten Gehegen. Diese Bewirtschaftungsart wird auch Hutewald genannt. Gemeint ist damit, dass offene Waldflächen beweidet werden. Die Bereiche verbuschen nicht, so dass sich lichte Waldbestände entwickeln. »Diese Form der Beweidung hat eine positive Wirkung auf die Biodiversität, vor allem auf Insekten und Vögel«, sagt Stadtförster Sickert.

Stadtraum für alle: Leipzig verändert sich, und die Stadt gehört offenbar nicht nur dem Menschen. Wildtiere haben ihre Sachen gepackt und sind zugezogen. Zwischen Siedlung und Freiraum, zu Wasser und an Land, in Nischen, Ritzen und in Kirchtürmen schlägt Leipzigs wildes Herz.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 01/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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