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Hohes Frustlevel

Vertreter der darstellenden Künste beklagen Hindernisse bei der Freie-Szene-Förderung

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Einen Dämpfer hat die anfängliche Aufbruchstimmung der Freien Szene in puncto Kulturförderung erhalten. Im Sommer 2017 wurde die langersehnte Fachförderrichtlinie im Stadtrat verabschiedet. Alle – das Kulturamt inklusive – zeigten sich froh, dass der Akt endlich vollzogen war (s. kreuzer 07/2017).

Die Anfang des Jahres veröffentlichte Förderliste 2018 sorgte dann für ordentlich Unterkühlung bei den Vertretern der darstellenden Künste. Auf ihrem Spartentreffen Mitte Januar formulierten sie daher eine Protestnote, die derzeit in der Szene kursiert, um möglichst viele Unterzeichner zu finden.

»Das Frustlevel ist ziemlich hoch«, sagt Spartensprecher Sebastian Weber dem kreuzer. »Insgesamt hatten wir mit Kulturamt und -dezernat einen intensiven, konstruktiven und angeregten Austausch, wie wir ihn zuvor nie erlebt hatten. Und wir verstehen, dass das komplizierte, mühsame Prozesse sind. Gerade für freischaffende Künstler ist es erstaunlich zu sehen, wie lang da bürokratische Wege sein können.« Das Resultat lasse aber zu wünschen übrig, zumal über einen Teil des Prozederes Unklarheit herrsche. Das Statement der Szene führt vier Punkte an: Förderquote, Umsetzung der Förderinstrumente, Transparenz und Zuwachs der Fördermittel.

»Nach der ersten Antragsfrist 2018 erhielten von 55 Anträgen nur 17 einen positiven Bescheid. Darunter sind 6 Kabaretts, die wir für ihre Arbeit respektieren, aber nicht als Teil der Freien Szene begreifen. Zieht man die Kabaretts ab, bleiben lediglich 11 geförderte Projekte – eine Förderquote von gerade mal 20 Prozent.« Das bedeute, dass sich die Förderung der Sparte in einer »alarmierenden Abwärtsspirale« befinde. Seien 2014 noch 16 von 39 Projekten gefördert worden (41 Prozent Quote), seien es zuletzt 2017 mit 14 von 52 nur noch 27 Prozent gewesen. Hierin sind die geförderten Kabarettproduktionen nicht enthalten. Die Quote für 2018 kann im Herbst aufgrund der zweiten Antragsfrist, für die 10 Prozent im Fördertopf verbleiben, noch leicht ansteigen. Das Statement schlussfolgert: »Da die geförderten Projekte in aller Regel nicht in voller Höhe gefördert werden, ist die finanzielle Förderquote – also der Vergleich von beantragter zu bewilligter Förderhöhe – noch schlechter als die numerische.« Die Vertreter erbitten ein anderes Modell in der Kabarettfrage. Wenn die Stadt diese besonders fördern möchte als Teil des städtischen Images, dann könnte das doch durch einen Extratopf gewährleistet werden. Es sei aber unfair, dass das aus dem Budget der freien Darstellerszene geschehe. Immerhin sah das Kulturamt hier Redebedarf: Für Ende Januar lud es Freie Szene und Kabarettvertreter an einen Runden Tisch – der kreuzer wird berichten.

Zur Umsetzung der Förderinstrumente hält das Papier fest, dass diese »bisher nicht implementiert« seien: »Im Antragsformular gibt es keine Möglichkeit anzukreuzen, für welche Art von Förderung man sich bewirbt. Es wurden keine Verfahren für Antragstellung und Bewilligung entwickelt. Und kein einziges (!) der neuen Instrumente (Gastspiel- oder Wiederaufnahmeförderung, Debütförderung, Konzeptförderung) wurde in der vorliegenden Antragsrunde bewilligt. Wir fordern dringend, dass in der Praxis umgesetzt wird, was in der Fachförderrichtlinie beschlossen ist. Es muss nachvollziehbar und praxistauglich geregelt sein, wie die neuen Förderinstrumente beantragt und vergeben werden können.«

Als Drittes fordern die Spartenvertreter mehr Transparenz. Es sei unverständlich, warum noch immer nicht öffentlich bekannt ist, wer in den Fachbeiräten sitzt. Da herrsche in anderen Institutionen, etwa der Sächsischen Kulturstiftung, mehr Offenheit. »Wir wissen auch, dass der Fachbeirat unserer Sparte einen Bericht zur vergangenen Förderrunde geschrieben hat, der unter anderem inhaltliche und formale Stärken und Schwächen unserer Anträge und des Verfahrens in allgemeiner Form benennt.« Diesen wolle das Kulturamt aber nicht veröffentlichen, verweist auf Datenschutz. So könne man aber nicht zusammenarbeiten, meinen die Vertreter und verlangen die Publikation des Berichts. »Ein inspirierter und engagierter Austausch darüber, wie sich die freie Tanz- und Theaterszene unserer Stadt entwickeln soll, ist ohne Transparenz nicht möglich. Wir fordern endlich eine zeitgemäße demokratische Offenheit, die unser Recht auf Mitsprache respektiert.«

Um eine höhere Förderquote zu erreichen und auch die zusätzlichen Instrumente realistisch einsetzen zu können, müsste sich der Fördermitteltopf vergrößern, resümieren die Spartenvertreter.

Dass all die guten Instrumente am zu geringen Budget scheitern könnten, war bereits bei Einführung der neuen Richtlinien zu befürchten. Spartensprecher Sebastian Weber hofft, dass es sich vorrangig um »Startschwierigkeiten« handelt, die sich gemeinsam aus dem Weg räumen lassen.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 02/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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