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Das Buchzeitalter geht zu Ende

Es lebe das Buch! Warum das gedruckte Wort nicht untergeht

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Leben wir Leser nicht in herrlichen Zeiten? Niemals war die Auswahl an Buchtiteln so überwältigend. Wer sich zum Beispiel – soll ja vorkommen – mit der deutschen Gegenwartsliteratur zu Tode langweilt, liest eben englische, russische, angolanische, kolumbianische, tunesische, koreanische Romane. Deutschland ist der weltweit größte Markt für übersetzte Literatur.

Mit einem Klick bestellen wir uns die Ware ins Haus oder statten der Buchhandlung unseres Vertrauens einen Besuch ab. Wer nicht unbedingt druckfrische Ware braucht, besorgt sich antiquarisch, was das Herz begehrt, oder besucht eine öffentliche Bücherei. Nach Belieben und Bedarf wählen wir unter verschiedenen Lesegeräten aus: Wer, in der Straßenbahn oder auf Reisen, keine schweren Bücher schleppen will, benutzt einen E-Reader oder ein Tablet; auch für das Smartphone gibt es eine Lese-App. Ganze Werkausgaben lassen sich in Sekundenschnelle zu Spottpreisen oder gar zum Nulltarif herunterladen. Noch nie seit Erfindung der Schrift haben so viele Leser so schnell und so bequem Zugang zu so vielen, so erschwinglichen Büchern gehabt.

Natürlich ist das nur die eine Seite der Medaille. Diejenigen, die uns mit all den schönen Büchern versorgen, die Schriftsteller, Verleger, Buchhändler, erleben gerade keine goldenen Zeiten. »Es verdienen alle nur noch die Hälfte«, stellte Diogenes-Verleger Philipp Keel im Oktober 2017 in einem Interview mit der FAZ fest. Nun war bekanntlich schon bei den Phöniziern des Kaufmanns Gruß die Klage und die Büchermacherei von jeher ein schwieriges Geschäft. Aber es läuft tatsächlich nicht rund. Allerdings, um es gleich zu sagen: Amazon ist nicht an allem schuld. Dass viele Kunden Bücher lieber online bestellen, als sich in einen Buchladen zu begeben, mag man bedauern, aber die Ursache der Misere liegt woanders: Die Leute kaufen ganz einfach immer weniger Bücher, weil sie immer weniger lesen. Und diejenigen, die überhaupt noch lesen, benutzen dafür nicht unbedingt gedruckte Bücher. Der zahllose Rest surft im Internet und schaut Streaming-Serien. Kurz: Das Buch hat seine jahrhundertelang unangefochtene Vorrangstellung unter den Medien verloren. In diesem Sinne ist das Buchzeitalter vorbei. Das bedeutet aber nicht, dass das physische Buch verschwinden wird.

Als vor zehn Jahren die E-Reader auf den Markt kamen, war für die Schwarzseher das Verschwinden des gedruckten Wortes schon beschlossene Sache. Was passierte? Nichts, nach wie vor werden Bücher gedruckt. Dafür sind jetzt angeblich die monofunktionalen E-Books vom Aussterben bedroht. Wer weiß, jedenfalls verschwindet keine Gerätesparte vom Markt, solange sie keine eindeutig überlegene Konkurrenz bekommt. Und genau darum wird uns das Buch auf absehbare Zeit erhalten bleiben. Denn es weist Vorzüge auf, die das digitale Lesen einfach nicht zu bieten hat. »Lesen ist ein körperliches Phänomen«, sagt der Neuropsychologe und Leseforscher Arthur M. Jacobs. Gedruckte Bücher laden zu einer multisensorischen Begegnung ein, die Lektüre stellt zugleich ein visuelles, haptisches und olfaktorisches Erlebnis dar. Zahlreiche Studien haben erwiesen, dass Leser die Inhalte von Drucktexten besser aufnehmen und in Erinnerung behalten als diejenigen elektronischer Texte. Mit einem Wort: Physische Bücher bieten das intensivere und nachhaltigere Leseerlebnis.

Aber machen wir uns nichts vor: Mit wissenschaftlichen Erkenntnissen lassen sich keine Massen neuer Leser gewinnen. Der Markt wird weiter schrumpfen. Aber vielleicht eröffnet dieser schmerzliche Prozess auch ungeahnte Möglichkeiten: Könnte nicht, sagen wir, der Beruf des Buchbinders wiederaufleben, der Bücher nach Kundenwunsch mit individuellen Einbänden versieht? Schließlich könnte die Buchbranche die Internet-Konkurrenz nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen: Sollte, wer Serien wie »The Man in the High Castle«, »Stranger Things« oder »Dark« schaut, sich nicht auch für anspruchsvolle Literatur begeistern lassen? Nur von einem Bruchteil dieses Millionenpublikums zu profitieren, wäre für den Buchmarkt ein unermesslicher Segen.

Was denn, man wird ja wohl einmal herumspinnen dürfen! Aber im Ernst: Solange es diese verrückten Buchmenschen gibt, all die Antiquare, Buchgestalter, Buchforscher, Verleger, Bibliothekare, Buchhändler, die sich durch nichts davon abhalten lassen, ihrer Leidenschaft zu frönen und ihren Beruf auszuüben, müssen wir uns keine echten Sorgen machen. Wer sie kennenlernen möchte, sollte im März auf die Buchmesse gehen oder sich, als Vorgeschmack, Jörn Morisses und Felix Gebhards schönen Band »Bücherkisten – Von Büchern und Menschen« zulegen. Darin kommen 17 Bibliomanen zu Wort, die sich auf sehr unterschiedliche Weise, aber immer mit Haut und Haaren den Büchern verschrieben haben. Übrigens wirkt keiner von ihnen sonderlich verzweifelt.

▶ Jörn Morisse und Felix Gebhard: Bücherkisten – Von Menschen und Büchern. Mainz: Ventil Verlag 2017. 184 S., 28 €

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 02/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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