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Verstummt

Fast zehn Jahre lang begeisterte die Stummfilmreihe im Grassi-Museum die Besucher. Jetzt ist ihre Zukunft ungewiss

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Am 13. Januar fiel der letzte Vorhang. »Show People« des legendären US-Regisseurs King Vidor stand auf dem Programm, aber eigentlich ist es der Abend von Marion Davis. Ihr ist dieser letzte Teil der Reihe »Diven, Stars und Sternchen« gewidmet. Damit geht die Stummfilmreihe im Grassi-Museum vorerst zu Ende, der die historische Kinoorgel etwas ganz Besonderes verlieh.

Dreißig Veranstaltungen hat Claudia Cornelius liebevoll kuratiert und fachkundig moderiert. Anfang Januar kam überraschend die Nachricht, dass nun Schluss sei. »Nach fast einem Jahrzehnt trennen sich einvernehmlich die Wege der Cinémathèque und des Grassi-Museums für Musikinstrumente.« So ist es auf Facebook zu lesen. Die Gespräche zwischen den Projektpartnern waren ins Stocken geraten. »Gründe sind vor allem die unterschiedliche Auffassung der Kooperation und die Wahrnehmung unserer Arbeit«, sagt Angela Seidel, Geschäftsführerin der Cinémathèque, die die Reihe »Kinoorgel live« gemeinsam mit dem Grassi veranstaltete. »Wir fühlen uns nicht mehr als Partner, sondern als Dienstleister.« Dieses Ungleichgewicht trübte die Zusammenarbeit. »Wir haben die Reihe vor fast zehn Jahren mit der damaligen Direktorin des Grassi entwickelt. Als der neue Direktor Professor Focht kam, wurde allerdings zunehmend die Kostendiskussion geführt.«

Die Cinémathèque bemühte sich, die Kosten zu optimieren. Man schwenkte um von 16 Millimeter auf DVD und Blu-ray, sparte den Vorführer ein. Aber das reichte Focht nicht. »Obwohl das Stummfilmkino gut besucht war und gute Umsätze eingefahren hat, versuchte das Museum weiter einzusparen«, sagt Claudia Cornelius. »Das ging so weit, dass man fragte, ob ich die ganze Organisation nicht kostenlos übernehmen könnte. Das hat mich dann doch überrascht.«

Organisten aus Österreich und Brasilien

Nach ihrem Studium der »European Film & Media Studies« und ihrer Abschlussarbeit über Stummfilm übernahm Cornelius 2012 die Kuration der Stummfilmreihe im Grassi. Das ehemalige Kino hatte nach dem Umbau zwar viel Charme verloren, die aufwendig restaurierte Kinoorgel wartete jedoch darauf, gespielt zu werden, und zog viele professionelle Organisten nach Leipzig. An den unvergesslichen Auftritt von Professor Leidel aus Weimar bei Fritz Langs »Nibelungen« denkt Cornelius gern zurück. Clemens Lucke bespielte die Orgel immer, wenn es Hitchcock gab, und vertonte einmal Buster Keatons »College« gemeinsam mit seinem Freund Christopher Küstner, der extra aus São Luís in Brasilien angereist war. Franz Danksagmüller kam aus Österreich, um Hand an die historische Orgel zu legen. Sie alle beherrschten die Kunst der Zurückhaltung und unterstützten mit ihren Klängen die bewegten Bilder, ohne sich in den Vordergrund zu spielen.

Bis zu sieben Veranstaltungen im Jahr waren es zunächst. Unter Focht dann zuletzt noch vier. »Wir haben viel ausprobiert in den Veranstaltungen. Ich bin auch auf Wünsche vom Publikum eingegangen, auch von Organisten, die sich mal was ausgefallenes Russisches gewünscht haben. Da hab ich dann viel recherchiert und das auch sehr gerne gemacht«, sagt Cornelius.

Das bunt gemischte Publikum dankte es ihr. Familien, Studenten der Hochschule für Musik und Theater, junge verliebte Pärchen ebenso wie graumelierte ältere Semester kamen zu den Veranstaltungen. Menschen, die wegen der Filme erschienen, und jene, die wegen der Orgel aus der Fabrik M. Welte & Söhne kamen. Viele haben sie bestaunt und immer wieder betont, wie besonders sie die Reihe finden.

Wenn es nach Professor Focht geht, soll das auch in Zukunft so sein. »Wir befinden uns derzeit 
in laufenden Gesprächen«, betont der Direktor des Musikinstrumentenmuseums der Universität Leipzig. »Dieses Partnerkonzept ist in den vergangenen Jahren ein wenig asymmetrisch geworden. Wir hatten im vergangenen Kalenderjahr keinen Partner mehr, sondern einen Dienstleister. Unser Partner macht wunderbar die Arbeit, trägt aber kein Risiko.«

Auch Veit Heller, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Museum, schreibt: »Seitens des Museums sollen die Stummfilmaufführungen mit musikalischer Live-Begleitung an der in Mitteldeutschland einzigartigen Kinoorgel natürlich auch in Zukunft fortgeführt werden.« Ob in Zusammenarbeit mit der Cinémathèque oder nicht, das wird sich zeigen. Claudia Cornelius würde der Kinoorgel auf jeden Fall gerne verbunden bleiben – und das Leipziger Publikum gerne mit ihrer Leidenschaft für die Kindertage des Kinos.

http://www.facebook.com/Kinoorgel
Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 02/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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