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Nachts im Schwimmbad

24 Stunden Indoor-Regenwald: Das Tropical Islands ist die Truman-Show unter den Spaßbädern

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An der Kasse für Übernachtungsgäste steht eine Frau und will die Preise für Zimmer wissen. Über hundert Euro pro Person und Nacht – zu viel für sie und ihre Kinder. Sie nehmen ein Zelt. »Ja, das wird dann ein schönes Abenteuer«, sagt die Rezeptionistin, nur so halb überzeugend. Abenteuer Tropical Islands, hallo.

Eine riesige Halle mitten im Nirgendwo von Brandenburg. Früher wurden hier Luftschiffe gebaut, heute befindet sich hier der angeblich größte Indoor-Regenwald der Welt, wie ihn Infotafeln anpreisen. Und nicht nur das. Hinterm Regenwald liegt die »Südsee« mit 200 Meter langem Sandstrand und auf der anderen Seite eine Lagune mit »echter Dschungelatmosphäre«. Echt ist hier allerdings wenig – auch wenn tatsächlich lebende Flamingos in einer Ecke herumstehen und in einem kleinen Becken Schildkröten um eine buddhaähnliche Statue herumschwimmen. Das Tropical Islands an sich erinnert vielmehr an eine Mischung aus Filmkulisse, Gondwanaland, Sachsentherme, Hotelresort und »Truman-Show«. Nur dass alle Anwesenden hier wissen, dass sie sich unter einer riesigen Kuppel befinden und ihnen eine heile Urlaubswelt vorgespielt wird, schließlich sieht man 
das stählerne Gerüst ja überall. Man begibt sich freiwillig und mit Freuden in diese Scheinwelt, denn hier ist immer Sommer. 25 Grad im Schatten der Palmen, das Wasser hat 30.

Wir pfeifen aufs Abenteuer und nehmen ein Zimmer. Nicht weil wir reich sind, sondern weil wir es bezahlt bekommen*. Es liegt mitten im Geschehen zwischen asiatischem Restaurant, Papageienkäfig und dem Notausgang zum Parkplatz. Leider riecht es im Badezimmer so nach Schimmel, dass wir uns beim Toilettengang die Nase zuhalten müssten. Zurück zur Rezeption, die zwar die abenteuerliche Meinung vertritt, Schimmel würde nicht stinken, uns aber trotzdem ein neues Zimmer gibt. Jetzt wohnen wir in der »Hafenstadt«, die Ähnlichkeit mit einer Burg in Irland hat, was wahrscheinlich durch die Kanone vorm Zimmereingang unterstrichen werden soll.

Nur ein paar Meter weiter befindet sich die Saunalandschaft. Asiatische Tempelnachbauten laden zum Kaltduschen ein, und eine Salzgrotte hilft beim »Stressabbau«.

Ohne Stress dann weiter zum Strand. Liegestuhl reiht sich an Liegestuhl. Leute, die frühmorgens zur Reviermarkierung gerne ihr Handtuch irgendwo hinlegen, haben dies vor Stunden schon getan. Zum Glück ist Montag und der Andrang nicht so groß, so dass auch noch Platz für unsere Handtücher ist. Der Sand ist weiß und fein. Wir fangen an zu buddeln. Als der Arm bis zum Ellenbogen im Sand verschwunden ist, kommt Beton. Ende Gelände. Im riesigen Wasserbecken beginnt ein bisschen Spaßprogramm für alle. Ein Mann, der einen Ghettoblaster dabeihat und sich als Johnny vorstellt, legt eine dünne, lange Matte vom Beckenrand aufs Wasser, über die man laufen soll, ohne runterzufallen. Schaffen werden das von den freiwilligen Draufgängern nur ein paar Kinder auf allen vieren. Johnny wirft ihnen zur Belohnung einen Fisch zu.

Später ein Fachgespräch in der Warteschlange an den Wasserrutschen: Unbedingt den Po hochdrücken, damit man schneller wird. Klappt nicht immer. Daher gehen unsere Meinungen auseinander, ob die Rutsche jetzt lahm oder aufregend ist. Aber die Reifenrutsche ist auch gut. Nur auf die ehemals höchste Wasserrutsche Deutschlands trauen wir uns nicht. Tut nämlich weh beim Unten-Ankommen, warnt die Frau vom Fachgespräch.

Im Außenbereich Amazonia kann man auch im Winter unter freiem Himmel baden, denn das Wasser hat 31 Grad und verdampft so schön im Wind, der die Nebelschwaden über die benachbarte Einöde treibt.

Das Abendprogramm spielt sich im sogenannten »Theater« ab: Public Viewing Privatfernsehen. Am frühen Abend werden die Simpsons von Pro Sieben auf die große Leinwand übertragen, zur Primetime »Wer wird Millionär« samt Werbeunterbrechungen von RTL. An manchen Abenden spielt auch ein Singer/Songwriter auf seiner Akustikgitarre die besten Hits der Jahrzehnte, aber heute gibts nur Musikvideos über der Bar und in den anliegenden Raucherlounges. Dort stehen Aschenbecher, wie man sie von Flughafenraucherboxen kennt, die den Rauch wegsaugen. Auch sonst ist es eher ungemütlich.

Aber wir sind ja nicht zum Rauchen oder Fernsehen hier, sondern zum Baden. Nachts leuchten die »Südsee« und die hinter ihr aufgemalten Wolken in wechselnd türkis-blauen Farben und wir drehen ungestört ein paar Runden. Nur ab und an schwimmen wir an einem knutschenden Pärchen vorbei.

Pärchen zählen neben Familien mit Kindern offensichtlich zur Hauptzielgruppe. Ein paar Prolls zum Tätowierungen-Bestaunen tauchen natürlich auf. Apropos tauchen: An bestimmten Tagen kann man im Schwimmbecken tauchen lernen – zu Schwimmbadfliesen, nicht zu Korallenriffen.

Nach 24 Stunden im größten Indoor-Regenwald der Welt haben wir zwar keine Abenteuer erlebt, sind aber sehr entspannt. Als wären wir im Urlaub gewesen.

* Die Übernachtungskosten der Autorin wurden vom Tropical Islands bezahlt.

▶ Das Tropical Islands liegt südlich von Berlin, etwa zweieinhalb Stunden von Leipzig entfernt und ist 24 Stunden am Tag in Betrieb.

http://www.tropical-islands.de

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 02/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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