Startseite / Filmkritik / Leipziger Bären

Leipziger Bären

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

Größeres Bild

Der goldene Bär geht nach Leipzig: »Touch Me Not«, produziert von der Leipziger Rohfilm Productions und unter anderem in Leipzig und Halle gedeht, gewinnt überraschend den Hauptpreis der 68. Berlinale. Wir gratulieren! Glückwunsch auch an Thomas Stuber und Departures Film für den Preis der Ökumenischen Jury und der AG Kino-Gilde für den wundervollen »In den Gängen« – ab 26.4. kann man sich davon überzeugen, warum der Film einer der Kritikerlieblinge der diesjährigen Berlinale ist.

Film der Woche: Zu Beginn der Achtziger im Norden Italiens. Für den Teenager Elio sind die Tage im Sommerhaus der Familie geprägt von Freiheit, Freunden und flüchtigen Liebeleien. Sein Vater, ein angesehener Archäologieprofessor, forscht an der Küste und holt sich den jungen Assistenten Oliver ins Haus. Für Elio ändert sich mit der Ankunft des Amerikaners alles. Eine tiefe Verbundenheit herrscht zwischen Elio und Oliver von dem Moment an, an dem sie sich zum ersten Mal begegnen. Der Junge fühlt sich hingezogen zu dem sportlichen Amerikaner. Die beiden verbringen viel Zeit miteinander. Doch plötzlich ist da mehr – und das überrascht die beiden gleichermaßen. Doch bis sie sich näher kommen, liegen verstohlene Blicke, flüchtige Berührungen, unbeholfene Worte. Der italienische Bildkünstler Luca Guadagnino (»I am Love«) fasst dies in magische, intime Aufnahmen, bei denen das Knistern der Atmosphäre spürbar wird. James Ivory adaptierte den gleichnamigen Roman von André Aciman. »Call me by your name« ist eine unglaublich sinnliche Erfahrung, eine Liebesgeschichte, die sich nicht mit Geschlechterbarrieren abgibt. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Call me by your name«: ab 1.3., Passage Kinos (auch OmU)

Einige Schüler einer Abiturklasse in Stalinstadt (dem heutigen Eisenhüttenstadt) sehen bei einem Westbesuch in der Wochenschau Berichte über den Aufstand der Ungarn gegen die sowjetischen Besatzer. Gemeinsam entscheidet die Klasse, den dabei umgekommenen Genossen mit einer Schweigeminute im Unterricht zu gedenken. Das wird von den Lehrkräften in der DDR aber als ungeheurer Affront gewertet, der sich nach Einschaltung des Volksbildungsministers schnell bis zu einem konterrevolutionären Akt aufschaukelt. Wie bereits in »Fritz Bauer« ist es Kraume auch hier mit bewundernswerter Detailverliebtheit gelungen, den Lebensalltag der 1950er Jahre glaubhaft wieder zum Leben zu erwecken. Im Mittelpunkt stehen die jungen Schüler an der Schwelle zum Erwachsensein, die nicht mehr aktiv am Krieg beteiligt waren, aber dennoch ihr Bündel mitzutragen haben. Bei den eher unbekannten Nachwuchsmimen erweist sich Kraume als exzellenter Schauspielerregisseur, wodurch die »Neuen« spielend gegen die hochkarätigen Stars in den Erwachsenenrollen bestehen können. Zudem ist sein Film ungemein spannend und mitreißend in Szene gesetzt. Ausführliche Kritik von Frank Brenner im aktuellen kreuzer.

»Das schweigende Klassenzimmer«: ab 1.3., Passage Kinos

In ihrer Wohnstatt Dresden und Umgebung sind sie unbekannter als über diese hinaus. Unter anderem erhielten sie den Weltmusikpreis auf dem renommierten Rudolstadt-Festival. Doch um Preise und Prestige geht es Banda Internationale – gegründet 2001 als Banda Communale – nicht. Es geht ihnen um Musik und deren Grenzen sprengende Kraft. Und damit sind sie in Dresden, in Sachsen genau richtig, weil wichtig. Sie beteiligte sich an Potesten gegen die alljährlichen Naziaufmärsche zum 13. Februar. Als Pegida begann, die Straßen unsicher zu machen für alle, die nicht in deren Deutschenbild passten, beteiligte sich die Band immer wieder an Gegenprotesten. Wohl wissend, in der Unterzahl zu sein. Aber das schreckte sie nicht. Sie spielten vorm bedrängten Flüchtlingsheim in Freital und vielerorts, wo es darum ging, die Stimme gegen Rassismus zu erheben. Allmählich wurde die Band selbst zum Kristallisations- und Anziehungspunkt. Menschen verschiedener Herkünfte gesellten sich zur ursprünglichen Musikergruppe dazu, die Band wuchs auf heute rund 20 Mitglieder und benannte sich entsprechend um. Ihr ohnehin als Klezmer-Weltmusik-Brass-Amalgam ausgerichteter Stil wurde dadurch noch vielfältiger.
So ist es kein Wunder, dass allein schon die Musik die Doku trägt. Der Filmtitel leitet sich übrigens von der Leidenschaft eines burkinischen Musikers ab, diesen 70er-Schlager zu singen. Und es ist so etwas wie Sommer, für das die Band in Zeiten von Kaltland Deutschland spielt. Der Film begleitet sie auf der Straße beim Gegenprotest, beim Proben, Reisen und auch Auszeichnungen. Dabei wirbelt der Film charmant und en passant so ziemlich alle Vorstellungen kultureller Zuschreibungen durcheinander – vom Klischee, dass Weltmusik kitschig sein muss, ganz abgesehen.
Schlüsselmoment kann hier eine Szene mit Michal Tomaszewski gelten. Auf Tour nach Polen sagt er: »Gestern rief mich meine Mutter an und sagte, nun sind wir 26 Jahre in Deutschland.« Und dann erzählt er, wie sie damals aus Polen flüchteten und das waren, was man bis heute diskreditierend »Wirtschaftsflüchtling« nennt. Als ob das Begehren nach einem anderen Leben ehrenrührig oder gar kriminell wäre. Und so erzählt er vom nicht immer einfachen Aufwachsen als »Ausländer« und spiegelt auf persönlicher Ebene noch einmal, worum es der Band und dem Film geht: Vielfalt zu zelebrieren ohne Romantisierung. Denn natürlich gibt es Brüche, Konflikte, und auch das zeigt der Film, der lebhaftes Dokument des interessierten Miteinanders ist. Wie aber anders sollte es sein? Es sind doch alles Menschen. TOBIAS PRÜWER

»Wann wird es endlich wieder Sommer«: 1./2., 4.3., Luru Kino in der Spinnerei

 

Weitere Filmtermine der Woche

Oscar Kurzfilme »Animation«
Wunderbar animiert: 5 Filme sind in der Sektion »Animation Short« oscarnominiert. Einer gewinnt. Der Basketballer Kobe Bryants reflektiert in »Dear Basketball« (USA) seine Karriere, in »Negative Space« aus Frankreich erzählt ein ordnungsbegeisterter Sohn von seinem Vater und »Lou« ist eine typisch US-Pixar-rasante Spielzeugparabel. »Revolting Rhymes« aus England bietet einen virtuosen Märchenmix und bei »Garden Party« aus Frankreich sind Frösche die Helden eines Thrillers am Pool. Zusätzlich sind drei weitere vornominierte Animationen im Programm.
1.3., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Der Mieter
Psychoanalyse trifft Film mit dem Polanski-Klassiker – mit psychoanalytischer Betrachtung durch Dr. Arndt Ludwig
Ein Apartment mit dunkler Vergangenheit in einem Haus voller leicht unheimlicher Bewohner. Polanski spielt Trelkovsky, einen stillen, schüchternen Angestellten, dessen unspektakuläres Leben nach dem Einzug in die neue Wohnung zunehmend von dunklen Ängsten überschattet wird. Auch die anderen Hausbewohner tragen nicht gerade dazu bei, seinen Verfolgungswahn zu mildern.
2.3., 19.30 Uhr, Passage Kino

Zatmenie – Die Finsternis
Fantasy Abenteuer um Alex und Tanya, die sich scheinbar zufällig kennen lernen. Während der Live-Übertragung einer TV Show stellt sich heraus, dass Tanya einen Fluch hat, sie ist zur Einsamkeit und Entfremdung von ihren Verwandten verurteilt. Alex, ohne es zu wissen, wird zum Spielball des gefährlichen Spiels zweier mächtiger Magier. Russisches Kino
4.3., 17.30 Uhr, Cineplex (OF)

Striche ziehen
Der Dokumentarfilm von Gerd Kroske erzählt kongenial von einem gescheiterten Kunstprojekt an der deutsch-deutschen Grenze, von Freundschaft und Verrat.
5.3., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Depeche Mode und die DDR – Just can’t get enough
MDR-Dokumentation über die besondere Beziehung der Jugendlichen in der DDR zu der britischen Synth-Pop Band. – Preview, anschl. Gespräch mit der Regisseurin Heike Sittner und weiteren Gästen
6.3., 19 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum

Filmriss Filmquiz
… denn sie quizzen nicht, was sie tun! Das Filmquiz geht in eine neue Runde. Seit 2009 stellen André Thätz und Lars Tunçay Fragen rund um unsere Lieblingskunst, quizzen durch 100 Jahre Filmgeschichte und belohnen Bescheidwissen mit haufenweise feinen Preisen. Ihr könnt alle 50 Schattierungen von Grau aufzählen? Ihr könnt den Handlungsort vom Murmeltiertag buchstabieren? Ihr könnt alle »Star Wars«-Teile in die chronologisch richtige Reihenfolge bringen? Respekt – dann seid ihr hier genau richtig!
6.3., 20.30 Uhr, Conne Island

68 on 35
50 Jahre 1968: Das Luru widmet dem Jahr des Umbruchs eine Filmreihe. Heute gibts Alexander Kluges Retro-SciFi »Der große Verhau« (BRD 1969/70, 35 mm, 88 min). Anschließend wird in »Schrei nach Lust« (BRD 1968, 35 mm, 88 min) ein holländisches Partygirl zur Spionin.
7.3., 20 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Juden zum Verkauf
Der Verkauf von rumänischen Juden an Israel – Operationen des kommunistischen rumänischen Staates im Bereich des Menschenhandels. – Romanian Film Days, mit Vorfilm
7.3., 19 Uhr, UT Connewitz

Deutsche gegen Devisen: ein Geschäft im kalten Krieg
Wie war es möglich, dass das kommunistische Rumänien mit einer ganzen Volksgruppe, etwa 245.000 Rumäniendeutschen, zwischen 1968 und 1989 Handel betrieb? – Romanian Film Days, mit Vorfilm
7.3., 21 Uhr, UT Connewitz

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.