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»Düstere Stoffe liegen mir einfach«

Die Illustratorin Nicole Riegert über Dr. Moreaus Horrorinsel und die Tücken der Buchgestaltung

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Nicole Riegert hat ein Faible für das Sinistre: Nachdem die Leipzigerin das Schauermärchen »Die Braut des Vampirs« (s. kreuzer 11/2012) und das Kurzgeschichtentrauma »Johnny Panic und die Bibel der Träume« bei Kunstanstifter veröffentlichte, folgt nun ein Klassiker: H. G. Wells’ »Die Insel des Dr. Moreau«. Mit dem kreuzer spricht die HGB-Meisterklasse-Absolventin, freiberufliche Illustratorin und Grafikdesignerin über ihre Liebe zur Dunkelheit, das Buchgestalten und den Buchmarkt.

kreuzer: Warum illustrierten Sie einen Klassiker, ist da nicht schon alles gesagt?

NICOLE RIEGERT: Dass es ein Klassiker wurde, ist eher Zufall. Das Wunderbare ist, dass man den Text auf ganz vielen Ebenen lesen kann. Er verhandelt viele Themen und ist sehr offen, was ich für das Illustrieren sehr wichtig finde. Jeder Illustrator hat ja seine ganz eigene, persönliche Sicht auf die Dinge. Und dass ein Text wie »Dr. Moreau« durch Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch den Menschen etwas zu sagen hat, ist ja etwas sehr Faszinierendes. Für mich als Gestalter geht es natürlich auch darum, das Buch ästhetisch ins Heute zu holen.

kreuzer: Vampire, Albträume, jetzt die Horror­insel: Die düsteren Stoffe liegen Ihnen. War das ­Ihre Wahl?

RIEGERT: Die angesprochenen Bücher sind alle selbst initiiert und bei Kunstanstifter umgesetzt worden. Der Verlag unterstützt mich bei meinen gestalterischen Ideen bis hin zu Herstellungs- und Materialfragen. Es stimmt, die Stoffe sind alle recht düster und ja, die liegen mir einfach. Ich mag mich mit ihnen auseinandersetzen, und es fällt mir leicht, Ideen dazu zu entwickeln.

kreuzer: Warum griffen Sie jetzt zum Holzschnitt?

RIEGERT: Ich hatte einfach mal wieder Lust, Holzschnitte zu machen. Seit meiner Studienzeit hatte ich nicht mehr die Gelegenheit dazu; im Alltagsgeschäft lässt sich so etwas nicht unterbringen.

kreuzer: Wie gehen Sie vor, um eine Gestaltung zu finden?

RIEGERT: Ich mache mir ein paar Gedanken zu Technik, Farbigkeit, Grad der Abstraktion, eventuell Themen und Motiven, die im Vordergrund stehen sollen, ob es sinnvoll ist, die Bilder in einer bestimmten Zeit oder an einem bestimmten Ort zu verankern. Dann fange ich mit den ersten Bildern an und probiere viel aus. Ich glaube, die meisten Illustratoren gehen wesentlich planerischer an ihre Bücher heran und machen zuerst Skizzen zu allen Bildern. Allerdings musste ich dann für die Holzschnitte bei jedem einzelnen Bild genau überlegen, wie es aussehen soll. Wenn die Skizze steht, muss ich genau überlegen, wie ich die einzelnen Druckfarben verteile. Ich habe pro Bild fünf bis sieben Druckdurchgänge mit einer Farbe gehabt, wobei ich teilweise die gerade gedruckten Platten für die nächste Farbe weiterbearbeitet oder eine neue Platte genommen habe. Das ist eine ziemlich komplizierte Sache, die mich zu einem sehr konzentrierten Arbeiten zwingt.

kreuzer: Typografie oder Bilder: Was kommt ­zuerst?

RIEGERT: Ganz klar beginne ich mit den Illustrationen. Aber wenn die ersten Bilder stehen, finde ich es schon spannend, den Text daneben zu sehen, und beginne langsam, das Ganze als Buch zu denken. Ich arbeite dann immer abwechselnd an den Bildern, der Typografie und dem Gesamtkonzept.

kreuzer: Wird Illustrationen im Buchmarkt genügend Raum gegeben?

RIEGERT: Ich denke schon, dass der Buchmarkt Illustratoren die Möglichkeit gibt, ihre Projekte zu verwirklichen. Ich persönlich habe auch noch nie erlebt, dass der Illustratorenberuf an sich abgewertet wird. Allerdings hört die Anerkennung in vielen Fällen beim Geld auf. Viele Illustrationsprojekte oder -aufträge auf dem Buchmarkt werden schlecht oder auch gar nicht bezahlt. Hinzu kommt, dass es für Illustrationsprojekte sehr schwierig ist, über Stipendien oder Wettbewerbe Geld hereinzubekommen.

kreuzer: Was gestalten Sie am liebsten?

RIEGERT: Ich möchte weder die freie Arbeit am Buch noch die Zusammenarbeit mit Kunden bei Aufträgen missen. Ich genieße wirklich die Abwechslung. Die Arbeit am Buch ist sehr intensiv, da kann ich ganz abtauchen. Aber es ist einfach sehr viel Arbeit über einen langen Zeitraum. Da ist es dann auch mal ganz erfrischend, zwischendurch eine Aufgabe zu bekommen, die man innerhalb von Tagen lösen muss. Bei der Auftragsarbeit mag ich es auch, gemeinsam mit einem Gegenüber zu einem stimmigen Ergebnis zu kommen und mich in fremde Themengebiete hineinzudenken.

kreuzer: Welches Buch würden Sie gern einmal gestalten?

RIEGERT: Ganz ehrlich? – Ich habe erst einmal keine weiteren Pläne. Das »Moreau«-Buch mit den vielfarbigen Holzschnitten ist über mehrere Jahre entstanden und – so schön es auch war – hat mich sehr viel Kraft gekostet. Jetzt mache ich erst einmal eine Buchpause.

▶ Nicole Riegert & Herbert George Wells: Die Insel des Dr. Moreau. Übers. v. Felix Paul Greve. Mannheim: Kunstanstifter Verlag 2017. 256 S., 26 €

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 03/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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