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Storchenhelferinnen

Zwischen Druck und Selbstbestimmung: Der Berufsstand der Hebammen ist im Wandel – auch in Leipzig

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Aus dem Schnabel des Storches, der im Fenster des Geburtshauses am Johannisplatz hängt, ragt an einer kleinen Kette ein Schild: »Lia«, »Mirko« und »Franz« stehen darauf. So heißen die Kinder, die im laufenden Monat im Geburtshaus geboren wurden – und das Geburtshaus selbst heißt: »Aus dem Bauch heraus«.

Zwischen den weißen Wänden der Erdgeschosswohnung haben sich sechs Hebammen eingerichtet, die in Dreierteams Frauen während der Schwangerschaft und der Geburt begleiten. »Die Frauen, die hierher kommen, wissen: Mein Körper macht das schon«, sagt Annett Heitmann-Mbise, die Gründerin des Geburtshauses. »Und dazu möchten wir sie auch ermutigen.«

Im Geburtszimmer leuchtet die gelbe Wanne, für die jede Frau während der Geburt ihren eigenen Überzug erhält. Neben maximaler Hygiene mangelt es auch an Schalldämpfern, Feuermeldeanlagen und ebenerdigen Zugängen nicht. »Während des (Um-)Bauprozesses von 14 Monaten wurden immer wieder neue Bauvorschriften an uns herangetragen«, berichtet Heitmann-Mbise. »Aber jetzt ist das Bauamt zufrieden«, sagt sie und schaut sich um in den eigenen Wänden: Seminarräume, ein Kursraum mit durchsichtigen Gymnastikbällen und Yoga-Matten, dazu der Geburtsraum mit Toilette, Geburtsbecken und Himmelbett.

Heitmann-Mbise und ihr Team stellen sechs der 137 bei der Stadt gemeldeten Hebammen. Wie sie sind noch weitere knapp 100 Hebammen selbstständig in einer Praxis oder einem Geburtshaus tätig; die übrigen Geburtshelferinnen befinden sich in einem Angestelltenverhältnis mit einer Klinik oder einem Krankenhaus. Sachsenweit gestalten sich die Verhältnisse anders: Freiberuflichkeit und die Arbeitsform der Angestellten wählten hier nach Zahlen des Freistaats Sachsen jeweils knapp die Hälfte der Geburtshelferinnen und -helfer.

»Leipzig hat Raum für ein drittes Geburtshaus«

In Leipzig werden derzeit knapp 7.000 Kinder pro Jahr geboren, Tendenz steigend. Der Grund, weshalb die Hebammen vom Johannisplatz sich zusammengetan haben, liegt auf der Hand: »Wenn du Hebamme bist, stehst du als Einzelkämpferin so ziemlich auf verlorenem Posten.« Kosten für die Berufshaftpflicht – gegen deren steigende Beiträge es in den vergangenen Jahren viel Protest gegeben hatte – und für die anfallenden Materialien, die regelmäßig neu angeschafft werden müssen, können so leichter aufgeteilt werden. »Im Team können wir uns gegenseitig Tipps geben und Erfahrungen austauschen«, sagt Heitmann-Mbise. In Leipzig gibt es derzeit noch ein weiteres Geburtshaus.

Johanna Kern hat derweil die Taschen schon gepackt – für sie führt der Weg zur Geburt ihrer zweiten Tochter ins St.-Elisabeth-Krankenhaus. Bei der Vor- und Nachsorge sowie bei der Wochenbettbetreuung führt Johannas Weg sooft es geht in ihre Connewitzer Hebammenpraxis. Dass die Geburt der Zweiten aber im Krankenhaus stattfinden soll, darüber hat sie nicht lange nachdenken müssen. »Ich finde es schon gut, bei der Geburt die Ausstattung eines ganzen Krankenhauses hinter mir zu wissen«, sagte die 29-Jährige, die selbst als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einer Leipziger Klinik arbeitet.

An dem Angebot und an der Arbeit ihrer Hebamme schätzt Johanna die persönliche Beziehung: »Du duzt dich untereinander und die Hebammen nehmen sich wirklich Zeit für Gespräche während der Behandlung, das ist sehr schön.« Manche Vor- und Nachsorgeuntersuchungen lassen sich nur in einer gynäkologischen Praxis machen. Doch wo es geht, weicht die Pflegerin auf die Angebote ihrer Hebammen aus.

Im Gegensatz zu den Kolleginnen am Johannisplatz betreut Hebamme Susanne Hartel schon seit Längerem keine Geburten mehr. Derzeit ist sie in Altlindenau als Körpertherapeutin tätig. Sie wurde Hebamme, weil ihre eigene Schwangerschaft und die Geburt ihrer Tochter eine sehr beglückende Phase in ihrem Leben gewesen sind, erzählt sie. Deshalb wollte sie auch für andere Frauen gute Rahmenbedingungen bei der Geburt schaffen. Doch mit Mitte 40 stand sie vor dem Burn-out: »Ab den 2000er Jahren wurden die Arbeitsumstände in den Kliniken straffer«, sagt sie. »Früher waren wir Hebammen fest angestellt, heute werden wir von einem Krankenhaus unter Vertrag genommen. Somit müssen wir Kranken-, Sozial- und natürlich die Berufshaftpflichtversicherung selbst bezahlen.« Die Belastung sei so groß geworden, dass für viele der hohe Arbeitsaufwand und der emotionale und psychische Verschleiß, den die Arbeit als Hebamme in einer Klinik mit sich bringe, nicht mehr tragbar sei. Seitdem tritt sie kürzer in ihrem Beruf.

Genau darin sehen die Hebammen vom »Aus dem Bauch heraus« die Stärke ihres Verbundes: »Wir können uns gegenseitig unterstützen und uns gegenseitig ermutigen, auch mal Pause zu machen«, sagt Annett Heitmann-Mbise. Und Arbeit gibt es genug für sie und ihre Kolleginnen in Leipzig: »Leipzig hat auf jeden Fall noch Raum für ein drittes Geburtshaus«, stellt sie fest. Um mehr junge Menschen für den Beruf zu begeistern, wären wohl eine bessere Absicherung in der Selbstständigkeit für die Hebammen und die Akademisierung des Berufes nötig. »Wir können gar nicht allen Anfragen nachkommen, so viele sind es«, sagt Heitmann-Mbise.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 03/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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