Startseite / Filmkritik / Fürs Kino geschrieben

Fürs Kino geschrieben

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

Größeres Bild

Es gibt in dieser Woche mindestens zwei Gründe, statt zur Buchmesse lieber ins Kino zu pilgern – und die basieren noch nicht einmal auf einer Romanvorlage, wie es ja mittlerweile fast wöchentlich vorkommt. »The Florida Project« entsprang dem Kopf des genialen Independent-Filmers Sean Baker (»Tangerine«). Für den Autor dieser Zeilen schlichtweg der beste Film des vergangenen Jahres – und auch in diesem muss das erst noch getoppt werden. Aber auch »Der Hauptmann« beruht auf einem Originaldrehbuch, das Robert Schwentke nach historischen Ereignissen verfasste. Bei seiner Premiere in Toronto im vergangenen Herbst sorgte der Film bereits für viel Aufsehen. Jetzt kommt er in unsere Kinos – vertrieben durch den Leipziger Weltkino Verleih.

Film der Woche: Die »Florida Projects« sind ein sozialer Wohnungsbau am Stadtrand von Orlando, unweit der künstlichen Welt des Walt Disney Parks. SEin Hafen für Gestrandete wie die 22-jährige Halley. Sie lebt allein mit ihrer sechsjährigen Tochter Moonee in einer winzigen Wohnung im »Magic Castle Motel«. Statt in die Schule zu gehen, ist Moonee immer dabei, wenn Halley auf den Parkplätzen der Shopping Malls billig kopiertes Parfum verkauft. Wenn das Geld für die Miete knapp wird, findet der gutmütige Motelmanager Bobby einen Ausweg. Und dann sind da noch die Freundinnen im Wohnblock, die sich gegenseitig helfen. Die Sommersonne brennt und Moonee und ihre Freunde Scooty und Jancey genießen die Freiheit. Sie legen die Stromversorgung des gesamten Motels lahm und zündeln in leerstehenden Häusern. Doch die Verantwortungslosigkeit der junge Mutter bleibt nicht unbemerkt und die sorglosen Tage nähern sich dem Ende. Independentfilmer Sean Baker erzählt seinen Film konsequent aus der Sicht der Kinder. Willem Dafoe verleiht dem Hausmeister Bobby Konturen. Die eigentliche Sensation sind aber die Kinder die absolut natürlich vor der Kamera agieren. Baker lässt sie los und folgt ihnen mit der Kamera durch einen unvergesslichen Sommer.

»The Florida Project«: Passage Kinos (auch OmU)

Als Zuschauer ist man bei »Der Hauptmann« nicht nur zu Filmbeginn orientierungslos: In selten gewordenen Schwarzweißbildern beobachtet man, wie ein junger deutscher Gefreiter von einer Gruppe Landsleute durch einen Wald gejagt wird. Nur mit viel Glück kann er dem Erschießungstod entkommen. Es sind die letzten Tage des Zweiten Weltkriegs und Willi Herold ist offenbar einer von vielen jungen Soldaten, die nur noch ihre Haut retten wollen. Diese mutmaßliche Motivation – der Film bleibt hier absichtlich vage – wandelt sich, als der 19-Jährige in einem verlassenen Auto die Uniform eines Hauptmanns findet, die ihm perfekt passt und in der er wenig später einen fremden Gefreiten dazu bringt, nach seiner Pfeife zu tanzen. Das ist der Auftakt zu einer grauenhaften Geschichte, die sich so ähnlich tatsächlich im April 1945 abgespielt hat. Der 24-jährige Max Hubacher verleiht dem psychopathischen »Hauptmann« zwei Gesichter, während Regisseur Robert Schwentke sich nach seinen Hollywood-Ausflügen auf verstörende Weise des Stoffes annimmt und ihn am bizarren Ende sogar bis in die Gegenwart führt. Ausführliche Kritik von Peter Hoch im aktuellen kreuzer.

»Der Hauptmann«: ab 15.3., Passage Kinos, CineStar, Regina Palast

 

Weitere Filmtermine der Woche

 

Der Buchladen der Florence Green 

Florence Green ist eine verwitwete Frau, die in den späten fünfziger Jahren in der kleinen Stadt Hardborough im Osten Englands einen Buchladen eröffnet. Der neue Laden ist ein Herzensprojekt und findet schnell Anklang, stößt aber auch auf Ablehung bei den Bewohnern des schläfrigen Küstenörtchens. So setzt die im Ort angesehene Violet Gamart alles daran den Laden zu schließen. – Preview zur Leipziger Buchmesse

16.3., 19 Uhr, Passage Kinos (OmU)

Short Attack: Oscar-Shorts 

Shorts Attack stellt im März ein Programm aus den aktuellen Oscar-Nominierungen im Bereich Kurzfilm zusammen: Eine Verwechslungskomödie unter Psychologen: In »The eleventh o’clock« therapieren sich zwei Spezialisten gegenseitig. Der deutsche Beitrag »Watu Wote – All of us« begibt sich auf eine Busreise im vom IS beeinflußten Kenia. Das taube vierjährige Mädchen in »The Silent Child« lernt auf einfühlsame Weise die Gebärdensprache kennen. »My Nephew Emmett« (Foto) aus den USA rüttelt mit einer wahren Geschichte am US-Rassismus-Trauma, und »Dekalb Elementary« folgt einem potenziellen Massenmörder auf Schritt und Tritt. 

17.3., 22.15 Uhr, Cineplex

Za granju realnosti – Beyond Reality 

Der Trickbetrüger Michael hat eine ganz besondere Spezialität: Spielcasinos. Michael ist kein System zu kompliziert und keine Spielhölle zu sicher, doch diesmal hat der Gauner ein europäisches Luxuscasino im Visier. Für seinen bisher größten Coup bereitet sich Michael ausführlich vor, doch dann kommt ihm der Ganove Gordon in die Quere. Mit Antonio Banderas als gewitzten Gegenspieler. – Russisches Kino im Original ohne Untertitel.

18.3., 17.30 Uhr, Cineplex

Saiten des Lebens 

Ein Streichquartett steht in den Startlöchern für die neue Spielzeit. Kurz vor der Feier zum 25-jährigen Bestehen erfährt der Cellist Peter, dass er Parkinson hat. Als er seinen Musikerfreunden davon berichtet und anfängt, über seinen Rücktritt nachzudenken, setzt dies eine Kettenreaktion in Gang, die sich auf das Leben aller vier Musiker auswirkt und den Zusammenhalt der Freunde auf eine harte Probe stellt. Fantastisch besetzter Film mit Christopher Walken, Catherine Keener und Philip Seymour Hoffman. Der Originaltitel des Films »A Late Quartet« bezieht sich auf Beethovens Streichquartett cis-Moll op. 131. Es ist eines der letzten Werke des Komponisten und dient dem Film als musikalisches und inhaltliches Leitmotiv. Das Stück wird vor dem Film vom Gewandhaus-Quartett aufgeführt. – Gewandhaus spielt Kino, Filmabend mit konzertantem Entree

20.3., 19 Uhr, Schaubühne Lindenfels

The Church of the Open Sky 

Der preisgekrönte australische Regisseur Nathan Oldfield reiste zwei Jahre lang mit den Stars der Freesurf-Szene um die Welt. Im Doppel mit »The Outrider« von Jeremy Joyce. – Surf Film Nacht

20.3., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Ziemlich beste Freunde 

Die so verrückte wie wunderbare Freundschaft eines querschnittsgelähmten Adeligen mit einem aus gänzlich anderen Verhältnissen stammenden Migranten, der kurzerhand als Pfleger engagiert wird. Charmante Komödie mit sanft sozialkritischem Anspruch, Riesenerfolg an den Kinokassen. Nach wahren Begebenheiten. – Zum Weltglückstag, International Day of Happiness

20.3., 16.30 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Auf Ediths Spuren 

Peter Stephan Jungks Großtante Edith Tudor-Hart, war Montessori-Kindergärtnerin, Bauhaus-Schülerin, Fotografin, Kommunistin und Spionin des sowjetischen Geheimdienstes KGB, die den erfolgreichen Spionagering Cambridge Five mit aufbaute. – Am 8. März in der Schaubühne Lindenfels im Filmdoppel zum Internationalen Frauentag und am 21. März in der Kinobar Prager Frühling zum Welttag gegen Rassismus / Tag für die Menschenrechte (Foto: Edith Tudor-Hart, Rechte: Familie Suschitzky)

21.3., 18 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Deportation Class 

Die Präzision und Härte der deutschen Asylpolitik und der Abschiebungen, die fern der Öffentlichkeit und abseits von Gegenprotesten vollstreckt werden, schildert »Deportation Class« mit erschreckenden Bildern und nüchterner Haltung. – anschl. Gespräch, im Rahmen des Projektes »Abschiebebeobachtung«

21.3., 19.30 Uhr, Cineding

Die stille Revolution 

Dokumentarfilm über den Kulturwandel in der Arbeitswelt von Kristian Gründling nach einer Vision von Bodo Janssen. Am 21.3. in Anwesenheit von Regisseur Kristian Gründling und Protagonist Bodo Janssen.

21.3., 19 Uhr, Passage Kinos

Festival der Demokratie 

Eine Chronik der Ereignisse rund um den G20-Gipfel. Sehr einseitige Doku, die mithilfe von Crowdfunding realisiert wurde. – In Anwesenheit des Regisseurs

21.3., 19 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar