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»Es gibt noch gläserne Decken«

Kyra Steckeweh ist dem Leben vergessener Komponistinnen auf der Spur

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Als klassisch ausgebildete Pianistin hat Kyra Steckeweh sich vom eng abgesteckten Repertoire-Kanon an Hochschulen und Konzerthäusern gelöst. Seit drei Jahren lebt sie in Leipzig und beschäftigt sich mit der Musik größtenteils unbekannter Komponistinnen aus der Hochzeit des Klaviers zwischen 1800 und 1930. Sie nahm bisher zwei CDs mit diesem Repertoire auf. Am 31. Mai hat ihr Dokumentarfilm über Leben und Werk von vier Komponistinnen, deren Lebensmittelpunkte in Berlin und Paris lagen, Premiere im Berliner Kino Babylon. Der Berliner Filmemacher Tim van Beveren begleitete die Musikerin auf den Spuren von Fanny Hensel (1805–1847), Emilie Mayer (1812–1883), Lily Boulanger (1893–1918) und Mel Bonis (1858–1937). Steckeweh geht es um die Schließung einer riesigen Wahrnehmungslücke.

kreuzer: Die Arbeit am Film »Komponistinnen« beschäftigte Sie während der letzten drei Jahre. Worum geht es genau?

KYRA STECKEWEH: Thema des Films ist es, sichtbar zu machen, wie diese Frauen es in ihrer Zeit geschafft haben, zu komponieren und etwas zu hinterlassen. Die vier Komponistinnen stammen natürlich alle aus bürgerlich-privilegierten Verhältnissen, hatten aber ganz unterschiedliche Schicksale. Als Protagonistin bin ich an verschiedenen Orten im Gespräch mit Wissenschaftlern, Pianistenkollegen und Herausgebern zu erleben.

kreuzer: Welche Begegnungen und Orte waren besonders interessant?

STECKEWEH: Ich habe die Urenkelin von Mel Bonis getroffen, sie hatte den ganzen Nachlass auf dem Dachboden in einer Kiste! Ich durfte die Sachen anfassen und lesen, mir die Fotos anschauen. Lili Boulanger ist ja etwas prominenter, hier gibt es beispielsweise ein Landhaus, eine Art Pilgerstätte, und ihr altes Wohnhaus in Paris, das man besichtigen kann.

kreuzer: Auf deutscher Seite geht es um die inzwischen etwas bekanntere Fanny Hensel. Aber wie haben Sie Emilie Mayer entdeckt?

STECKEWEH: In der Berliner Staatsbibliothek stieß ich auf das Autograf der d-Moll-Klaviersonate von Emilie Mayer. Ich hab das Stück durchgesehen und gemerkt, das ist fertig, eine Reinschrift. Ich wollte es unbedingt spielen. Emilie Mayer ist wirklich eine außergewöhnliche Frau. Sie war alleinstehend und hatte eine eigene Wohnung in Berlin, was damals extrem außergewöhnlich, ja, anrüchig war. Sie hat acht Sinfonien geschrieben und diese im Konzerthaus in Berlin aufgeführt. Sie erzeugte komplett aus Eigenantrieb eine große Öffentlichkeit für sich. In diesem Falle gibt es leider keine Briefe oder Tagebücher. Der Film orientiert sich hier an der Dissertation von Almut Runge-Woll, die das Leben dieser Frau rekonstruiert.

kreuzer: Gab es einen auslösenden Moment für Ihre Beschäftigung mit Komponistinnen?

STECKEWEH: Ja, das war die Suche nach Mendelssohns Trio d-Moll auf Youtube. Dort wurde mir das Trio d-Moll von seiner Schwester Fanny vorgeschlagen. Das Stück hat mich umgehauen, es ist eines ihrer stärksten Werke, richtig ausgearbeitet, man sieht, wie originell sie kompositorisch ist. Daraufhin habe ich angefangen zu recherchieren, seit 2013 bin ich richtig intensiv am Thema.

kreuzer: Was denken Sie über das Fehlen weiblicher Idolfiguren im Kompositionsbereich?

STECKEWEH: Als Kind habe ich gedacht, Komponieren, das können nur Männer. Ich dachte, dass Frauen im allgemeinen Repertoire nicht auftauchen, habe den Grund, dass sie es wahrscheinlich nicht so gut können, sonst gäbe es ja etwas. Hätte ich Komponistin werden wollen, hätte ich schwer ein Vorbild gehabt. Obwohl wir Genderseminare hatten, war ich auch im Studium noch betriebsblind. In Schulbüchern gibt es Fanny Hensel und Clara Schumann, jeweils angebunden an ihren Bruder oder Mann. Allein als kreative Persönlichkeiten aber werden Frauen auch heute in Lehrbüchern nicht dargestellt, man nimmt so etwas unterbewusst wahr. Das betrifft nicht nur Musik und hat garantiert eine starke Auswirkung auf Mädchen, auch wenn Frauen heutzutage alles dürfen, was Männer dürfen. Aber es gibt gläserne Decken, alles Mögliche, was Frauen bremst und abhält.

kreuzer: Halten Sie die Tätigkeit eines klassischen Interpreten heutzutage für kreativ?

STECKEWEH: Die Marketing-Maschine hinter den Interpreten ist riesig und dominant. Wenn man zu den Topverdienern gehört, muss man ein bestimmtes Repertoirespektrum abdecken. Der Saal wird voll, wenn das Publikum die Werke kennt. Kreativ zu sein, heißt für mich, dass man sich auch mit seiner eigenen Zeit beschäftigt, feststellt, was für die Gesellschaft interessant ist. Ich sehe meine Tätigkeit auch soziologisch, gendermäßig. Ich finde, zum Musikersein gehört auch diese Recherchearbeit und die Überlegung: Wo liegen meine Stärken? Es kann nicht jeder alles.

kreuzer: Was haben Sie als Nächstes vor?

STECKEWEH: Das Gebiet wird mich noch eine ganze Weile beschäftigen, von Emilie Mayer gibt es beispielsweise noch zehn unveröffentlichte Cellosonaten, die mich sehr interessieren, auch von Fanny Hensel noch eine Menge unveröffentlichter Stücke. Ich möchte mir als Nächstes Komponistinnen in Osteuropa ansehen.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 11/2017. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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