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Hin- und herreißend

Die Oper Halle ist wieder eine Reise wert. Statt um Auslastung geht es um Auseinandersetzung. Jüngstes Beispiel: »Aida«

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Auf dem Nachhauseweg dachte ich: Okay, da zeigt Regisseur Michael von zur Mühlen also eine »Aida«, die sich auf der Metaebene verliert. Denn es geht ihm um die ganz große Sache. Gar nicht so sehr ums Stück; mehr um Werktreue und die Freiheit des Gesamtkunstwerks; aber auch um die Frage, warum wir Oper überhaupt noch brauchen.

Dazu werden dann Autoren wie T. W. Adorno und Heiner Müller, aber auch Frankreichs Präsident Macron und Carolin Emcke, die Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, in Videoeinspielern herbeizitiert. Nicht nur viele Köche, auch viele Metaebenen können den Brei verderben, wenn die Zutaten eines ganzen Spielzeitmenüs in einer Inszenierung verrührt werden.

Opernintendant Florian Lutz ist gerade auf einem guten Weg. Bringt Schwung in die Bude. Heimst Preise ein. Schafft es mit Fokus auf dem Inhalt, junges Publikum zu interessieren. Und setzt mit Uraufführungen Akzente. So ein Theater zieht dann auch wieder Regisseure und Autoren an, die sich hier zu Hause fühlen. So dachte ich.

Ich dachte: Weniger wäre mehr gewesen. Denn auf der konkreten Spielebene nehmen uns Bühnenbild und Kostüme mit in die Zeit der Uraufführung. Immer ein bisschen angekantet. Männer im Frack, aber auf Plateauschuhen. Es geht um sogenannte Werktreue. Aber dieses werktreue Bild wird hinterfragt; wird schnell zur Projektionsfläche für heutige Zeitschichten. Apropos: Wie werktreu ist eigentlich die Vorstellung eines italienischen Komponisten von der Pharaonenwelt?

Es geht auch um ein Theater der Repräsentation. Von zur Mühlen zwingt die Sänger an die Rampe und dort zur hohlen Geste. Er lässt sie zweidimensional, marionettenhaft agieren – eine deutliche Parallele zum heutigen Starkult in Mailand oder Salzburg. Und wir lernen eine psychologische Figurenführung wieder neu schätzen, weil sie uns hier so vehement vorenthalten wird. Großartige Bilder sind zu sehen, beispielsweise wenn der Chor auftritt. Da werden die Ägypter wie Schaufensterpuppen aus einer Abstellkammer reihenweise auf die Bühne geschoben. Tote mithin zum Leben erweckt. Zombietheater. Auch ganz am Ende, wenn die Ägypter somnambul herumschlurfend Plakate hochhalten, die Selfies zeigen. Wer bin ich? Wo bist du? Kommunikationsstörungen. Hervorgerufen durch Migrationsströme und Krieg? So kann man das lesen. Merkwürdigerweise gibt es in dem ganzen Brei auch immer wieder ein paar rote Fäden. Das sind schöne Momente.

Ein solcher ist auch der Triumphmarsch. Für Regisseure eine Herausforderung. Elefanten und Löwen oder das krasse Gegenteil. Machtintrigen hinter den Kulissen, wie es Peter Konwitschny in Leipzig gezeigt hatte. Von zur Mühlen ist nah an Konwitschny und zeigt die Ägypter, wie sie in einer Galerie stehen und sich Fotos anschauen. Zu sehen sind Porträts des Künstlers Hans Eijkelboom. Menschen in der Stadt unterwegs. Sortiert danach, ob sie einen Pullover -tragen, Eis essen oder telefonieren. »Aida« ist ja auch eine Geschichte über siegreiche Ägypter und unterlegene Äthiopier. Freund und Feind. Wir und die anderen. Da muss man sich schon mal sortieren.

Je länger ich nachdenke, desto klarer strukturiert sich diese Inszenierung. Wenn da nicht die Metaebene wäre. Heiner Müllers »Wenn alles gesagt ist, werden die Stimmen süß. Dann kommt die Oper.« Nur noch Unterhaltungsindustrie. Und auch ein alter Hut. Müller starb im alten Jahrtausend: 1995.

Rückblende. Im Oktober 2008 hatte die Oper Leipzig einen richtigen Theaterskandal. Michael von zur Mühlen inszenierte Wagners »Fliegenden Holländer«. In der Inszenierung zeigten Filmsequenzen Kühe in einem Schlachthof. Die LVZ schrieb von einer »unterirdischen Inszenierung«. Der Wagner-Verband forderte, »als Heilung der entwürdigenden aktuellen Respektlosigkeit« die Oper in »Richard-Wagner-Oper Leipzig« umzubenennen. Peter Konwitschny, der als Chefregisseur 2008 frisch am Haus war, stellte sich vor den Regisseur und verteidigte die Freiheit der Kunst. Die Leipziger Oper war im Gespräch und machte neugierig. Auch das war ein Effekt.

Warum ich das erwähne? – Die »Aida« wirkt dann doch viel durchdachter als der »Holländer«. Politischer auch. Die Sortier- und Migrationsgeschichte passt in die Zeit. Und auch die Frage nach dem System, in dem die Oper heute stattfindet. Der Brei entbreit sich. – Übrigens auch in der Musik. Der scheidende GMD Josep Caballé-Domenech und die Staatskapelle entscheiden sich für eine klare, zupackende Version ohne Schnörkel. Ein großartiger Tenor Magnus Vigilius singt den Radamès. Großartig sind auch die anderen Solisten. Am Ende ist es wohl doch eine positive Kritik. Hin- und hergerissen zu sein bedeutet ja auch, dass einen die Sache nicht loslässt.

▶ »Aida«: 4.3., 16 Uhr, 24.3., 19.30 Uhr, Oper Halle

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 03/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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