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Organversagen

Episoden aus dem Leben einer Lustigen Volkszeitung. Diesmal: Gelassen gegen Rassismus?

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Manchmal muss erst etwas Wasser die Mulde herunterrauschen, bevor in Leipzig Nachrichten von dort ankommen. Laut LVZ soll dort, genauer: in Grimma, bald der Muezzin vom Moschee-Minarett krakeelen. Glauben Sie nicht? Stand so in der Regionalausgabe Muldental:

»Eine Moschee inmitten von Grimma. Laute Muezzin-Rufe über den Dächern der Stadt. Allein die Vorstellung davon wird es manchem kalt den Rücken hinunter laufen lassen. Die Ängste wachsen vor einer Überfremdung der eigenen Kultur.«

Nun gut, die Moschee war nur ein schriller Aufmacher. Die gibt es gar nicht, nicht einmal einen Gebetsraum, sondern nur einen entsprechenden Marker auf Google Maps. Den kann jeder hinterlassen haben. Da kann ein bisschen Abrüstung unter den Entrüsteten ja nicht schaden. Allerdings vollzieht LVZ-Autor Frank Pfeifer das genaue Gegenteil. Unter der Überschrift »Etwas mehr Gelassenheit« bringt erst einmal viel Verständnis für die Besorgten auf: »In den Kleinstädten und auch schon manchen Dörfern der Region gehören sie mittlerweile zum täglichen Bild: Frauen mit Kopftüchern und Kindern an der Hand, dunkelhäutige Männer. Zwar gab es schon zu DDR-Zeiten viele Fremde, doch diese pendelten hauptsächlich zwischen ihren Wohnheimen und Betrieben, waren kaum in der Öffentlichkeit wahrzunehmen. Das hat sich geändert. Und ein Begleiter der Veränderung ist die Furcht.«

Sperrt man Nichtdeutsche – sowieso blöd, dass man ihre Arbeitskraft braucht – wie in der DDR weg, ist das noch okay? Man sieht sie ja nicht? Und da ist Furcht selbstverständlich? Pfeifer untermauert das Angstargument: »Dazu kommen immer wieder Meldungen von Schießereien in Leipzigs Eisenbahnstraße, von Gewalt in anderen Metropolen. Niemand will das verständlicherweise haben in der beschaulichen Idylle der Provinz.« Was Rockerbandenkriege jetzt mit Moscheen zu tun haben, will sich nicht erschließen. Ebenso wenig die »Gewalt in anderen Metropolen«. Pfeifer inszeniert hier ein Schreckgespenst von »Ausländerkriminalität«, das er selbst logisch nicht zu fassen bekommt. Aber darum geht es ihm auch nicht, sondern um Verständnis: »Die Bedenken einfach beiseite zu schieben, wurde aus vermeintlich guter Absicht lange versucht – vergeblich.«

Er fordert einen Dialog, das ist ja gerade in Mode, dieses »Mit Besorgen/Rechten reden«: »Stattdessen werden jene als Nazis beschimpft, die Fremdes einfach nur beklemmt.« Zwar beendet Pfeifer seinen Text mit einem Hinweis auf die Façon des alten Fritzen und der Mahnung nach religiöser Toleranz. Aber sein Verständniseinfordern für Ressentiments und Rassismus überwiegt. Zumal er »der Provinz« keinen Gefallen tut, wenn er alle dortigen Bewohner als weltfremde Menschen klischiert, die zusammenzucken oder in Rage geraten, wenn sie jemanden mit dunklerem Teint sehen.

Natürlich gibt es nicht den einen Provinzler, der einfach aus Unwissen nicht anders kann, als xenophob zu sein. Doch macht sich gerade der LVZ-Muldental-Lokalteil immer wieder für solche Positionen stark und wirbt für Verständnis. Als das kürzlich gegründete Neue Forum für Wurzen forderte, dem Netzwerk für Demokratische Kultur die öffentliche Förderung zu streichen, berichtete die Zeitung ganz unbefangen. Ganz so, als ob das Forum nur aus einfachen Bürgern bestünde. So kann man rechte Positionen auch zur Normalität machen. Da muss wohl noch sehr viel Wasser die Mulde hinunterfließen.

An dieser Stelle begleiten wir in unregelmäßiger Folge die publizistische Praxis der vom Kapitalismus gebeutelten Leipziger Volkszeitung, ehemals »Organ der Bezirksleitung Leipzig der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands«.

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