Startseite / Kultur / Sitzfleisch und musikalische Erfüllung

Sitzfleisch und musikalische Erfüllung

Der »Leipziger Kantaten-Ring« bringt dem Bachfest 2018 einen Besucherrekord

Größeres Bild

Am Sonntagabend ging in Leipzig das zehntägige Bachfest zu Ende und verzeichnete in diesem Jahr mit 79.000 gezählten Besuchern den Rekord seiner Festivalgeschichte. Hauptereignis und Publikumsmagnet war der ausverkaufte »Leipziger Kantaten-Ring«, in welchem am ersten Festivalwochenende Bachs dreißig »beste Kantaten« von weltweit führenden Bach-Interpreten innerhalb von 48 Stunden aufgeführt wurden. Über den Sinn dieses auf Quantität, Superlative und gutes Sitzfleisch zielenden Marathons konnte man vorher viel spekulieren.

Für gewöhnlich sind die ursprünglich als gottesdienstliche Gebrauchsmusik entstandenen Werke nur einzeln zu hören. Lässt man sich aber erst einmal auf die Kantatenfülle als ein großes, nur von Shuttlepausen unterbrochenes geistliches Gesamtwerk ein, ist es ohne Frage ein Erlebnis, in deren unendliche Vielfalt einzutauchen, den musikalischen Variantenreichtum zu bestaunen und Querbezüge und parodistische Wiederverwertungen innerhalb von Bachs geistlicher Musik zu entdecken.

Ein guter Einfall war, jeder Kantate eine Lesung der zugrunde liegenden Evangelientexte voranzustellen. So konnte man einerseits dem interpretatorischen Ansatz der musikalischen Textausdeutung im Detail folgen oder sich andererseits, da man den Hintergrund der Geschichte bereits kannte, auf das reine Klangerlebnis konzentrieren. Und gerade der Klang war bei John Eliot Gardiner und seinen Ensembles Monteverdi Choir und English Baroque Soloists (wie immer) unerreicht edel und homogen, mit innerer dynamischer Beweglichkeit und klarem Textverständnis bei allen Sängerinnen und Sängern. Kantaten-Soli besetzt Gardiner wie Opernrollen – besonders herausragend der Counter-Tenor Reginald Mobley oder die Sopranistin Julia Doyle, beispielsweise in ihrer Rolle als »Seele« im Duett mit Jesus, dem Bass Peter Harvey. Das Niveau der Instrumentalisten ist ebenso hoch: Jede Harmonie, jede Dissonanz sind ausgehört, Gardiner findet mit seinen Ensembles ideale Tempi für schwebend federnde Triolenketten oder erbarmungslos schneidende Rhythmen und Phrasenlängen, die bis hinter den Horizont zu reichen scheinen. Zum Abschlusskonzert des Rings wiederholte er als Zugabe den letzten Chor »Gloria sei Dir gesungen« aus der Kantate »Wachet auf, ruft uns die Stimme« BWV 140 und die in der Nikolaikirche versammelten Musikliebhaber aus aller Welt stimmten in den Chor ein. In einem solchen Augenblick ist man sogar bereit zu vergessen, wie elitär und kostspielig das dargebotene Spektakel ist, für das man im Ticket-Gesamtpaket bis zu 500 Euro ausgeben kann.

Die Darbietungen der anderen Bach-Koryphäen wirkten im Verhältnis dazu auf hohem Niveau weniger außergewöhnlich, dennoch gab es etliche Glanzlichter. Besonders der Vergleich mit Ton Koopman, der ebenso wie Gardiner die kompletten Bachschen Kantaten aufgenommen hat, war interessant: Er lässt die Musik kommen, das Ergebnis ist flexibler, er lässt mehr Raum, findet eigene, sehr stimmige Energieniveaus. Die Kantate »Ich habe genug« BWV 82 mit Klaus Mertens als Bass bleibt besonders in der Erinnerung, mit ihrer tröstlichen Umdeutung der Angst vor der eigenen Vergänglichkeit in den Worten: »Ich freue mich auf meinen Tod.«

Bei 161 oft zeitgleich stattfindenden Veranstaltungen ist es unmöglich, einen Komplettüberblick über das Bachfest zu gewinnen. Man sammelt punktuell Eindrücke entlang der eigenen Vorlieben. Einen musikalischen Kontrapunkt setzte der Neue-Musik-Spezialist Steffen Schleiermacher mit den »Sonatas und Interludes for Prepared Piano« von John Cage aus den Jahren 1946/48. Nach dem opulenten Kantatenring eine willkommene Erfrischung: Schleiermacher floss sein Repertoirestück wie selbstverständlich aus den Fingern und er verwandelte den nunmehr etwas gedimmten Flügelklang virtuos in eine exotisch filigrane Welt von Schellen und zartem Schlagwerk. Bachs eigenes Klavierwerk wurde von namenhaften Pianisten wie dem frisch gekürten Bach-Medaillenträger Robert Levin, Nelson Goerner und dem Cembalisten Andreas Staier dargeboten. András Schiff brillierte im Gewandhaus mit den exorbitanten Schwierigkeiten der Goldbergvariationen und ließ seine Zuhörer nur im Dunkeln darüber, warum er das »Italienische Konzert« zu Beginn seines Recitals gleich zweimal direkt hintereinander spielte. Wirklich besser oder grundsätzlich anders gestaltete er diese Wiederholung jedenfalls nicht.

Einen weiteren Höhepunkt lieferte der niederländische Cellist Pieter Wispelwey mit seiner Aufführung von Bachs Solo-Suiten. Die Entscheidung für das Spiel auf einem historischen Instrument birgt ihre Tücken: Der ungeschönte Materialklang entwickelt sein Eigenleben, damit muss der Interpret auf der Bühne oft ein wesentlich höheres Risiko eingehen als der Spieler moderner, standardisierter Instrumente. Als Musiker kann man also permanent versuchen, die Unausgewogenheiten zu kaschieren, oder sich mit ihnen anfreunden. Für Wispelwey stellt gerade diese widerspenstige Note einen Reizpunkt der musikalischen Auseinandersetzung mit Bachs Cello-Suiten dar, das spürte man in seiner Lust, die klangliche Vielfalt, aber auch die manchmal schwierig anzuhörende Heterogenität des Instruments auszukosten. Seine Virtuosität und sein Humor sorgten für ein fantastisches Konzerterlebnis, in dem glatte Perfektion eben nicht das Maß der Dinge ist.

Zum Abschlusskonzert am vergangenen Sonntag landete man dann quasi zu Hause, bei den Thomanern und der Akademie für Alte Musik aus Berlin unter Gotthold Schwarz in der Thomaskirche. Niemanden sollte die gelungene internationale Vermarktung des kompakten »Kantaten-Rings« davon ablenken, wie selbstverständlich und allgegenwärtig die Pflege des Bachschen Kantatenwerks im Leipziger Musikleben ist. Das Lokale und scheinbar Normale muss nicht zwangsläufig provinziell oder zweitklassig sein und sollte auch ohne großes Marketing angemessene Wahrnehmung finden.

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar