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Kino-Kur

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Das Filmfestival in Karlovy Vary ist das perfekte Gegenmittel zur Berlinale. Wo es in Berlin im Februar bitterkalt ist, die Kinos überlaufen sind und die Besucher sich grummelig durch die Foyers der Multiplexe schieben, herrscht im Kurbad Kino-Wellness. Im Juli lässt es sich einfach besser von Leinwand zu Leinwand hoppen, wenn man dazwischen nicht befürchten muss, der Witterung ausgesetzt zu sein. Zudem befinden sich die Projektionsflächen der Träume in traumhaft schönen Sälen. Die entsprechen zwar nicht immer den neusten Dolby-Maßstäben, haben dafür aber jahrhundertealten Charme. Schließlich lebt das Festival, das vom 29. Juni an zum 53. Mal einen Blick vor allem auf das osteuropäische Kino wirft, von seiner Atmosphäre. Den öffentlichen Partys, den Freiluftkino-Abenden, den Menschen mit den orangenen Festivalbändern, die durch die Altstadt flanieren und Film feiern.

Und Filme gibt es auch in diesem Jahr reichlich zu entdecken. Der Wettbewerb bietet neue Werke etwa vom rumänischen Regisseur Radu Jude (»Aferim!«), spannendes Kino aus Österreich mit Peter Brunners »To the Night« und der Türkei mit »Brothers« von Ömür Atay. Ein deutscher Film fehlt diesmal im Wettbewerb, aber es finden sich einige Koproduktionen, wie etwa »Dream Away« von Marouan Omara und Johanna Domke, die die ehemalige Touristenhochburg Sharm El Sheikh als heutige Geisterstadt einfangen. Ebenfalls im Dokumentarfilmwettbewerb: »Svideteli Putina« (»Putins Zeugen«) von Vitaliy Manski, dessen Nordkorea-Doku »Im Strahl der Sonne« vor drei Jahren seine Premiere beim DOK Leipzig feierte. Darin zieht der ukrainische Regisseur ein Fazit nach neun Jahren Putin durch die Aussagen von Zeitzeugen. Produziert wurde der brisante Film von der Leipziger Deckert Distribution.

Daneben gibt es auch wieder eine Auswahl der A-Festivals von Cannes, Berlin und Venedig zu sehen und viele Filmemacher freuen sich auf den sommerlichen Kurort. So wird sich Terry Gilliam in Karlovy Vary von den Strapazen der über zehn Jahre dauernden Arbeiten an »The Man Who Killed Don Quixote« erholen und seinen Film dem Publikum präsentieren. In einer Sonderreihe wird der Austin Film Society, der Independentfilmszene in Texas, gehuldigt, die so spannende Regisseure wie Andrew Bujalski (»Computer Chess«), Jeff Nichols (»Take Shelter«) und Robert Rodriguez (»El Mariachi«) hervorgebracht hat, deren Erstlingswerke noch einmal zu sehen sein werden. Außerdem hat sich mit Richard Linklater einer der kreativen Köpfe der quirligen Szene angekündigt, dem man in entspannter Atmosphäre bei seinen immer wieder interessanten Geschichten lauschen darf.

> »Karlovy Vary International Film Festival«: 29.6.–7.7.,  www.kviff.com/en/homepage

Film der Woche: Narben sagen mehr als Worte, und die von Yasmins kleinen Töchtern sind so groß, dass sie sich nicht verstecken lassen. Sie stammen von einem Brandanschlag, den die Familie Shash in Deutschland erleben musste. Die beiden Mädchen sind in hier geboren und aufgewachsen, perfekt integriert. Ebenso ihre resolute Mutter Yasmin, die nichts anderes will, als ihren Kindern ein normales, friedliches Leben zu ermöglichen. 1989 flüchtete Yasmin mit ihren Eltern vor dem Bürgerkrieg in Somalia, die anderen Familienmitglieder sind seitdem über verschiedene Länder verstreut. Die Regisseure Melanie Andernach und Andreas Köhler fokussieren die Akteure zunächst einzeln und veranschaulichen in aufschlussreichen Alltagsszenen, mit welchen Schwierigkeiten sie in den jeweiligen Einwanderungsländern zu kämpfen haben. Schließlich begleiten wir die ganze Familie nach Äthiopien, wo Großmutter Imra seit der Flucht lebt. Am liebsten will die fast 90-Jährige zurück in ihre Heimat Somalia, während ihre Kinder verzweifelt darum kämpfen, sie ins sichere Europa zu holen. Dank des sehr persönlichen Blickwinkels macht dieser einfühlsame Beitrag zum Thema Flucht und Integration einiges deutlich, das wir aus der hauptsächlich mit Zahlen und Ängsten befassten Mediendebatte nicht erfahren: Die multiplen Traumata, mit denen jeder einzelne geflüchtete Mensch leben muss. Ein erhellendes Porträt einer beeindruckenden Familie – exemplarisch für viele individuelle Schicksale, die wir nur allzu oft ausblenden. Ausführliche Kritik von Karin Jirsak im aktuellen kreuzer.

»Global Family«: 28.6., 1./2.7., Cinémathèque in der Nato, am 1.7., 19 Uhr Filmgespräch mit dem Regisseur

Simon ist schwul. Und damit nicht genug der Probleme: In dem konservativen amerikanischen Umfeld weiß niemand davon. Der 17-Jährigen hat es bisher erfolgreich vor seiner Familie und den Schulfreunden geheim gehalten. Zu allem Überfluss kennt er nicht einmal die Identität des Klassenkameraden, in den er sich online verliebt hat. Beide Probleme zu lösen, bedeutet für Simon einen Schritt, der gleichermaßen angsteinflößend und lebens-verändernd ist, der für den Kinogänger aber auch höchst unterhaltsam ausfällt. Greg Berlanti, der sich bereits in »Dawson’s Creek« um die Nöte junger Erwachsener sorgte, adaptierte Becky Albertallis hochgelobtes Buch, zu einer charmanten Coming-of-Age Geschichte über die spannende Reise auf der Suche nach sich selbst und der ersten Liebe. Newcomer Nick Robinson (»Jurassic World«) überzeugt in der Hauptrolle als zweifelnder Teenager, der sich in einem Moment in farbenprächtigen Tagträumen verliert, bevor ihn der Gedanke an sein Coming-Out im nächsten Moment wieder auf den Boden zurückholt. Dabei bewegt er sich in den klaren Grenzen einer von sympathischen Figuren bevölkerten Leinwandwirklichkeit, die es am Ende vielleicht etwas zu sehr übertreibt mit ihrer positiven Message. Jennifer Garner und Josh Duhamel geben die verständnisvollen Eltern in dieser unterhaltsamen Komödie, die Heranwachsenden in ähnlicher Situation Mut macht, es Simon gleich zu tun. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Love, Simon«: ab 28.6., Passage, CineStar, Regina Palast

Weitere Filmtermine der Woche

Phantasm – Das Böse 2
Seit fast 40 Jahren beglückt Don Coscarelli eine eingeschworene »Phantasm«-Fangemeinde mit der Suche nach dem Tall Man. Horror-Special
29.6., 22.30 Uhr, Cineplex

Wir sind die Neuen
Aus finanziellen Gründen ziehen die früheren Jugendfreunde Anne, Eddie und Johannes zusammen. Alle sind schon um die 60 und ecken erwartungsgemäß mit der Studenten-WG eins tiefer an. Höchst unterhaltsame Generationenkomödie.
29.6., 19.30 Uhr, Lindenauer Kirchencafé

Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt
Stilbildender SF-Horrorthriller über den Kampf einer Raumschiffbesatzung gegen ein außerirdisches Wesen, dessen Entwürfe vom Schweizer Künstler HR Giger stammen. – Saisoneröffnung des 2cl – Sommerkino auf Conne Island
30.6., 21 Uhr, 2cl – Sommerkino auf Conne Island

Animal World (Dongwu shijie)
Manga-Verfilmung mit Michael Douglas. Clown-Krieger Zheng Kai Si (Li Yi Feng) nimmt an einem diabolischen Spiel ums Überleben teil. Das Cineplex zeigt die chinesische Originalfassung mit Untertiteln am 29. und 30. Juni und am 1. Juli.
30.6., 17.15 Uhr, 1.7., 20 Uhr, Cineplex (OmU)

Háwar – Meine Reise in den Genozid
Der Dokumentarfilm erzählt von der Reise der Regisseurin und ihrem Vater zurück zu ihren Wurzeln. Die Journalistin, die mit ihrer Familie ein glückliches Leben in Deutschland führt, reist zum ersten Mal zum Ursprung ihres Glaubens, in die jesidischen Siedlungsgebiete in den Nordirak. Dorthin, wo die Terrormiliz des Islamischen Staats unfassbare Gräueltaten verübt. – anschl. Gespräch mit der Filmemacherin und Gründerin des Vereins »Háwar« Düzen Tekkal und VölkerrechtlerAlexander Schwarz
3.7., 19 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Als wir träumten
Andreas Dresens gelungene Adaption des Nachwende-Leipzig-Romans von Clemens Meyer.
4.7., 21 Uhr, Ost-Passage Theater

La Siciliana Ribelle
Screening im Rahmen der Ausstellung »Donne e Mafia – Frauen und Mafia« des Centro interdisciplinare di cultura italiana der Uni Leipzig.

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