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»Meine Heimat ist der Freistaat«

Ministerpräsident Kretschmer diskutierte im Paulinum über seine Auffassung von Heimat

Die Podiumsdiskussion mit Ministerpräsident Kretzschmer. Größeres Bild

Der Begriff Heimat hat seit geraumer Zeit wieder Hochkonjunktur und es inzwischen sogar bis zu einem eigenen Ministerium geschafft. Aber was bedeutet Heimat in Zeiten globaler Mobilität, freiwilliger wie erzwungener Migration und neuer Wanderungsmuster? Das war eine der Fragen, die das Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig klären wollte. Stargast der Podiumsdiskussion: Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU).

Ein Rentner will in den Fahrstuhl des Paulinums steigen, um in den fünften Stock zu fahren, wo Michael Kretschmer über den Heimatbegriff diskutieren will. Doch der Rentner darf nicht rein. Der Fahrstuhl ist für den Ministerpräsidenten reserviert, der jede Minute kommen soll. »Das ist ja wie früher«, grummelt der Mann, »als es noch den König gab.«

Nachdem Kretschmer ungestört mit dem Aufzug aufs Podium gelangt ist, gibt es erst einmal Streicheleinheiten für die vergrämte Leipziger Seele. Er nehme jede Einladung nach Leipzig an, weil er die Stadt so mag, erklärt er wahlkampferprobt zu Beginn. Zur Diskussion mit dem Titel »Heimat als Ort und Prozess« erzählt er auch gleich von seinem ersten Wahlkampf im Jahr 2002: »Ich habe damals gesagt: Meine Heimat ist Görlitz! Aber die Werbemenschen waren der Ansicht, Heimat klinge so altmodisch. « Seitdem sei es ihm ein Anliegen, dass der Begriff wieder was Selbstverständliches werde:

»Wir brauchen das alle, Heimat.« – Michael Kretschmer, Ministerpräsident

Geht es vielleicht auch ohne?

Rudaba Badakhshi ist da anderer Meinung. Die Mitarbeiterin im Referat für Migration und Integration der Stadt Leipzig und Mitbegründerin des Zentrums für Europäische und Orientalische Kultur sagt: »Ich habe nie über den Begriff Heimat nachgedacht, bevor ich zu dieser Diskussion eingeladen wurde. « Beate Binder dagegen schon. Vor zehn Jahren bereits, sagt die Professorin für Europäische Ethnologie und Gender Studies an der Humboldt-Universität zu Berlin und erklärt, was sich inzwischen verändert hat. Das Wort werde inzwischen immer stärker dazu benutzt, um Grenzen zu ziehen:

© IfL / Swen Reichhold

»Heute wird weniger gefragt, wie Fremde hier eine Heimat finden können, sondern eher, wie wir unsere Heimat bewahren können.« – Beate Binder, Humboldt-Universität Berlin

Was ist Heimat also? Nicht nur die Städte und Dörfer, die Bäume im Wald? Die Meinungen und Thesen der Anwesenden gehen weit auseinander. »Meine Heimat ist der Freistaat Sachsen«, sagt der Ministerpräsident. Ein Ort der Erinnerungen. Heimat sei nichts Gegebenes, findet dagegen Binder. »Heimat kann auch eine Terrorveranstaltung sein.« Heimat werde mehr im ländlichen Raum vermutet als in der Großstadt, erklärt Moderator und Direktor des Leibniz-Instituts für Länderkunde, Sebastian Lentz. In der DDR gab es zwar Heimatkunde, aber keine Verbundenheit damit, merkt eine Frau aus dem Publikum an. Heute ist Heimat eher ein Kampbegriff der Rechten, doch in der Bundesrepublik der Siebziger Jahre wurde er auch schon von den Atomkraft-Gegnern und der Umweltbewegung benutzt, erklärt Binder. Heimat ist etwas typisch Deutsches, weil es den Begriff in vielen anderen Sprachen gar nicht gibt, glaubt Uni-Rektorin Beate Schücking. In manchen Gegenden ist die Abwanderung positiv besetzter als die Heimatverbundenheit, sagt Moderator Lentz und nennt als Beispiel Sachsen-Anhalt, wo Eltern den Kindern schon beibringen, dass sie von hier wegziehen sollten, wenn sie was werden wollen. »Zu Hause« wäre vielleicht ein treffenderes Wort als Heimat, wirft ein Zuschauer ein.

Debatte mit vielen Fallstricken

Es geht viel um Begrifflichkeiten an diesem Abend. Eine akademische Debatte, in der über Instrumentalisierung und Exklusion geredet wird und die sehr schnell zu den Themenfeldern Migration und Integration führt. Kretschmer verteidigt Abschiebungen und Ankerzentren, betont aber, dass man auch mit Wirtschaftsflüchtlingen »anständig« umgehen soll. Darauf angesprochen, dass auch gut integrierte Mädchen aus Mazedonien, die längst Heimatgefühle für die sächsische Landschaft entwickelt haben, abgeschoben wurden, erwidert er: Sie sollten in Mazedonien ihren Schulabschluss machen und es mit einem Visum nochmal versuchen.

© IfL / Swen Reichhold

»Ich habe nie über den Begriff Heimat nachgedacht, bevor ich zu dieser Diskussion eingeladen wurde.« – Rudaba Badakhshi, Stadt Leipzig

Er erhält nur Applaus von einigen. Das Publikum im Paulinum ist gemischt. Studenten sind gekommen, Menschen, die sich beruflich oder ehrenamtlich mit Migration beschäftigen, Rentner und Leute »aus dem Bereich Otto-Normal-Verbrauch«, wie sich eine Dame selbst bezeichnet. Badakhshi glaubt, es gebe drei Gruppen von Menschen: Diejenigen, die Heimat als etwas Nostalgisches nach dem Motto »Futtern wie bei Muttern« sehen. Diejenigen, die Heimat als Kampfbegriff benutzen. Und diejenigen, die mit dem Begriff nicht viel anfangen können. Aus der letzten Gruppe sind wohl die meisten Anwesenden.

Am Ende geht’s dann auch doch noch ums Heimatministerium. Wieso heißt es überhaupt HEIMATministerium? Moderator Lentz findet die passende Antwort: »Es war wahrscheinlich schwer, einen anderen Begriff zu finden, der nicht drei Zeilen lang ist.«

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Dein Kommentar

  1. apisto. | 6. Juli 2018 | um 14:07 Uhr

    Dieser Ministerpräsident diskutiert mit so unverschämten und unberufenen Personen wie jener Frau Badakhshi und wird die Quittung dafür bekommen. Die Sächsische Union wäre gut beraten, die Freistaat an die beiden anderen Freistaaten heranzuführen sowie an Österreich, Ungarn, Tschechien und Polen. Sonst bleibt auch von der Sächsischen Union nichts übrig.