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Gefühl von Urwald

Im Hainich unterwegs mit dem Ranger – und auf den Spuren von Wildkatze und Luchs

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Gemächlich bewegt sich der Geländewagen auf der Schotterpiste durch eine Landschaft, die grüner nicht sein könnte. Bei heruntergekurbelten Fenstern steigt mir der herzhaft-frische Geruch von Bärlauch in die Nase. Am Steuer: Helge Graßhoff, Ranger im Nationalpark Hainich. Ihn darf ich einen Tag lang bei seiner Arbeit im größten zusammenhängenden Laubwaldgebiet Deutschlands begleiten.

Im Westen Thüringens, zwischen Eisenach, Bad Langensalza und Mühlhausen, nicht ganz 200 Kilometer von Leipzig entfernt, erstreckt sich der Hainich mit einer Fläche von 160 Quadratkilometern. Nicht erst seit der Ernennung zum Unesco-Weltnaturerbe im Jahr 2011 ist der Wald ein Touristenmagnet, mit dem Baumkronenpfad (kreuzer 06/2018) als Hauptattraktion.

Lange bevor aus dem Wald ein Nationalpark wurde, begann Helge Graßhoffs Tätigkeit hier. »In diesem Gebiet habe ich jahrelang im Holzeinschlag gearbeitet«, erinnert er sich, während er das große Auto sacht auf den schmalen Wegen lenkt. Ragt ein Ast in die Fahrbahn, steigt er flugs aus und sägt ihn ab. Das jedoch ist einer der wenigen Eingriffe in die Natur. Menschen sind im Hainich nur Zaungäste. »Als die Fläche dann zum Nationalpark erklärt wurde und wir von der Nutzung der Bäume zum Schutz wechselten, war das schon eine Umstellung.« Seitdem ist Helge Graßhoff Nationalpark-Ranger und kümmert sich um Pflege, Umweltbildung und Forschung. »Wir werben zwar damit, dass der Hainich ein Urwald ist, aber tatsächlich sind es eher urwaldähnliche Verhältnisse«, erklärt der Ranger. Seit 1935 wurde der Südteil des Hainich als Truppenübungsplatz genutzt. Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterte die sowjetische Armee das Gebiet, welches erst 1991 für die Bevölkerung freigegeben wurde. Von Kahlschlag und Panzerbefahrung gezeichnet, kann sich der Wald nun endlich frei entfalten.

Im Schatten der Buchen steuern Helge Graßhoff und ich auf eine Niederschlagsmessstation zu. Alle zwei Wochen prüft er in diesem eingezäunten Bereich, wie viel Wasser an Ästen und Stamm entlangläuft und welche Menge den Boden in unterschiedlichen Tiefen erreicht. An jedem markierten Baum misst er die Menge des Regenwassers und füllt es in Plastikgefäße ab. Diese werden nach Gotha gebracht und dort analysiert. Graßhoff arbeitet jedoch nicht nur mit Säge, Klemmbrett und Wasserbehältnissen. »Eine Kamera habe ich immer dabei. Man weiß ja nie, was einen erwartet. Ende Januar ist es mir gelungen, eine Wildkatze zu fotografieren. Ich war draußen unterwegs, bin um eine Kurve gebogen und da saß sie, etwa drei Meter vor mir. Nur wenige Sekunden hatte ich, um ein paar Fotos zu machen.«

Die Wildkatze ist das Symboltier des Hainich. Ein »Sympathieträger«, wie Helge Graßhoff sagt, und nebenbei auch sein Liebling im Hainich. Nachdem er das Regenwasser abgefüllt hat und wir durch die nasse Wiese zurück zum Auto gestapft sind, schwärmt er: »Für uns war es eigentlich normal, dass die Wildkatze da ist. Erst nach und nach wurde uns bewusst, wie wertvoll das eigentlich ist.« Die scheuen Tiere suchen sich nicht irgendwelche bewaldeten Gebiete aus. Sie benötigen großflächige, unzerschnittene Wälder mit vielen Versteckmöglichkeiten. Für den Besucher ist es nahezu unmöglich, eine Wildkatze zu sehen. Und auch der Ranger bekommt in manchem Jahr keine zu Gesicht.

Um die Tiere dennoch erforschen zu können, wurden sogenannte Lockstöcke aufgestellt, Holzstöcke, die mit einem Messer angeraut werden. Eingesprüht mit Baldrian, kann keine Katze diesen Stöcken widerstehen und reibt sich daran. So verfangen sich Haare, deren Erbgut später untersucht wird. Auch das Auto des Rangers ist erfüllt vom strengen Geruch des Baldrians. »Egal wo mein Auto steht, meist habe ich ganz schnell vierbeinige Fans«, erzählt er. »Nachdem wir bemerkt hatten, dass das Anlocken mit Baldrian funktioniert, wollten wir wissen, wie sich die Tiere an den Lockstöcken verhalten.« Dieses Geheimnis wird nun durch Fotofallen gelüftet. Sie zeigen völlig außer Rand und Band geratene Wildkatzen. Doch auch Wildschweine, Rehe, Waschbären und Dachse sind offensichtlich nicht ganz uninteressiert am Baldrian.

Nur einer entzieht sich der Kamera bisher fast völlig: der Luchs. Helge Graßhoff und ich stehen im Wald genau dort, wo kürzlich der erste Fotonachweis gelang. »Hier ist der Luchs entlanggegangen, so schnell, dass die Fotofalle nur einmal auslösen konnte«, sagt der Ranger, während er Speicherkarte und Batterien der Fotofalle wechselt. »Es sind viele Jahre vergangen mit Vermutungen – und dann endlich der Nachweis!« Wo der Luchs herkommt? Das wisse man nicht. Womöglich bildet der Hainich eine Durchgangsstation für Luchse auf der Wanderung zwischen Harz und Bayerischem Wald. Ob er wiederkommt? »Das wissen wir nicht. Der Luchs ist eben ein Geist des Waldes.«

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