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Festivaltagebuch: Kaffeerunde und Bangen beim Torgauer In Flammen Festival

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Fangen wir niedlich an: Putzig, wie der Grashüpfer in den langen grauen Haaren des Mannes herumkletterte, der da gerade zu God Dethroned schunkelte. »Old School« hatte er auf den Arm tätowiert und das sollten er, der Grashüpfer und alle anderen bekommen. Überhaupt war es ziemlich viel Oldschooliges, was dieses Jahr das In Flammen Open Air bestimmte – und vor allem war es der Death Metal, der punktete.

In diesem Jahr gestaltete sich schon der Anreisedonnerstag als Verlockung. Am Abend stauten sich leider die ankommenden Fans bis zur Abfahrt Torgau zurück. Manche warteten drei Stunden und nicht jeder schaffte es, Cannibal Corps zu sehen. Dafür hat niemand etwas verpasst – sagen Dabeigewesene. Auch der Autor musste später anreisen. Das Urgestein spulte seinen Todesstahl zu routiniert ab, dem kehligen Grunzgesang fehlte es an Ausdruck. Das hat man schon viel besser gesehen.

Die Freude auf die anderen Tage war darum umso größer. Den Freitag toppten I Am Morbid. Wer gedacht hätte, der Abspaltung von Morbid Angel würde der Schwung fehlen, irrte. Mit perfektem Sound verteilten die Headliner ihr Death-Metal-Paket, das auf den Nacken schlug, wie eine Waschmaschinenladung nasser Handtücher. Am Samstag erfüllte Napalm Death alle Wünsche. Zwischen politischen Botschaften – »No Nazis«, gegen Geschlechterklischees, Menschenrechte gelten für alle – und hoch agilen Flummi-Sprung-Einlagen des Sängers Barney verschossen sie ihren Death-Metal/Grind von der Bühne. Kein Song dauerte länger als drei Minuten, so gelang ein sehr abwechslungsreiches Finale. Es knüppelte also ordentlich.

Insgesamt hatte Veranstalter Thomas ausreichend Varianz auf die Wald- und die kleine Zeltbühne geholt. So richtig verfangen haben aber vor allem die Death-Metal-Bands. Die Black-Fraktion wollte oder konnte nicht so recht. Impaled Nazarene etwa langweilten mit Eintönigkeit. Goath waren okay, sind aber überbewertet und der Hype um den »süddeutschen« Blackmetal nervt. Dafür können sie vielleicht nichts und Klappern gehört zum Handwerk und so – aber dann muss man auch liefern. Richtig gut waren Taake, aber so richtig mitgehen wollte die innere Haltung dann nicht. Ja ja, die Sache mit dem umgedrehten Hakenkreuz ist lang her und wer Religion an sich ablehnt, kann und muss den Islam scheiße finden. Wer provoziert, muss auch Echo können. Bei mir zündete der gute Gig nicht, andere kamen erst gar nicht vor die Bühne. Na ja.

Bevor wir wieder zum Hübschen kommen: Saor erwiesen sich als große Enttäuschung. Als Verheißung von epischem Pagan (nur echt aus den schottischen Highlands) gehandelt, zeigten sie nichts weiter als langsamen Melodic-Metal mit momenthaften Geigeneinsatz. Denn die Geige wurde tatsächlich geloopt! Nicht immer beherrschte der Violinist sein Instrument, hier und da traf er den falschen Ton oder war unsauber. Trotzdem war der Loop schnell fertig und machte mit dem Geigenbogen den Manowar-Krieger, während die anderen Musiker weiterspielten. Warum waren nicht auch Bass, Gitarre, Drum geloopt? Eine Geige und Gitarren zum Einsatz zu bringen, ist keine Weltidee. Das haben viele Bands vorgemacht – Saor hätten es wissen können.

Schluss mit dem Gemecker, insgesamt war es ein großartiges Festival. Natürlich gab es am Samstagmittag wieder die Kuchentafel, mit Kaffee und Krümeligen für lau. Eine großartige Idee, den Gedanken von der Metalfamilie mit dieser Kaffeepartie zu realisieren. Dass die Leipziger von Human Prey mit ihrem brachialen Brutal-Death es einmal eröffnen durften, war mehr als eine schöne Geste. Mit der Band Zeit waren – ebenfalls aus der nahen Messestadt – ein lokal bekanntes Trio am Start, das sich neue Fans erspielte. Ihr Mix aus dröhnendem Black Metal, drückenden Klangwänden und vernebelten Melodieschleifen zog das ganze Zelt in seinen Bann. Auch die dumme Doom-Idee. Besonderer Dank für Bangfreuden geht an Venenum und Undergang.

Und neben mehreren grünen Grashüpfern haben wir noch einige andere Tiere gesehen. Viele Schwalben machen diesen Sommer, ein Storch lugte um die Ecke, Bachstelzen kreuzten schwanzwippend hüpfend meinen Weg und einen Fuchs beobachtete ich auch. Tot auf der Straße. Man sieht: Death is a lifestyle. Danke, In Flammen!

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