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Urlaub im Kino

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Urlaubszeit, Reisezeit: Auch das Kino ist in dieser Woche unterwegs, sei es auf dem Selbstfindungstrip der zwei Studenten in Hans Weingartners sicherem Sommerhit »303« oder dem von »Nico, 1988«, der die Velvet-Underground-Ikone in den sicheren Abgrund führte. Das Kino steht nicht still und das ist gut so. Davon konnte man sich auch gerade beim Filmfestival in Karlovy Vary überzeugen, wo mit Filmen wie Gaspar Noés »Climax« oder Timur Bekmambetovs »Profile« spannende, innovative Wege ausprobiert wurden, die das Medium bereichern. Hoffentlich bald auch in einem Kino dieser Stadt.

Film der Woche: Sommer in Berlin: Irgendwo in der Millionenstadt packt Jule ihre Sachen, nachdem sie gerade ihre Bio-Prüfung verhauen hat, und auch Jan will weg, um sich auf die Suche nach seinem leiblichen Vater, einem spanischen Bootsbauer, zu machen. Das Schicksal will es, dass sich die Studenten an einer Raststätte über den Weg laufen. Jule ist mit einem alten Mercedes-Camper – der die Inspiration für den Titel gab – auf dem Weg nach Portugal, Jan reist per Anhalter und steigt bei ihr ein. Aber so einfach finden sich die beiden verlorenen Seelen nicht, denn Jule ist ungewollt schwanger und unterwegs zu ihrem Freund Alex. Doch der Weg ist lang und da bleibt viel Zeit für lange Unterhaltungen und tiefe Blicke. Das Touch-and-Go der beiden Charaktere sorgt fürs Knistern auf der Leinwand, zum Mitreisen animieren aber vor allem die Dialoge. Über viele Hunderte Kilometer hinweg diskutieren die beiden über Konsum und Kapitalismus, Liebe, Sex und menschliche Verhaltensweisen und kommen sich dabei näher. Allerdings landen sie nicht gleich bei der ersten Gelegenheit im Stroh. Es ziehen ebenso viele Kilometer an ihnen vorbei, bevor jeder für sich eine Entscheidung treffen muss. Hans Weingartner (»Die fetten Jahre sind vorbei«) verpackt seine Gesellschaftskritik in eine leichte Sommer-Romanze, ein Roadmovie für Fernwehmütige, getaucht in satte Sonnenbilder. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»303«: ab 18.7., Passage Kinos

Christa Päffgen, genannt Nico – Model, Schauspielerin, Musikerin. Sie liebte das Experiment, sei es in ihrer Kunst oder auf ihrem Lebensweg. Sie ließ nichts aus und zahlte schließlich den Preis. Im Jahr 1986 ist sie ein Wrack. Körperlich am Ende und schwer gezeichnet von ihrer jahrelangen Heroinsucht driftet sie durch Europa mit einer Begleitband aus Musikern, die unter ihren Launen zu leiden hat. Der Entzug kommt eher ungewollt, gibt ihr aber die Möglichkeit zur Versöhnung mit ihrem Sohn, der bei den Großeltern in Frankreich aufwuchs. Mit Ari fasst sie neuen Mut, doch es ist zu spät, ihr Leben herumzureißen. 1988 stirbt Nico. Die italienische Regisseurin Susanna Nicchiarelli rekonstruiert die letzten zwei Jahre als traumgleiches Road-Movie vorbei an Einsamkeit und persönlichen Abgründen. Ihre Hauptdarstellerin, die Dänin Trine Dyrholm (»Das Fest«), hat zwar wenig Ähnlichkeit mit der hageren Deutschen, lässt das aber durch ihre Leinwandpräsenz schnell vergessen. Sie verleiht dem komplizierten Charakter Nicos eine faszinierende Form, zerrissen zwischen Zerbrechlichkeit und emotionaler Abgestumpftheit. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

»Nico, 1988«: ab 18.7., Kinobar Prager Frühling (OmU)

Der 89-jährige Regie-Exzentriker Alejandro Jodorowsky, der mit den surrealistischen Midnight-Movies »El Topo« und »Montana Sacra« in den Siebzigern Kultstatus erlangte, verneigt sich mit einer autobiographischen Rückbesinnung vor seiner Kindheit im Chile der 1940er – Fellininiesk inszeniert und berührend erzählt. Der feine Berliner Wolf-Verleih bringt den Film nun auch bei uns auf die Leinwand und welche wäre da besser geeignet als die in der Spinnerei.

»Endless Poetry«, ab 19.7., Luru Kino in der Spinnerei

Weitere Filmtermine der Woche

120 BPM
Paris in den Neunzigern: Eine Organisation junger Leute will mit radikalen Aktionen auf die Missstände im Kampf gegen AIDS aufmerksam machen. Ausgezeichnet mit dem Grand Prix in Cannes. – anschl. Gesprächsrunde mit Gästen, im Rahmen des Christopher Street Day
19.7., 19.30 Uhr, Cinémathèque in der Nato

Tangerine L.A.
Die stürmische Transe Sin-Dee Rella kommt gerade aus dem Knast, da steckt ihr Alexandra, dass ihr Freund und Zuhälter Chester sie mit einer echten Frau betrogen haben soll. Sin-Dee tickt aus und will Chester zur Rede stellen. Turbulenter, sonnendurchfluteter Trip auf dem Strip von L.A. – Das mephisto 97.6-Sommerkino
19.7., 21.30 Uhr, Zaubergarten

Leichen unter brennender Sonne
Das Paar Luce und Bernier lebt in einer idyllischen Burgruine auf der Insel Korsika mit dem Gangster Rhino zusammen. Als Rhino einen Überfall auf einen Gold-Transport vermasselt, ist die Polizei ihm auf den Fersen. Bei dem unvermeidlichen Aufeinandertreffen kommt es zu einer blutigen Schießerei, die die ganze Nacht dauern soll. Blutiger Action-Thriller in Anlehnung an Italo-Western und die brutalen italienischen Polizeifilme der siebziger Jahre.
20.7., 21.15 Uhr, Luru-Kino in der Spinnerei (OmU)

Silvana
Ein persönlicher Blick auf die schwedische Hiphop-Feministin Silvana Imam, die mit ihrer Musik gegen Rassismus und für die Gleichberechtigung aller eintritt. Im Rahmen des Christopher Street Day.
20.7., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling

Filmriss Filmquiz
Das Filmriss FIlmquiz zieht um: Nach sieben Jahren im Conne Island ist es Zeit für einen Tapetenwechsel. Ab sofort findet das Filmquiz an jedem vierten Freitag im Monat im StuK statt. An der gewohnt unterhaltsamen Rateshow rund um Film ändert das indes nichts. André Thätz und Lars Tunçay quizzen sich durch die Filmgeschichte mit allerlei Hintergrundwissen und feinen Preisen.
20.7., 20.30 Uhr, Studentenkeller StuK

Short Attacks: Große Gefühle
Best-of des Clermont-Ferrand Short Film Festivals.
21.7., 22.45 Uhr, Cineplex

Pippi Langstrumpf
Die wohlerzogen Geschwister Tommy und Annika sehnen sich nach Abwechslung in ihrem Dorf. Der Wunsch geht in Erfüllung, als eines Tages ein kleines, rothaariges Mädchen angeritten kommt. Sie heißt Pippi Langstrumpf und zieht mit Pferd Kleiner Onkel und Äffchen Herr Nilsson in die leer stehende Villa Kunterbunt ein. Erzieherin Prysselius vom Jugendamt ist Pippis elternloser Lebensstil ein Dorn im Auge, aber Pippi ist den Erwachsenen an Kraft und List haushoch überlegen.
21.7., 15 Uhr, Schaubühne Lindenfels

24 Wochen
Astrid und Markus sind schwanger und freuen sich auf ihr Zweites. Doch dann geraten sie durch eine schicksalhafte Diagnose ins Zweifeln. Starkes Drama, das in diesem Jahr im Wettbewerb der Berlinale seine Premiere feierte. – mit Vorfilm
24.7., 21.30 Uhr, 2cl – Sommerkino auf Conne Island (OmeU)

Dirty Dancing
Eine Tochter aus gutem Hause verliebt sich in einem Ferienhotel in den sechziger Jahren in einen Tänzer. Rhythmische Romanze, die zwischenzeitlich ebenso Kultstatus genoss wie ihr Soundtrack.
25.7., 21.25 Uhr, Sommerkino im Scheibenholz

Marvin
Schon als Kind wird Marvin in seinem konservativen Dorf für seine angebliche Weichheit und Sensibilität gehänselt. Durch Alkohol und Armut werden die sozialen Probleme jedoch nicht besser. Als er sich dann seine Homosexualität eingesteht, erkennt er, dass er das Dorf verlassen muss, um glücklich zu werden. Viele Jahre später will er in Paris die Geschichte seiner Kindheit auf der Bühne erzählen. – Queerblick
25.7., 19.30 Uhr, Passage Kinos (OmU)

Surf Film Nacht
Mit »The Endless Winter – Surfing Europe«: Wenn im September die ersten Herbststürme über dem Atlantik wüten, dann beginnt für die Surfer Nordeuropas die Reisezeit: Bus packen, Bretter aufs Dach und ab in den Süden.
25.7., 21 Uhr, Kinobar Prager Frühling

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