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»Wir gehen in eine andere Dimension«

Kristjan Järvi, Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters, verabschiedet sich aus Leipzig

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Kristjan Järvi war seit 2012 Chefdirigent des MDR-Sinfonieorchesters. Mit seinen thematisch ausgerichteten Festivals zeigte er Möglichkeiten alternativer Programmgestaltung für ein klassisches Sinfonieorchester auf und entwickelte ein dramaturgisches Profil mit viel zeitgenössischer Musik zwischen Pop, Minimal und klassischem Orchestersound, begleitet von Lightshows und Filmen. Er generierte in Leipzig ein jüngeres Konzertpublikum für seine Formate. Als scheinbar immer gut gelauntes und auf dem Podium umhertänzelndes Gegenbild zum aristokratisch-autoritären Dirigentenmodell alter Schule stand er aber auch wegen musikgeschmacklicher Tiefschläge und mangelnder Probenkultur in der Kritik.

kreuzer: Wie sehen Sie im Rückblick die vergangenen sechs Jahre hier in Leipzig?

KRISTJAN JÄRVI: Ich mag die Stadt, sie hat sich sehr verändert, seit ich hergekommen bin. Leipzig ist internationaler geworden, die Menschen sind stolzer auf ihre Stadt. Ich habe hier eine Menge Sachen gemacht, die viele Leute vielleicht für verrückt halten, aber das ist gut so. Die Rolle des Orchesters in der Gesellschaft ist eine Frage, die mich sehr beschäftigt. Was immer ich hier gemacht habe, ich wollte das Bewusstsein für die Relevanz unserer Arbeit erweitern.
Denn es geht darum, eine Verbindung zur ganzen Gesellschaft aufzubauen, das heißt, nicht nur im Gewandhaus, sondern auch an Orten wie Schaubühne, Werk 2, im Bildermuseum zu spielen und näher an den potenziellen Hörer heranzukommen. Als MDR-Sinfonieorchester sollten wir nicht dasselbe spielen wie das Gewandhausorchester. Aufgabe ist es, eine Alternative zu bringen. Hier liegt auch der Wert der Festivals, die wir veranstaltet haben. Ich habe damit versucht, Einzigartigkeit in das Orchester zu bringen, das hat einen besonderen Wert.

kreuzer: Welches waren Ihre musikalischen Highlights der Leipziger Zeit?

JÄRVI: Ich kann das gar nicht beantworten. Wir hatten so viele Gäste und fantastische Projekte. Gleich die erste Festivalsaison, das Northern Lights Festival 2014, bedeutete eine große Veränderung in der Arbeit mit dem Orchester. In einer Woche hatten wir drei Programme, das war natürlich etwas schockierend. Du probst extrem konzentriert und effizient und das Ergebnis war gut. Warum vier Tage proben, wenn zwei ausreichen? In Schweden versuchen sie, den Sechs-Stunden-Arbeitstag einzuführen. Für mich ist selbst das zu viel. Es ist wichtiger, sich zu fokussieren, nicht Zeit zu verschwenden. Wir brauchen Zeit zum Atmen und zum Leben. Dann können wir kreativ sein und etwas beitragen. Es ist ja nicht so, dass wir in ein statisches System hineingeboren sind. Wir selbst sind diejenigen, die alles verändern können, wenn wir wollen.

kreuzer: Worin sehen Sie die Besonderheiten eines Rundfunk-Orchesters wie dem MDR-Sinfonieorchester?

JÄRVI: Ein Rundfunkorchester hat wesentlich mehr Möglichkeiten, die wir unglücklicherweise nicht alle genutzt haben. Es sollte nicht nur im Radio, sondern auch im Fernsehen präsent sein. Es wäre meine Hoffnung, dass der MDR als Institution das Orchester mehr unterstützt in Werbung, Marketing, Vertrieb. Weil: Was wir tun, ist fantastisch, aber wenn niemand davon weiß … Während unserer Konzerttourneen wurde bei permanenter medialer Aufmerksamkeit sichtbar: Was wir machen, ist ungewöhnlich, nicht nur für Leipzig, sondern für ganz Europa.

kreuzer: Welche musikalischen Pläne haben Sie für die Zukunft?

JÄRVI: Ich mache Projekte an verschiedenen Orten auf der Welt, beispielsweise mit meinem Orchester Baltic Sea Philharmonic, aber auch mit anderen Ensembles. Wenn ich mit irgendeinem anderen Orchester machen würde, was ich mit den Baltics gemacht habe, dann würde es eine Revolte geben. Beispielsweise spielen dort alle Strawinskys »Feuervogel« auswendig!
Ich habe Sunbeam Productions, meine eigene Production Company, gegründet. Ich kann so meine Konzepte mit einem Team aus fantastischen Sound- und Lichtdesignern realisieren. Wir gehen in eine andere Dimension, wo alles produziert ist: Musik, Licht, Projektionen. Ich möchte Leute, die ins Konzert kommen, in eine andere Welt bringen. Was entsteht, ist ein Gesamtkunstwerk, aber mit Elektrizität. Die Leute lieben das.

kreuzer: Welches Repertoire spielen Sie in diesem Kontext am liebsten?

JÄRVI: Es ist alles möglich, mit wirklich seriösem Repertoire. Letzte Woche waren es Penderecki, Max Richter, Jonny Greenwood. Es darf kein Nonsens sein, ich mag keine banale Musik. Ich möchte, dass die Zuhörer komplett verbunden sind mit dem, was auf der Bühne passiert, und man diese Energie spürt. Ich kann das Publikum deutlich spüren, auch wenn ich es nicht sehe.

kreuzer: Sie haben hier über mehrere Jahre etwas aufgebaut. Wenn man das Programm der kommenden MDR-Konzert-Saison studiert, scheint davon nichts zurückzubleiben.

JÄRVI: Nächstes Jahr ist wie ein Übergang für das Orchester, das jetzt durch einen Prozess gehen und sich selbst finden muss. Deshalb werde ich auch nächstes Jahr nicht kommen. Ich habe meine Arbeit hier gemacht, und erst in weiterer Zukunft werde ich manchmal Gast für Projekte sein.

Dieses Interview erschien auch in der Juli-Ausgabe des kreuzer.

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