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Gurkenwandern

Der südliche Spreewald bietet engen Kontakt mit der Natur, wenige Autos und viele Gurken

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Leipe ist erst seit 1969 per Kfz erreichbar. Der Grund für die Isolation ist, dass die kleine Ortschaft eine Insel bildet. Um die Sandbank, auf der sich Leipe gründete, fließen die Spree und der Leiper Graben als Teil eines komplexen Wegenetzes. Wasser reicht zur Fortbewegung allemal. Per Kahn kommen die Leute von A nach B, per Kahn lässt sich die Post zustellen oder Landwirtschaft betreiben und eine Kiste Bier passt da auch rein.

Entsprechend verändert sich die Ortsanmutung: Per Rad könnte Leipe ein Dorf mit auffällig wenigen Wegen sein. Auf dem Wasser erst wird sichtbar, dass sich hier das Leben abspielt.

Der Spreewald ist eine eben gestaltete Niederungslandschaft. Die namensgebende Spree fließt träge, flach und mit recht verzweigtem Flusslauf hindurch. Sie nutzt die Spuren, die die Schmelzwässer des Urstroms nach der Eiszeit hinterlassen haben – mittlerweile um Kanäle ergänzt –, dazwischen hat sich Sand abgelagert, auf dem Menschen wohnen. Diese sogenannten Kaupen sind nicht sehr groß und so kommt es, dass Siedlungen sich in der Landschaft verstreuen. Es kann passieren, dass in einem Zipfel von Burg ein Schild ins ein paar Kilometer entfernte Burg weist, womit einfach nur ein anderer Zipfel gemeint ist. Der Radduscher Kaupen ist ebenfalls ein paar Kilometer vom Ortskern entfernt, bis 1930 ebenfalls nur per Kahn erreichbar. Und für die Insel Wotschofska nördlich von Lehde haben sie extra 1911 den ersten Wanderweg angelegt. Weil dort alle hinwollen – es gibt da ein Traditionsrestaurant –, ist der Weg entsprechend frequentiert, per Kanu hat man Probleme, einen Parkplatz zu finden.

Das heißt nun nicht, dass man außerhalb der Wotschofska verhungert. Die Spreewälder sind auf Gäste eingerichtet. Es herrscht kein Mangel an Leihkanus, Leihrädern und an Betten. An mancher Fließkreuzung stehen Schilder, die für eine Einkehr bei Hefeplinsen werben. Das ist eine Art Pfannkuchen. Nicht entgehen lassen sollte man sich auch Hecht in Spreewaldsauce, Pellkartoffeln mit Quark und Leinöl und natürlich Gurken. Die sind eingelegt in vielen Varianten zu haben, etwa mit Dill, Salz, Senf, Knoblauch oder Honig, und auch dank des Gurkenradwegs allgegenwärtig. Den erkennt man an einer fröhlich radelnden grünen Gurke.

Die Kaupen darf man sich übrigens nicht als Hügel vorstellen, denn sie sind kaum höher als die restliche Landschaft. Es braucht also kein Jahrhunderthochwasser, um Siedlungen zu gefährden. Schlangen haben jedoch den richtigen Riecher. Deshalb legen sie ihre Eier dort ab, wo es unwahrscheinlich ist, dass Überschwemmungen den Nachwuchs gefährden. Also dort, wo auch der Mensch es wagen kann, ein Haus zu bauen. Aus Dankbarkeit haben die Häuser ein Giebelkreuz aus zwei Schlangenköpfen. Die tragen Krönchen, denn mit der Schlangenverehrung verbindet sich die Sagengestalt des Schlangenkönigs.

Schlangen gehören zu der Vielzahl von möglichen Begegnungen mit der Natur, die Führungen und Lehrpfade strukturieren helfen. Auf den Feldern staken Störche, übers Wasser zittern Libellen, in der Abenddämmerung huschen Fledermäuse vorbei. Wer kaum Schlaf braucht, hört abends dem Wasser beim Plätschern zu, guckt sich die vielen Sterne an, die hier auf einmal leuchten, und freut sich dann am Gutenmorgengesang vieler Vögel.

Ganz anders ist das Tempo in Lübbenau. Das Städtchen hat einen historischen Kern und ein Hafenviertel, eine Gurkenmeile und einen zentral gelegenen Supermarkt. Regionale und selbst hergestellte Lebensmittel hat der Hofladen in Raddusch. Am Radduscher Naturhafen herrscht nicht so ein Trubel wie in Lübbenau. Von dort paddelt man die Radduscher Kahnfahrt und die Hauptspree entlang durch Leipe ins Freilandmuseum von Lehde, das anhand dreier alter Bauernhöfe zeigt, wie die Spreewälder sich im vorletzten Jahrhundert durchs Leben schlugen und welche Klamotten sie dabei trugen.

Ebenfalls zu Raddusch gehört die Slawenburg, eine am einstigen Standort wiederaufgebaute Burganlage in Form eines Ringwalls. Von denen gab es in der Niederlausitz im 9. und 10. Jahrhundert fast fünfzig. Die Archäologie machte erst das Wissen über die slawischen Rundwälle möglich: Die Holzkonstruktion mit Sand, Erde und Lehm war sieben Meter hoch, hatte innen einen Durchmesser von 38, außen von 58 Metern, darum verlief ein Graben. Die Rekonstruktion basiert auf einem hohlen Betonring, der mit Eichenholz verkleidet ist, um das frühere Erscheinungsbild zu imitieren. Das Wissen ist den Braunkohletagebauen der Gegend zu verdanken. Sie brachten viele Funde ans Licht, die in der Mauer der Burg eine moderne, super gestaltete Schau über alle möglichen Vorgänge der letzten 12.000 Jahre bilden.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 06/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: https://kreuzer-leipzig.de/abo

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