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Cunst und Crempel

Heute in der Comic-Kolumne: Wilde Männer, Sexdämonen und Drachenhasen

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Marter und Frömmigkeit, allerlei Bibelszenen wie die Erschaffung der Tiere und des Menschen bedecken die Wände. Mehrfach verliert Johannes der Täufer seinen Kopf. Wie durch einen mit christlichen Passionsspielen getäfelten Zeittunnel schreiten die Besucher im Erfurter Angermuseum zur aktuellen Sonderausstellung. Die beeindruckenden, gemalten Weltbilder aus der Cranach-Werkstatt um 1500 bilden einen ansprechenden Rahmen für den kleinen Raum, der den Comics von Simon Schwartz gewidmet ist. Die Bildergeschichten aus dem ausklingenden Mittelalter – heute gelten sie als große Kunst, damals waren sie zunächst erst einmal Handwerk – sind ein hübscher Kontrast zu denen von heute. Die Cranach-Werkstatt bildete ab, was man als Herkunftsgeschichte laut Bibel verstand, und auch Simon Schwartz rührt am Historischen. Daher ist der Name seiner Ausstellung gut gewählt: »Geschichtsbilder«. Mit ihren Originalzeichnungen lohnt die Comic-Ausstellung absolut den Abstecher. Hier soll sie als Aufhänger herhalten: Denn sie trägt doch tatsächlich den unsinnigen Untertitel: »Comics & Graphic Novels«.

Vom Genregroßmeister Art Spiegelman stammt die Bezeichnung »Graphic Novel«, welches die Branche seitdem nicht mehr los wird. Damit sollen anspruchsvolle Comics gemeint sein. Aber im Grunde ist das Label nichts anderes als ein Werbegag und simpler Trick der Distinktion, um sich vom vermeintlichen Schund abzuheben. Man hätte mit den kuratorisch Verantwortlichen gern mal die Bilder dieser Ausstellung abgeschritten und bei jedem gerahmten Bogen gefragt: »Comic oder Graphic Novel?« Oder die hier nachstehend vorgestellten Arbeiten unter die Nase gehalten und nach dem Status gefragt. Natürlich sind das alles Comics. Was als Marketingetikett taugen mag, wird in dieser neuen Comic-Kolume unterlaufen: Hier wird alles besprochen, das fetzt, knallt, anrührt, reinhaut, spritzt oder splashed. Es geht um die Qualität des Einzelwerks, nicht ums Genre oder notwendigen Poesiefaktor – auch Pulp darfs sein.

Mesopotamische Ästhetik

Machen wir einen kleinen Test. Stellen wir uns die Ausstellungskuratoren vor, wie sie Jens Harders Opus Magnum »Gilgamesch« in den Händen halten: Comic oder Graphic Novel oder weder noch? Hier beginnt die Geburt der Zivilisation durch Mauerbau: Die Wälle Uruks werden hochgezogen, die erste Stadt der Menschheit steckt ihr Hochkulturareal von der Wildnis ab. Gilgamesch heißt der legendäre Herrscher der Sumerer, dem der Mythos diese Tat zuschreibt. Gleichnamiges Epos gilt als ältestes literarisches Werk, fantasievoll ist es allemal – und verräterisch. Denn Gilgamesch wird mit Enkidu ein wilder Mann als Gefährte zur Seite gestellt, der ihn an seine kreatürliche Seite erinnern soll. Die Janusköpfigkeit des Menschen als Natur-Kultur-Wesen wird also schon zu Beginn der Überlieferung ausgewiesen. Das macht Gilgamesch zu einem Muss für Jens Harder. Der Comic-Zeichner beschäftigt sich seit Jahren mit der Widerstandslinie Mensch-Natur, der Evolution und Humangenese. In der Serie »Leviathan« etwa, ein Crossover aus »Moby Dick«-Adaption und mythologischen Elementen, ringt ein Wal mit verschiedenem Seegetier. Menschen in Booten treten auf, ein Titanenkampf beginnt, der symbolisch steht für den Widerspruch von Natur und Technik. Das Meer wird hier gleichsam als Ursuppe dargestellt, aus der einst das irdische Leben entsprang. »Gilgamesch« nun ist wie ein Mosaik aus Steintafeln gestaltet. Der in Fußleisten organisierte Text orientiert sich an drei Übersetzungen. Die Zeichnungen wirken wie eine modernisierte Form assyrischer Reliefs, sowohl formal wie inhaltlich. Deutliche Outlines, zurückhaltende Schattierungen und sandfarbener Ton zitieren die mesopotamische Ästhetik, die typische Maskenhaftigkeit und Statik der Figurendarstellung halten die antike Anmutung lebendig. Harder hat damit eine fantastische Urerzählung ins Heute transportiert, ihren Charakter erhalten, nur des Staubes entkleidet. Ein großes illustratives Werk, bei dem alle Etikettierung flach fällt.

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Mit und ohne Herrn Hase

Was machen wir mit Herrn Hases neuen Aufschlägen? Von Lewis Trondheims mehrgleisiger Serie sind endlich zwei neue Bände erschienen. In der Optik sicherlich den Funnys zugehörig, wollen sich der Sarkasmus und die Bitterkeit der Strips nicht in das Genre fügen. Als Romanerzählung sind die kurzen Geschichten auch nicht gestaltet. Die Streifen in »Die Abenteuer des Universums« ohnehin nicht. Werden sie im Klappentext als »erstklassiger Kochschinken« für den Journalismus angepriesen, so muss man ergänzen: durchwachsen. Es sind klassische Zeitungscomics, im Tagesgeschäft entstanden und daher von sehr unterschiedlicher Qualität. Die reicht von der Klage über Alltagsblessuren mit Kind bis hin zur Geißelung von Kriegen, multinationalen Konzernen und den ganzen Rest. Stringenter und für Trondheim typischer ist da »Eine etwas bessere Welt«. Herr Hase ist also wieder zurück – wie genau das bei Trondheims Paralleluniversen so funktioniert, soll uns nicht kümmern. Die Figuren nehmen bei ihm doch eh nur verschiedene Rollen in verschiedenen Zeiten ein. Herr Hase also. Nadja hat noch immer auf Funktstille geschaltet. Während sich gen Ende ein leises amouröses Abenteuer abzeichnet, muss unser Langohrheld einmal mehr die Eskapaden Richards aushalten. Der Kater will unbedingt die Welt retten, wenn auch mit weniger lauteren Mitteln. Und dann kommt auch noch ein ominöser Auraleser ins Spiel. Comic oder Graphic Novel? Herrlich!

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(S)explizite Inquisitorqualen

Abgefahrenes Kopfkino liefert »Kramer«: In der Birne des Großinquisitors spuken Dämonen und Teufel herum. Getrieben von Leidenschaften, Lust und Gottesfürchtigkeit geißelt er sich durchs Leben. Was als Geschichte einer Grausamkeit in einer Kleinstadt des 15. Jahrhunderts beginnt, wird zur Abrechnung mit dem frauenverachtenden Inquisitor. Kramer ist einer der Autoren des berüchtigten »Hexenhammers« und verantwortlich für den Tod vieler Frauen und Männer. In Natalie Ostermaiers Comic verliert sich Kramer unter den diabolischen Heimsuchungen allmählich selbst. Den sexuellen Avancen der Hexen – oder sind das nur Kopfgespinste? – kann er sich nicht immer erwehren. Die Selbstkastration bringt auch nicht die erwünschte Wirkung. Und die letzten Seiten füllen sich blutrot. Mit viel Fantasie und auch mit drastischer Darstellung bis hin zu (s)expliziten Szenen geht Ostermaier hier vor. Gerade die unkonventionelle Erzählform und die an Selbstermächtigung heranreichende Verve der Kramerbestrafung gefallen dabei.

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Dracheneskapismus

Mehr meta geht nicht. Worum es geht, steht im Titel: »Der erste Spielleiter. Gary Gygax und die Erschaffung von D&D«. Noch Fragen? Als eine Rollenspielbeschreibung gestaltet, erzählt der Comic die Geschichte des Rollenspiels »Dungeons & Dragons«. Das ist ziemlich abgefahren, auch wenn die grafische Gestaltung eher herkömmlich ist. Der Inhalt zählt. Journalist David Kushner hatte mit den beiden Spielautoren Gary Gygax und Dave Arneson ausführliche Interviews vor ihrem Tod geführt. Darauf beruht der Comic, der keine bloße Heldenerzählung ist, sondern auch die Brüche darstellt. Das gibt einen interessanten Einblick in die Entstehungsstunde der Rollenspiele in den 1970ern und ihre rasche Popularität. Kein Wunder, dass auch sie einst verteufelt wurden, wie später die Computerspiele. Das sind alles ziemlich nerdige Informationen, aber wer einmal Begeisterung an Rollenspielen gefunden hat, dem wird dieses kleine Werk gefallen. Man erblickt Brüder im Geiste, die ihrer Zeit auch möglichst vollständig und fantastisch entfliehen wollten. Und wer Rollenspiele noch nicht kennt, bekommt mit ein bisschen Offenheit einen Einblick als Abkürzung in die Rollenspielwelt. Comic oder Graphic Novel? Sachbuch.

Und nun Schluss mit den Etikettierungsversuchen. Lesen Sie Comics oder Graphic Novel, wie Sie mögen. Hauptsache, Sie lesen Comix.

  • Natalie Ostermaier: »Kramer«. Zwerchfell: Stuttgart 2018. 192 S., 20 €
  • David Kushner u. Koren Shadmi: »Der erste Spielleiter. Gary Gygax und die Erschaffung von D&D«. Feder und Schwert: Köln 2018. 137 S., 27,95 €
  • Jens Harder: »Gilgamesch«. Carlsen: Hamburg 2018. 144 S., 24,99 €
  • Lewis Trondheim: »Die Abenteuer des Universums« & »Eine etwas bessere Welt«. Reprodukt: Berlin 2018. à 48 S., 13 €

PS: Einen lokalen Comickulturtipp haben wir auch noch. Im August ist Klaus Schwerwinski zu Gast bei Christian von Aster. Der Zeichner hat unter anderem für die Serien »Heavy Metal« und »Transformers« gearbeitet und sich im Horror-Genre ausgetobt. Fragen Sie ihn doch mal nach Graphic Novels.

16.8., 20 Uhr, Laden auf Zeit, www.theaterpack.com

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