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Kunst in Zeiten der AfD

Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich über Politik, rechte Romantik bei Neo Rauch und die Wirkung von Kunst

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Welche Rolle die bildende Kunst in Zeiten des Rechtspopulismus spielt, erklärt Wolfgang Ullrich im Gespräch mit dem kreuzer. Vor seinem Umzug nach Leipzig lehrte der Kunstwissenschaftler und Autor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Zuletzt erschien von ihm »Siegerkunst. Neuer Adel, teure Kunst«.

kreuzer: Hat Kunst Rückwirkungen auf die Gesellschaft?

WOLFGANG ULLRICH: Kunst spielt nicht nur keine entscheidende Rolle, sondern gar keine nennenswerte Rolle bei der Meinungsbildung. Sie ist oft sehr hermetisch, sehr voraussetzungsreich und nicht so angelegt, dass sie propagandistisch und politisch sein könnte.

kreuzer: Es heißt doch so oft, dass die Kunst poli­tisch sei?

ULLRICH: Das ist eine voreilige Annahme. Für viele Politologen und Soziologen ist es ein wesentliches Kriterium für politisches Handeln, dass es darauf angelegt ist, Mehrheiten zu schaffen, wo noch keine Mehrheiten existieren. Das aber ist im Fall der meisten politischen Kunst nicht zu erkennen. Denken Sie etwa an die vielen Formen des politischen Aktionismus. Sie verfestigen eher bestehende Meinungsbilder, als diese zu verändern. Die einen fühlen sich durch eine Aktion bestätigt, zudem können sie durch die Möglichkeit der Teilnahme selbst aktiv werden und sich dadurch als besonders engagiert erleben. Wer hingegen anderer Meinung ist, wird durch eine provokante Aktion eher abgestoßen als zum Umdenken gebracht. Oft verbinden sich dann Ressentiments gegen moderne Kunst und die Ablehnung bestimmter politischer Ziele.

kreuzer: Können Sie das konkret benennen?

ULLRICH: Das konnte man sehr gut vor eineinhalb Jahren in Dresden bei den drei Bussen von Manaf Halbouni (»Monument«) beobachten. Diese temporäre Installation hat keinen Pegida-Teilnehmer umgestimmt. Stattdessen fühlten diese sich in ihrer Unterstellung gar noch bestätigt, dass Flüchtlinge und staatliche Institutionen zusammenarbeiten und eine Art Verschwörung bilden. Das ist das traurige und problematische Schicksal zeitgenössischer Kunst, dass sie eher Fronten verhärtet, als neue Dialoge zu erzeugen.

kreuzer: Wie sehen Sie Ihre Rolle als Kunsthistoriker in dieser Situation?

ULLRICH: Ich kann analysieren, was die jeweiligen Stilmittel sind und welche Wirkungen von ihnen ausgehen: Rezeptionsforschung im weitesten Sinn. Mich interessiert grundsätzlich nie nur ein Kunstwerk, ein künstlerisches Konzept oder die Aktion, sondern wie das wahrgenommen wird und wer sich auf welche Weise dazu äußert: Wann wird etwas nach Kriterien der Kunst beurteilt, wann vielleicht eher nach politischen oder moralischen Kriterien.

kreuzer: Sehen Sie Veränderungen?

ULLRICH: Innerhalb dessen, was man als politische Kunst diskutiert, nehme ich tendenziell eine Polarisierung zwischen »links« und »rechts« wahr. Es geht aber auch noch um andere Dichotomien, die sichtbarer geworden sind: jung und alt, weiblich und männlich. Ein nicht unwesentlicher Teil des Kunstpublikums ist noch von den konservativen Standards der weißen alten Männer geprägt, ein anderer hingegen widersetzt sich ebendiesen Standards schroff und bringt ganz andere Kategorien ins Spiel – da geht es dann etwa um postkoloniale oder queere Diskurse.

kreuzer: Wenn man sich das Gemälde »Der Übergang« (2018) von Neo Rauch anschaut mit Schlagbaum im Vordergrund und einem Turm im Hintergrund, würden Sie ihm Rechtspopulismus vorwerfen? Darf man das überwiegende Blau des Bildes im Zusammenhang mit Frauke Petry ­denken?

ULLRICH: Nein, Letzteres sicher nicht. Generell beobachte ich bei Neo Rauch in den letzten Jahren eine stärkere Veränderung in seinen Interviews als in seinen Bildern. In den Interviews gibt es mittlerweile tatsächlich genügend Stellen, die wenig Deutungsspielraum lassen. Rauchs Ansichten sind dabei weniger rechtspopulistisch als rechtsromantisch. Er beruft sich etwa gerne auf Leute wie Ernst Jünger.

kreuzer: Die letzten Titel sind auch eindeutig: »Ordnungshüter«, »Fremde«, »Der Übergang« …

ULLRICH: Wenn man die Titel mit den Interviews zusammennimmt, blickt man vielleicht auch mit politischen Erwartungen auf die Bilder. Aber ikonografisch kann ich nicht erkennen, dass die jüngeren Arbeiten anders wären. Ich habe 2011 einen Text zu Rauch geschrieben, in dem ich das Tümelnde bei ihm kritisierte, das suggeriert, alles sei von besonderer und rätselhafter Bedeutung. Dabei handelt es sich nur um die immerselben Effekte und eine ziemlich schematische Art und Weise, wie Rauch Bilder collagenhaft zusammensetzt. Mich reizen diese Bilder schon seit Jahren nicht mehr, ich finde sie alle gleich.

kreuzer: Welche Rolle spielen Bildwelten heute in der Gesellschaft?

ULLRICH: Bilder an sich sind sehr wichtig, Bildwelten der Kunst hingegen noch weniger einflussreich als früher. Jedoch auch damals schon hat sich nur eine gewisse Elite mit Kunst befasst. Heute mag es mehr Besucher bei Kunstevents geben als noch vor wenigen Jahrzehnten, aber man geht nicht unbedingt hin wegen einprägsamer Werke oder weil man sich für einen Kanon interessiert, sondern weil es sich vielmehr um soziale Ereignisse handelt.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 08/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: http://www.kreuzer-leipzig.de/abo

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