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Die Jagd nach dem geklauten Handy

Eine Friseurin verfolgt einen Einbrecher, denn die Polizei hilft nicht

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In einen Friseursalon wird eingebrochen. Die Inhaberin verfolgt die Spur auf eigene Faust, weil sie das Gefühl hat, ihr hilft niemand

Ich war so sehr wütend!« Annett Weiß sitzt an einem kleinen Marmortisch neben dem Eingang ihres Friseursalons in der Südvorstadt. Die dunklen Haare hochgesteckt, die Beine übergeschlagen, ihre Brille hat sie zur Stirn hochgezogen. Darunter blitzen hin und wieder kleine Zornesfalten auf, als sie erzählt, was passiert ist. Denn ein bisschen wütend ist sie immer noch.

Am 11. Januar passiert das, wovor sich vermutlich die meisten Kleinunternehmer fürchten: In ihr Studio wurde eingebrochen. »Ich stand im Bett.« Denn Weiß ahnt schon, was passiert ist, als ein Nachbar frühmorgens anruft und behauptet, die dicke Sicherheitstür, die vom Treppenhaus ins Hintere des Ladens führt, würde offen stehen. Kurz darauf betritt sie den Laden und ist fast schon erleichtert. Alles sieht aus wie immer, die Einrichtung ist noch ganz, ein bisschen Unordnung, weiter nichts. Erst im Oktober 2017 war sie mit zwei Kolleginnen von der Karl-Liebknecht-Straße in die Kantstraße umgezogen, sie haben sich große Mühe mit der neuen Einrichtung gegeben.

Weiß überprüft Kasse und Ladeninventar. Neben Geld und der neuen Wifi-Musikanlage wurde ihr iPhone gestohlen. Sie ruft die Polizei. Ein paar Minuten später kommt eine Streife und nimmt den Schaden auf. Kurz hätten die beiden Beamten überlegt, die Spurensicherung hinzuzuziehen, erinnert sich Weiß. Sie entscheiden sich dagegen und ziehen wieder ab. Einen Tag später erscheint ein Kripo-Beamter im Laden. Er stellt dieselben Fragen wie die Kollegen am Vortag, notiert noch einmal Schäden und Verluste und gibt Weiß seine Visitenkarte. Mehr passiert nicht.

So nimmt die Geschädigte selbst Ermittlungen auf. Über ihr altes Smartphone gelingt es ihr, das geklaute Telefon zu orten. Die App zeigt eine Karte, darauf grüne Punkte, die den Standort der registrierten Geräte markieren. Auf der Karte erscheint in Mockau, im Norden der Stadt, ein grüner Punkt.

Sofort ruft sie den Kripobeamten an und erzählt aufgeregt von der heißen Spur. Seine Reaktion überrascht die Ladenbesitzerin. »Er hat mir erklärt, dass sie ja jetzt nicht einfach da hinfahren könnten und wegen eines Handys auch nicht den Staatsanwalt rausklingeln könnten.« Aber das sei doch ein Hinweis auf die Täter, meint Annett Weiß. Auch das überzeugt nicht.

Weiß bleibt nichts anderes übrig, als den Punkt auf der Karte zu beobachten. Der bewegt sich nicht vom Fleck. Irgendwann steigt sie in ihr Auto und fährt nach Mockau, immer dem grünen Punkt nach. An einer belebten großen Kreuzung, in einem Haus mit Pizzeria im Erdgeschoss, wird ihr das geklaute Handy angezeigt. Weiß bleibt im Auto, beobachtet von dort eine Weile das Geschehen. Alles kommt ihr ganz normal vor. Dann fährt sie. Von zu Hause aus ruft sie wieder bei der Kripo an. Ein anderer Beamter geht ran. Sie erzählt ihm die ganze Geschichte noch einmal, er reagiert genauso wie seine Kollegen: Da kann man nichts machen.

Der Ort des Verbrechens mutet ganz harmlos an – ist er auch, Foto. Marcel Noack

Am nächsten Tag fährt Weiß noch einmal nach Mockau, sie hat einen Plan, für den sie ihren ganzen Mut zusammennehmen muss. Sie geht in die Pizzeria, hier wird Teig geknetet, Pizzen werden aus dem Ofen geholt, Lieferanten sammeln Bestellungen ein. Weiß tut so, als wäre sie ein ganz normaler Gast, und fragt beiläufig nach dem WLAN-Passwort. Über das Netzwerk will sie entweder auf ihr Handy oder ihre Musikanlage, die über WLAN steuerbar ist, zugreifen und einen Ton auf ihr Handy senden oder Musik anmachen. Ihr kühner Plan scheitert an der technischen Durchführbarkeit, keines der Geräte reagiert. Entnervt bezahlt sie und geht. Dann passiert das, was sie die ganze Zeit befürchtet hat. Ihr Handy verschwindet von der Bildfläche und wird für sie unsichtbar. Die Spur ist weg. Ob das Diebesgut wirklich in der Pizzeria oder vielleicht in einer der darüberliegenden Wohnungen war, weiß sie bis heute nicht.

Wechselseitig hätten Staatsanwaltschaft und Polizei die Verantwortung auf die jeweils andere Ermittlungsbehörde abschieben wollen, meint Weiß. Mit drei unterschiedlichen Kripobeamten habe sie wegen des Einbruchs zu tun gehabt, telefoniert oder Nachrichten hin- und hergeschrieben. Niemand habe ihr geholfen, stellt sie frustriert fest. Es sei sogar eher andersrum gewesen. Die Beamten hätten sie gebeten, sich zu melden, wenn es Neuigkeiten zu ihrem Handy gebe. Darüber kann sie heute lachen, damals hat sie das aufgeregt.

»Irgendwann bin ich aus der Haut gefahren«, Weiß musste Dampf ablassen. Also habe sie zum Telefon gegriffen und ihrer Wut und Verzweiflung beim zuständigen Staatsanwalt Luft gemacht: »Ich habe ihn gefragt, was noch passieren soll, damit eine Ermittlung anläuft.« Eine Antwort darauf erhielt sie nicht. Kürzlich kam Post von der Staatsanwaltschaft: Die Ermittlungen wurden eingestellt. Nichts anderes hat sie erwartet, aber sie versteht es nicht: »Wieso werden bei friedlichen Demonstrationen 2.000 Polizisten bereitgestellt, bei akuten Anliegen, wie Einbruchsdelikten, aber nicht mal eine Streife losgeschickt, um einer greifbaren Spur nachzugehen?«

Wie belastend müssen Hinweise sein, damit eine Straftat aktiv verfolgt wird? Wurde Annett Weiß’ Hinweisen wirklich nicht nachgegangen? Auf Anfrage des kreuzer bei der Polizeidirektion Leipzig teilt der Pressesprecher schriftlich mit, dass man es »befremdlich« finde, zu einem von der Staatsanwaltschaft eingestellten Verfahren Stellung zu nehmen. Nach eigener Auffassung wurde alles getan, um die Straftat aufzuklären.

In der Friseurbranche wird sich rege ausgetauscht und es hat sich herumgesprochen, dass es vor allem im vergangenen Dezember und Januar mehrere Einbrüche in Salons gegeben haben soll. In diesen Zeitraum fällt auch der Einbruch in Annett Weiß’ Laden, sie geht mittlerweile von einer Serie aus. Das sei eigentlich das größte Ärgernis, meint sie. Bereits in ihren alten Salon auf der Karl-Liebknecht-Straße sei eingebrochen worden. Auch da sei von Behördenseite ähnlich verfahren worden: Schadensaufnahme, Aushändigung der Tagebuchnummer und irgendwann das Schreiben der Staatsanwaltschaft über die Einstellung des Verfahrens. Ihren Salon hat Annett Weiß nun mit Alarmanlage und Kameras ausgestattet, aber »das wird im Zweifelsfall nichts bringen«, meint sie.

Dieser Text stammt aus dem kreuzer, Heft 08/2018. Um ein kreuzer-Abo abzuschließen, klicken Sie bitte hier: http://www.kreuzer-leipzig.de/abo

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