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»Jeder von uns fühlt sich mal einsam«

Medizinerin Anette Kersting über das Leiden an der Einsamkeit und sein Lindern

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Am Leipziger Universitätsklinikum leitet Prof. Dr. Anette Kersting die Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Der kreuzer sprach mit ihr darüber, was die Forschung über Einsamkeit weiß, wie man diese überhaupt feststellt und was Betroffene tun können.

kreuzer: Was unterscheidet Einsamkeit von Alleinsein?

ANETTE KERSTING: Eine wissenschaftliche Definition beschreibt Einsamkeit als subjektive Diskrepanz zwischen den menschlichen Beziehungen, die man hat, und denen, die man sich wünscht. Alleinsein ist lediglich eine Situationsbeschreibung, die auch von außen möglich ist: Wer ohne seine Familie in den Urlaub fährt, fährt alleine, muss sich aber nicht einsam fühlen.

kreuzer: Wie misst man dieses subjektive Gefühl der Einsamkeit?

KERSTING: Zum Beispiel per Fragebogen. In aufwendigen Verfahren und Untersuchungen wird überprüft, mit welchen Fragen und Kriterien sich Einsamkeitsgefühle messen lassen. Es wird zwar auch direkt nach Einsamkeit gefragt, aber ebenso nach dazugehörigen Aspekten, wie: »Hätten Sie gerne mehr Kontakte?«. Erst das Gesamtpaket erlaubt eine Aussage.

kreuzer: Gibt es Zusammenhänge zwischen Einsamkeit und Alter, Geschlecht, Bildung oder Einkommen?

Annette Kersting

KERSTING: Der Bildungsgrad hat keinen Einfluss und das Geschlecht ist wenig erforscht. Über die Lebensspanne lassen sich zwei Häufigkeitsgipfel feststellen: einer bei den über 60-Jährigen – bei diesem Menschen nimmt zunehmend die körperliche Mobilität ab, was die Möglichkeiten einschränkt, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten – und einer bei den 20- bis 30-Jährigen. Diese Lebensspanne ist mit vielen Erwartungen verbunden: Ausbildung, Berufseinstieg, Partnersuche und Familienplanung sollen erfolgreich und effektiv ablaufen. Man ist sehr damit beschäftigt, eigene, aber auch Anforderungen der Gesellschaft zu erfüllen. So kann es dazu kommen, dass die Zeit fehlt, tragfähige Beziehungen zu knüpfen. Die sind aber ganz wesentlich dafür, nicht zu vereinsamen.
Das Einkommen kann dann eine Rolle spielen, wenn soziale Kontakte mit finanziellen Ausgaben verbunden sind – etwa weil der Freundeskreis regelmäßig ins Kino geht – und man zum Beispiel durch plötzliche Arbeitslosigkeit nicht mehr mithalten kann. Arbeitslosigkeit ist in unserer Gesellschaft ohnehin stigmatisiert und auch die Selbststigmatisierung ist sehr hoch, so dass manche Menschen sich zurückziehen. Es kommt immer auf die einzelne Person an: Bei Einsamkeit gibt es Faktoren, die in der Person selbst liegen, und Faktoren, die mit der Umgebung zu tun haben.

kreuzer: Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?

KERSTING: Das hängt von den Angeboten, der Selbstinitiative und den Erwartungen ab. Und von der Sozialstruktur des Dorfes und der eigenen Stellung darin. Für frisch Zugezogene hat die Stadt viel mehr Angebote. Wer aber individuelle Probleme hat, hat diese vermutlich auch in der Stadt.

kreuzer: Online kann man theoretisch weltweit ­Seelenverwandte finden.

KERSTING: Bei Plattformen wie Facebook oder Instagram ist die Quantität der Kontakte wichtiger als deren Qualität. Beziehungen stehen dort unter einem hohen sozialen Druck, die Bewertungssysteme führen ganz neue Beziehungsaspekte ein. Für Menschen mit sozialen Ängsten ist online aber die Schwelle für Kontakte niedriger, für sie können Onlinekontakte einfacher möglich sein als Kontakte im Offline-Leben. Großeltern, die weit weg von ihren Kindern wohnen, können via Skype mit ihren Enkeln telefonieren, so dass sie sich dank Internet weniger einsam fühlen.

kreuzer: Warum ist Einsamkeit schlimm?

KERSTING: Ausschlaggebend ist das Ausmaß der subjektiv empfundenen Einsamkeit. Jeder von uns fühlt sich mal ein bisschen einsam, das gehört zum Leben dazu. Es ist etwas anderes, wenn Menschen über einen langen Zeitraum an intensiver Einsamkeit leiden und das Gefühl haben, daran nichts ändern zu können. Wir wissen, dass Menschen, die angeben, stark unter Einsamkeit zu leiden, ein erhöhtes Risiko haben, an Depressionen zu erkranken. Einsamkeit kann auch als Stressor fungieren, der bestimmte Stoffwechselprozesse in Gang setzt. In deren Folge werden Stresshormone ausgeschüttet, die als ein Faktor unter vielen einen Einfluss auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen haben oder das Immunsystem beeinträchtigen können, was wiederum die Infektanfälligkeit erhöht. Und es gibt Studien, die auch eine erhöhte Zahl von Todesfällen nachweisen.

kreuzer: Was lässt sich gegen Einsamkeit tun?

KERSTING: Zunächst sollte man überlegen, warum man sich einsam fühlt und was fehlt. Empfehlenswert ist ein Vorgehen in kleinen Schritten. Man sollte darüber nachdenken, wie man überhaupt mehr Kontakte bekommt – mit dem Wissen, dass das Einsamkeitsgefühl nicht schnell verschwindet: Wem ein Partner fehlt, der wird sich nicht plötzlich frisch verliebt in einer glücklichen Beziehung wiederfinden, nur weil er beschlossen hat, auf Menschen zuzugehen. Man kann die Umgebung verändern, um die Anzahl der Kontakte zu erhöhen und sich ein bisschen auszuprobieren. Wenn die Ursache jedoch in der Person liegt, zum Beispiel in Depressionen oder sozialen Ängsten, ist eine Psychotherapie zu empfehlen.

kreuzer: Helfen Kuschelpartys?

KERSTING: Mit Fremden kuscheln kann vielleicht dem einen oder anderen vorübergehend helfen, entscheidend ist es aber, tragfähige Beziehungen zu vertrauten Menschen herzustellen und zu pflegen.

kreuzer: Hat Einsamkeit eigentlich zugenommen?

KERSTING: Dazu gibt es leider keine aktuellen Studien.

Die große Titelseitenreportage über Einsamkeit in Leipzig:
https://kreuzer-leipzig.de/2018/08/10/einsam-ist-man-mehr-allein/

Philosophische Gedanken zur Einsamkeit: https://kreuzer-leipzig.de/2018/08/10/solohalma-solidaritaet/

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