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Der »bekennende sächsische Lokalpatriot« Jan Kummer über die Ereignisse in Chemnitz

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Eine dünne Polizeikette, gewaltsuchende Hooligans überall und Polizisten, die empfehlen sich vom Acker zu machen. Die Polizei scheint seit den frühen Neunzigern nichts aus »sächsischer Demonstrationsfolklore« gelernt zu haben. So empfindet es zumindest der Chemnitzer Jan Kummer.

kreuzer: Herr Kummer, wie haben Sie die letzten zwei Tage in Chemnitz erlebt?

JAN KUMMER: Angenehmerweise war ich am Sonntag in Dresden zum Konzert von Kraftklub und Blond. Als ich nach Hause kam, las ich von den Ausschreitungen.

kreuzer: Und am Montag?

KUMMER: Es gilt die Bürgerpflicht zur Gegendemo zu gehen. Offensichtlich wurde eine neue Demo-Saison eingeläutet und wir kennen die unterschiedlichen Erfolge von Gegendemonstrationen in Sachsen – in Dresden, Chemnitz oder Leipzig.
Die gestrige Demo hat mich allerdings sehr heftig an die neunziger Jahre erinnert.

kreuzer: Warum?

KUMMER: Ich war fassungslos, wie unterbesetzt die Polizei vor Ort erschienen war. Zudem agierte sie genauso hilflos und defensiv wie damals. Als hätte sie seitdem keinerlei Erfahrungen mit der sächsischen Demofolklore gesammelt.

kreuzer: Wer demonstrierte gegen die Rechten?

KUMMER: Das waren ein- bis zweitausend Linke und die ganz bürgerliche Mitte von Chemnitz, die sich der starken, rechten Demo entgegenstellten. Aber wenn von Polizeiseite zu hören ist, »Macht Euch lieber vom Acker, die Situation ist unübersichtlich« und man nur eine dünne Polizeikette vor sich sieht, dann ist man doch sehr fassungslos.

kreuzer: Eine dünne Polizeikette ermöglicht die Sicht auf das Gegenüber. Was waren das für Menschen?

KUMMER: Das waren keine besorgten Bürger höheren Alters, sondern gut trainierte Brocken, die offensichtlich auch Erfahrung in der körperlichen Auseinandersetzung besitzen. Und es waren viele Fahnen und Banner zu sehen. Nicht nur aus Chemnitz, sondern aus dem Erzgebirge und dem ganzen Bundesgebiet.
Letztlich kann man froh sein, dass nicht mehr passiert ist bei der vorhandenen Gewaltbereitschaft auf der Gegenseite.

kreuzer: Was hat Sie am meisten verwundert?

KUMMER: Dass eine offensichtliche Lügengeschichte – eine Frau wurde belästigt und von Männern verteidigt, die mehrmals dementiert wurde – so viele Menschen motiviert. Lügengeschichten wirken offensichtlich ganz prächtig in Social Media-Kanälen. Und es zeigte sich das hohe Maß an Tatendrang, der vorhanden zu sein scheint und den wir in der Realität der letzten beiden Tage wahrnehmen konnten.
Man darf auch nicht die Wirkung von Tag24, Mopo und Bild unterschätzen, die in der Berichterstattung keineswegs mäßigend vorgingen. Es war ein Sturm, der im Internet begann und direkt auf die Straße führte.

kreuzer: Was tun, Herr Kummer?

KUMMER: Die Ereignisse müssen jetzt sortiert werden und dann lässt sich eine Strategie entwickeln.

kreuzer: Was macht Sie wütend?

KUMMER: Ich bin bekennender sächsischer Lokalpatriot und ich dachte, so etwas wie den Dresdner Hutmann gibt es in Dresden, aber nicht in meiner Stadt. Und ich vertraute der Polizei, die einen schützen kann und hilft. Wenn ich aber sehe, dass Hools durch die Gegendemonstration marschierten und deren Demo, umrahmt von sehr wenigen Polizisten, durch die Stadt ziehen kann und damit eine Gefahr für Leib und Leben aussendet, dann reicht allein das, um den Ruf von Chemnitz in zwei Tagen zu zerstören.

kreuzer: Liegt es nur an der Polizei?

KUMMER: Der Ministerpräsident gibt mir Rätsel auf. Wem will er sich mit seinen Äußerungen anbiedern? Ich möchte einen Landesvater, der über den Dingen steht.

kreuzer: Was tröstet?

KUMMER: Ojojoj, Wir haben Humor und gute Musik.

Jan Kummer lebt als bildender Künstler in Chemnitz, ist Mitbetreiber vom Atomino – Klub für Zeitgenössische Kunst und Artverwandtes, Vater von Bandmitgliedern von Kraftklub und Blond

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