Startseite / Politik / Das Ziel? »Weimarer Zustände schaffen«

Das Ziel? »Weimarer Zustände schaffen«

Rechte Netzwerke waren nie wirklich verschwunden, hinzu kommen nun offene Umsturzphantasien und eine neue Professionalisierung im Kampfsport

Größeres Bild

Innerhalb weniger Stunden mobilisierten rechte Hooligans am Sonntag in Chemnitz rund 800 Personen, viele liefen offenkundig gewaltbereit durch die Straßen. Am Montag zog es mehrere tausend Menschen auf rechte Demos in die Stadt. Sie kamen aus dem gesamten Bundesgebiet, denn die rechte Hooliganszene ist unter der Oberfläche gut vernetzt; und sie verfolgt ein gemeinsames politisches Ziel, wie Hooliganismus-Forscher Robert Claus erklärt.

kreuzer: Am Sonntagvormittag hatte die Ultra-Gruppierung Kaotic Chemnitz auf Facebook dazu aufgerufen, zu zeigen, wer in der Stadt das Sagen habe. Hätte man da schon wissen können, was daraufhin folgen sollte?

Das hätte man durchaus. Zwar muss man anmerken, dass diese Gruppierung, die im Stadion mit einem Auftrittsverbot belegt ist, maximal 20 bis 30 Personen umfasst und vermutlich höchstens 100 Leute direkt erreichen würde. Allerdings existiert in Chemnitz ein über Jahrzehnte etabliertes extrem rechtes Netzwerk, das sich in der Vergangenheit in unterschiedlichsten Gruppierungen wie etwa HooNaRa (i.E. Hooligans Nazis Rassisten) oder den NS-Boys (NS soll hier für New Society stehen) organisiert hat. Auch Blood & Honour hatte in den späten Neunzigern in der Region Chemnitz einen seiner aktivsten Ableger, 2014 wiederum wurden die Nationalen Sozialisten Chemnitz verboten. Teilweise sind diese Gruppen also seit vielen Jahren aufgelöst bzw. verboten. Die Netzwerke dahinter bestehen aber natürlich weiter und werden über Chatgruppen mobilisiert. Die Personen dahinter sind ja nicht weg. Dazu kommt ein gesamtgesellschaftlicher Rechtsruck, der vor allem in Sachsen breite Bevölkerungsteile erfasst hat.

Mit diesem mittlerweile gelöschten Aufruf begann die öffentliche Mobilisierung in Chemnitz. (Screenshot: Facebook)

kreuzer: Es waren aber ja nicht nur Hooligans aus Chemnitz auf den Straßen, oder?

Die rechte Fanszene des Chemnitzer FC unterhält schon seit Jahren enge Beziehungen nach Cottbus und Dortmund. Genau von dort sind auch zahlreiche bekannte Personen angereist, wie ja auch die Partei Die Rechte nach Chemnitz mobilisiert hat. Zudem nutzen rechte Strukturen dankbar jeden Anlass, der sich bietet, um gegen sog. »Ausländergewalt« zu mobilisieren. Durch Aufrufe im Internet erhält diese Schaffung eines klaren, rassistisch motivierten Feindbildes schnell eine ziemliche Eigendynamik. Da stehen dann auch mal Hoolgruppen, die sonst traditionelle Feindschaften pflegen nebeneinander für das gemeinsame politische Ziel ein.

kreuzer: Was ist denn das gemeinsame Ziel?

Letztendlich geht es darum, Weimarer Zustände zu schaffen. Also um eine Destabilisierung des Staates, langfristig bis zum Umsturz. Da spielt immer ein ganz deutlicher Machtgestus eine Rolle, der auch offen zutage tritt, wenn man ankündigt, zeigen zu wollen, wer in der Stadt das sagen habe. Und in dieser Hinsicht verbuchen die rechten Akteure und Hooligans den Montag als klaren Erfolg. Der Freistaat Sachsen war zeitweise offensichtlich nicht mehr Herr der Lage.

kreuzer: Gibt es denn neben dem Fußball weitere wichtige Felder, auf denen sich gewaltsuchende Rechtsextreme verbinden?

Vor allem der Kampfsport gewinnt immer mehr an Bedeutung. Hierbei sind die Grenzen zum Fußballumfeld natürlich fließend. Hooligans, die sich auf dem sog. Acker prügeln, trainieren gezielt Kampfsport. Organisierte Rechte stehen dem in Vorbereitung auf mögliche Auseinandersetzungen in nichts nach. Das mündet in einer deutlich sichtbaren Professionalisierung der Gewalt. Es gibt mittlerweile zahlreiche rechte Kleidungsmarken in diesem Bereich, wie Pro Violence, Sport Frei oder White Rex. Das Leipziger Imperium Fight Team wiederum ist eng mit der Hooliganszene bei Lokomotive Leipzig verknüpft und hatte ebenso auf Facebook für Montag mobilisiert.

Hinzu kommen rechte Kampfsportveranstaltungen wie Tiwaz oder Kampf der Nibelungen, die beide dieses Jahr in Sachsen stattgefunden haben. Generell ist Kampfsport für die erlebnisorientierte Rekrutierung der rechten Szene zum wichtigen Stützpfeiler neben Fußball und Rechtsrock geworden.

Das Leipziger Imperium Fight Team kündigt an, ebenfalls in Chemnitz präsent zu sein. (Screenshot: Instagram)

kreuzer: Am Dienstag sollte eine weitere Demonstration vor dem Landtag in Dresden folgen, für den Donnerstag sind wieder Proteste in Chemnitz angekündigt. Wie ist die weitere Entwicklung einzuschätzen?

Die Ankündigung, nun vor dem Landtag zu demonstrieren zeigt, wie der bisherige Verlauf als Erfolg verstanden wird. Man konnte nahezu ungehindert und unkontrolliert durch die Stadt ziehen, den politischen Gegner angreifen und die Polizei zur Randfigur machen. Man muss nochmal deutlich sagen, dass hier auf Destabilisierung abgezielt wird. Und die haben die Hooligans dem eigenen Empfinden nach erreicht. Von daher wird sich der Konflikt weiter zuspitzen, solange diese Gruppen das Gefühl haben, dass sie damit erfolgreich sind.

„Ultras & Hooligans“ gegen ein scheinbares Unrechtsregime. (Screenshot: Facebook)

kreuzer: Nun hat der Rechtsstaat letzte Woche seine Stärke gezeigt und zwei Beteiligte des Angriffs von Neonazi-Hools auf Connewitz zu Haftstrafen ohne Bewährung verurteilt. Ging damit nicht auch ein deutliches Zeichen an die Szene?

Die gesamten Prozesse werden noch lange andauern, vor dem Ende ist eine Bewertung verfrüht. Zugleich braucht es mehr als ein Zeichen, nämlich jahrelange konsequente Haltung und Maßnahmen gegen extrem rechte Einstellungen und Aktivitäten.

kreuzer: Ist denn angesichts dieser Entwicklungen noch ein positiver Blick auf die Zukunft möglich?

Angesichts der letzten Tage fällt es natürlich schwer, ein positives Bild für die Zukunft zu zeichnen. Es braucht in erster Linie klare Haltung vor Ort und in der Gesellschaft. Auch der Chemnitzer FC muss sich deutlich distanzieren. Dies kann aber natürlich die dringend notwendige Präventionsarbeit in der Region nicht ersetzen. Denn die braucht es, nicht zuletzt im Kampfsport.

Robert Claus arbeitet für die Kompetenzgruppe »Fankulturen und Sport bezogene Soziale Arbeit« (KoFaS). 2017 veröffentlichte er das Buch »Hooligans: Eine Welt zwischen Fußball, Gewalt und Politik«.

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare

Kommentare sind deaktiviert.