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»Jeder ist heute Populist seiner selbst«

Kabarettist Mathias Tretter über Blumensträuße und Emanzipation, Kommunikationsverwahrlosung und Ähnlichkeiten zwischen AfD und Politkabarett

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Fast pünktlich erreicht der Interviewer seinen Gesprächspartner. Gelassen sitzt Mathias Tretter auf dem Freisitz des Café Telegraph. Keine Anzeichen von nervösem Wischen und Tippen, denn Kunststück: Mathias Tretter besitzt gar kein Smartphone. Überhaupt schätzt der Kabarettist die analoge Kommunikation – auf der Bühne und im persönlichen Gespräch. In diesem redet er über sein Unbehagen mit bevormundendem Zeigefingerkabarett, lästige Ost-West-Klischees und warum er sich in seiner Wahlheimat Leipzig trotz aller Veränderungen noch sehr wohl fühlt.

kreuzer: Mit Bitte um Entschuldigung eine Standardfrage zu Beginn: Sind diese politischen Zeiten ein Geschenk für einen Kabarettisten? Oder ist die Absurdität so groß, dass da Satire schwer mithalten kann?

MATHIAS TRETTER: Ich bin nicht jemand, der dasitzt und denkt, wie kann ich auf diesen Politbetrieb einhauen. Das habe ich mir abgewöhnt. Ich bin mir gar nicht so sicher, ob es überhaupt verrückter ist. Die Repräsentationen sind verrückter, da sich die Kanäle exponentiell vermehrt haben und jeder die ganze Zeit am Rumschreien ist.

kreuzer: Trennen Sie zwischen dem Kabarettisten und dem Menschen Tretter?

TRETTER: Nein, es gibt keine Trennung. Es gibt auf der Bühne nur eine Figur, die Herr Tretter heißt, das bin jetzt nicht notwendigerweise ich. Aber das Publikum sollte nicht denken, dass man alles, was man erlebt hat, auf der Bühne erzählt. Was im Privaten ganz lustig sein mag, ist ohne Bearbeitung auf der Bühne zumeist nicht besonders witzig. Es ist eine formale Anstrengung, von daher ist man nicht Privatperson.

kreuzer: Auf der einen Seite wird Authentizität eingeklagt, und auf der anderen Seite ist von der Zersplitterung von Identitäten die Rede. Das ist paradox, oder?

TRETTER: Das Streben nach Authentizität ist genauso kindisch wie das dauernde Jammern darüber, wie schwierig alles geworden ist in der Postmoderne, wie wir uns alle permanent unsere Identitäten zusammensuchen müssen – das halte ich für genauso unerwachsen.

kreuzer: In Ihrem Programm treiben Sie dieses Streben der Menschen nach 15 Minuten Fame und Echt-Sein auf die Spitze. Weil dadurch die wirklichen Probleme verdeckt werden?

TRETTER: Zum Teil ja. Ich habe aber auch das Gefühl von eben einer ziemlich abgeschotteten halb-linken, linksliberalen Elite. Die beschäftigt sich nur noch mit sich selbst, aber erzählt anderen, wie sie zu sein haben – und spielt dem Rechtspopulismus damit voll in die Hände. Da brüten zumeist materiell Gutgestellte über Dingen wie Identitätspolitik, die möglicherweise emanzipatorisch mal richtig waren, aber jetzt eigentlich keine solche Rolle mehr spielen sollten, weil es nun wirklich dringendere Probleme gibt.

kreuzer: Welche?

TRETTER: Es geht immer zurück auf den Unterschied zwischen Arm und Reich. Und das kann man überdecken, indem man darüber spricht, welche Minderheiten berücksichtigt werden müssen und welche Gender-Gruppe noch nicht ihr bestimmtes Kürzel hat. Das sind Pseudodiskussionen. Ich finde es infantil, wenn man den Leuten vorschreibt, wie sie zu sprechen haben, und beleidigt zu reagieren. Ein Erwachsener kann doch unterscheiden zwischen einer Diskriminierung und etwas flapsig Gemeintem.

kreuzer: Wo zieht man da eine Linie? Ist es nur flapsig, wenn man »Neger« sagt, wo beginnen Beleidigungen?

TRETTER: Warum betrachtet man nicht den Einzelfall? Alles wird in einen Topf geworfen und abgeurteilt.
 Das war für mich auch keine Debatte bei #metoo. Eine Journalistin nannte einen unverlangt zugesendeten Blumenstrauß eine sexuelle Belästigung. Erstens kenne ich keine Frau, die sich über einen Blumenstrauß freut, den sie verlangen muss. Aber wenn von dem bis hin zur Vergewaltigung alles unter einer Überschrift abgefertigt wird, ist das zutiefst kontraproduktiv, was den Feminismus betrifft. Da stilisiert man sich zum Opfer, das permanent geschützt werden muss. Selbstermächtigung ist genau das Gegenteil von dem, was da passiert ist. Hören Sie sich Amanda Palmers »Mr. Weinstein Will See You Now« an – so ermächtigt man sich selbst.

kreuzer: Zensieren Sie sich selbst auf der Bühne?

TRETTER: Ich sage, was ich will, das ist mein Therapeutikum. Ich habe das große Privileg, mich mit dem auseinanderzusetzen, was mich beschäftigt. Zensiert wird nicht, nicht im Kopf und auch nicht in öffentlich-rechtlichen Sendern. Ich habe seit neun Jahren eine Kolumne im WDR. Zensiert wird, wenn der Justiziar eine Beleidigung findet. Ich höre öfter: »Die Medien belügen alle, sind gesteuert.« Ich habe das mal nach der Vorstellung mit solchen Leuten vehement verneint und die meinten dann sofort: »Das müssen Sie ja sagen.« Die waren noch nie in einem Sender, wissen aber ganz genau, wie es läuft. 
Damit alles ins Bild passt, bastelt man sich das hin. Solche Verschwörungstheorien finde ich aber vom erkenntnistheoretischen Standpunkt aus interessant.

kreuzer: Wie kamen Sie zum Kabarett?

TRETTER: Eigentlich gings immer ums Schreiben. Das Kabarett kam mit Ende 20 dazu als Möglichkeit für mich, doch noch etwas zu machen, um einem anständigen, geregelten Leben aus dem Weg zu gehen. Ich wollte im Literaturbetrieb arbeiten, aber Mitte der neunziger Jahre war das schon illusionär oder mit Selbstausbeutung verbunden. Das Internet fing gerade im großen Stil an und es war klar: Großkritiker und Edelfedern wird es nicht mehr geben. Ich war orientierungslos, weil ich auf keinen Fall den klassischen Weg gehen und Lehrer werden wollte. 2001 hat dann ein Freund in Würzburg die Comedy Lounge aufgemacht und Leute für Auftritte gesucht. Er wusste, dass ich auf Familienfeiern gekaspert hab, und fragte mich. Ich hab damals alles gemacht, ein Literaturmagazin herausgegeben, Poetry Slams veranstaltet.

kreuzer: Die damals auch noch in der Comedyecke standen?

TRETTER: Das war hochinteressant, wie es sich entwickelt hat. Das war vollkommener Trash, was wir da gemacht haben. Da hatten die Irren der Stadt eine Bühne. Es war eine großartig-komische Veranstaltung, vor vielleicht 60 Zuschauern. Damals hat es auch keiner ernst genommen. Plötzlich ist es explodiert und die Szene heute mittlerweile zur absoluten Kuschelveranstaltung geworden, das finde ich bitter.

kreuzer: Woraus speist sich Ihr Interesse an der Literatur?

TRETTER: Wo das tiefenpsychologisch herkommt, kann ich schwer sagen. Ich habe immer schon gern gelesen, mit 16 dann ernsthafte Literatur. Das hat mich sehr angefixt, aber die Hybris, Schriftsteller zu werden, hatte ich nie.
 Ich hatte viele größenwahnsinnige Ideen, aber diese komischerweise nicht. Aber ich möchte irgendwann noch mal schreiben um des Schreibens willen und nicht nur für die Bühne
.

kreuzer: Sie haben einen unfertigen Roman im Nachtschränkchen?

TRETTER: Ein Romanprojekt scheiterte schon einmal aus Zeitgründen. Ich mache grundsätzlich nichts mehr ins Blaue hinein. Es gab schon ein Gespräch mit einem Lektor und einen Verlag. Zeitlich war es einfach nicht zu machen
.

kreuzer: Was veranlasste Sie zu Ihrem englischsprachigem Programm? Völkerverständigung?

TRETTER: 
Ich habe in Edinburgh studiert und dort das Fringe-Festival kennengelernt. Ich verspürte dann den Wunsch, weil ich englische Comedy sehr schätze, das selber auszuprobieren. Ich hatte mich öfter mit Michael Mittermeier unterhalten, der das ausgedehnt gemacht hat und auf dem Fringe, in Kapstadt, Australien und New York spielte. Es ist faszinierend, irgendwo hinzufliegen und seine Kunst Leuten mit einem anderen Hintergrund zu präsentieren. Zum Gück wollte die deutsche Botschaft in Ottawa, Kanada, einen Kabarettisten haben. Ich war wohl der Erste, der »hier« geschrien hat. Das war dann der Start: zwei bezahlte Auftritte in Ottawa und Toronto. Da dachte ich, die Gelegenheit kommt nicht noch mal. Es war dann das Schönste, was ich bisher auf der Bühne gemacht hab.

kreuzer: Gabs einen Bonus, weil Sie Englisch sprachen?

TRETTER: Das finden sie schon mal toll. Am interessantesten fand ich, dass man mit Hitler nichts mehr reißen kann. Was vor 20, 30 Jahren noch das Ding gewesen wäre – als Deutscher auf der Bühne ein bisschen rumzubrüllen –, das interessiert sie nicht mehr groß.

kreuzer: Was war denn so ein kultureller Unterschied zwischen Sachsen und Angelsachsen?

TRETTER: Vor allem in den USA, nicht so in Kanada, ist die Prüderie ganz oben. Was man hier ganz normal tun kann, zum Beispiel Nacktbaden, führt dort fast ins Gefängnis. Ich habe mir am New Yorker Broadway »The Book of Mormon« angeguckt von den »South Park«-Autoren. Da werden zwei Mormonenschüler zum Missionieren nach Afrika geschickt. Im ersten Song sind lauter Schwarze in Baströckchen, die singen »We all have AIDS«. Und dann gehts nach unten vom Geschmack her. Es sind unglaublich komische zwei Stunden, die man im deutschen Kabarett nicht machen könnte. Man muss sich vorstellen: Eine vierköpfige Familie gibt 1.000 Dollar aus, um sich dort zu beömmeln. Dann fahren sie nach Hause und verklagen ihren Nachbarn, wenn der seine kleine Tochter nackt im Garten rumlaufen lässt. Oder man weiß in New York an einer sechsspurigen Straße nicht, ob man da auf dem Bürgersteig rauchen darf. Diese Gegensätze sind absurd.

kreuzer: Warum zogen Sie vor elf Jahren nach Leipzig?

TRETTER: Einfach der Stadt wegen. Jahrelang wurde unterstellt, dass mich eine Frau hierher gelotst hätte. Es konnte sich damals keiner vorstellen, dass man freiwillig in den Osten ziehen kann. Es musste eine Rationalisierung dafür gefunden werden.

kreuzer: Was gefiel Ihnen so an der Stadt?

TRETTER: Über allem steht für mich bis heute diese Entspanntheit. Das hat natürlich damit zu tun, dass die Wohnungssituation 2007 äußerst komfortabel war. Es war märchenhaft, sich hier eine Wohnung zu suchen beziehungsweise von der Wohnung gesucht zu werden. Und die Freiräume. Im Vergleich mit der extremsten Stadt, München: Es gibt es dort keine Subkultur, weil alles so teuer ist. Sachen wie in Plagwitz oder jetzt im Osten Leipzigs sind dort nicht möglich. Die improvisierten Läden mochte ich hier sehr. Wahrscheinlich gibt es sie immer noch. Aber ich bin nicht mehr so viel unterwegs.

kreuzer: Warum?

TRETTER: Früher hatte ich einfach mehr Zeit. Es lässt auch die Neugier nach, was der neueste heiße Scheiß ist. Ich würde noch mit 80 sagen, dass diese Orte wichtig für die Stadt sind. Aber selbst bin ich etwas zu angegraut dafür und finde es lächerlich, da noch mit über vierzig rumzuadoleszieren.

kreuzer: Ist Leipzig eine Kabarettstadt?

TRETTER: Das kann ich schwer beurteilen. Natürlich ist es einmalig in Deutschland in der Dichte. Auch die Ensembles sind besonders, weil Ensemble-Kabarett eigentlich passé ist. Was ich mich frage, ist, warum es kein Ausstrahlen gibt. Wenn Leipzig Hotspot für Kabarett ist, warum ist es dann bundesweit von keiner Bedeutung? Das hat vielleicht mit dem Stil zu tun, der anderswo nicht mehr so bedient wird.

kreuzer: Nervt Sie die in vielen hiesigen Programmen angesprochene Ost-West-Differenz?

TRETTER: Nerven ist zu viel gesagt. Wen interessiert das noch? Das bedient ein Publikum, das weit jenseits der 50 ist, und es passiert offensichtlich zu wenig, um junges Publikum zu begeistern. Bei Leuten, deren Biografie sehr in der DDR verortet ist, spielt so was noch eine Rolle. Ein 25-Jähriger kann damit nichts anfangen
.

kreuzer: Wie alt ist Ihr Publikum?

TRETTER: Bei meinen letzten beiden Programmen, »Selfie« und »Pop«, waren wieder Jüngere da. Es ist also möglich. Auch wenn es nicht meine Absicht war, Junge zu erreichen. Das Thema lag mir auf der Seele. Es ist keine vollkommen stumpfe Generation, wie das gern angedeutet wird. Aber dann braucht es Themen, die relevant sind für sie.

kreuzer: Manche Kabarettisten sprechen statt von Ost-West eher von einem Nord-Süd-Gefälle im Humorbereich. Würden Sie das unterschreiben?

TRETTER: Nein. Jeder Abend ist anders. So viele Parameter bestimmen die Stimmung im Saal: Was die Leute tagsüber gemacht haben, wie das Wetter war. Ich habe frenetisches Publikum in Wilhelmshaven erlebt und total ruhiges im Rheinland. Nur zwischen Deutschland und Österreich sehe ich einen deutlichen Unterschied. Humor ist in Österreich düsterer, böser und weitaus mehr auf Unterhaltung aus. Beim deutschen Politkabarett wird das Entertainment manchmal sehr vernachlässigt. Es wäre in Österreich undenkbar, dass da einer mit einer Schautafel zeigt, wie die Verhältnisse bei Goldman Sachs sind, und ich mich als Zuschauer wie in der Volkshochschule fühle. Mal abgesehen davon, dass der ORF solcherlei wahrscheinlich gar nicht zulassen würde bei der jetzigen Regierung.

kreuzer: Das deutsche Kabarett ist Ihnen zu linksliberal?

TRETTER: Mir ist die politische Ausrichtung egal. In dem Moment, in dem es mich langweilt, ist es schlecht. Und es ist langweilig, einen Leitartikel präsentiert zu bekommen. Diese Haltung ist unkünstlerisch, denn was Kunst ausmachen sollte, ist Ambivalenz. Und dann ist es noch nah an der AfD vom Habitus, von der Struktur her, nämlich: »Wir wissen, wie es läuft, und die bescheißen euch alle.« Es kommt aus einer anderen Richtung, aber auch bei manchem Politkabarett gibt es die Bösen da oben, zum Teil auch die Medienschelte. Die Absicht dahinter ist eine andere, aber strukturell ist es nicht viel anders als der Rechtspopulismus.

kreuzer: Dieses dogmatische Besserwissen stört Sie?

TRETTER: Genau. Es geht mir hauptsächlich um diese Geste. Ich habe überhaupt keine Ahnung, wie alles geht. Ich kann Sachen satirisch überhöhen, irgendein Ventil schaffen, um damit umzugehen, damit man nicht depressiv wird. Mir ist es wichtiger, den Leuten, die da vor mir sitzen, zu sagen, ihr seids, nicht die da oben, ihr müsst euch damit auseinandersetzen. Es hat etwas Billiges, wenn Konsens im Saal herrscht. Ich mag es, wenn Kabarettisten die Leute verstören. Andreas Rebers zum Beispiel: Die Leute müssen die ganze Zeit lachen, aber sie wissen nicht, wo steht der da.

kreuzer: Ambivalenz statt Abnicken?

TRETTER: Absolut, die Leute sollen verunsichert rausgehen, nicht betoniert in ihren Urteilen. In der Verunsicherung liegt noch eine Chance, dass die Leute nachdenken. Ich habe nicht die Absicht, etwas bei ihnen zu erreichen. Ich will nicht erziehen. Wenn sie aber über irgendwas nachdenken, ist es ein schöner Nebeneffekt. Ich beanspruche ja, dass das auch Kunst ist, was wir machen. Ich finde den Begriff Kleinkunst furchtbar.

kreuzer: Unterhaltungskunst ist aber nicht besser?

TRETTER: Na ja. Joyce ist möglicherweise die ausdifferenzierteste Avantgarde des 20. Jahrhunderts, und er hat es immer drauf angelegt, auch lustig zu sein.

kreuzer: Gehen Sie selbst ins Kabarett?

Tretter: Wenn ich die Zeit hätte … Es ärgert mich, dass ich bestimmte Programme immer noch nicht gesehen habe. Ich bin vier Tage die Woche auf Tour. Da kann ich meinen Kindern schwer erklären, noch zu Hause ins Kabarett zu gehen. Und ich hab dann auch selber genug zum Teil. Ein paar Sachen schaue ich mir im Fernsehen an.

kreuzer: Haben Sie einen speziellen Rückzugsort?

TRETTER: Das ist ganz einfach: nicht rausgehen, in der Wohnung bleiben. Ansonsten bin ich gern unterwegs in der Stadt. Ich genieße es, mit dem Rad durch die Gegend, an den Cospudener See zu fahren oder durch den Wald. Völlig banale Sachen.

kreuzer: Sie kritisieren das I-like-Regime und die Suche nach Anerkennung in den sozialen Netzwerken. Gleichzeitig müssen Sie als Künstler medial präsent sein. Wie schaffen Sie den Spagat?

TRETTER: Ich persönlich bin da nirgends präsent. Es gibt eine Facebookseite, die meine Agentur betreut. Auf der war ich zwei Jahre lang nicht mehr drauf. Das ist keine Koketterie, es ist wirklich so. Ich schaue da nicht nach, habe kein Smartphone. Ich finde das persönlich sehr anstrengend, wie sich die Kommunikation verändert hat. Bedenklich ist, dass es so unreflektiert passiert. Das betrifft auch die Möglichkeiten der Überwachung. Der Populismus ist nur ein Ausdruck dieser Form: Jeder ist heute Populist seiner selbst. Es geht ja in sozialen Netzwerken nicht um ernsthafte Diskussion. Es geht darum, sich zu präsentieren, und das muss man mit rhetorischen Mitteln machen, also verknappen, pointieren, und sich selber in gutem Licht, andere in schlechterem darzustellen. Das ist masturbierender Populismus und auch ebenso hysterisiert.

kreuzer: Also Ihr Motto ist: Sich raushalten?

TRETTER: Ich mache mir hauptsächlich Gedanken um meine Kinder. Für mich ist es ja relativ leicht, mich rauszuhalten. Aber ich kann meine Kinder nicht zu Außenseitern machen und diese Kommunikationsformen verbieten. Ich sehe sie hineinwachsen in diese sich verändernde Welt. Nehmen Sie Larry Page oder Eric Schmidt von Google: Es ist die Rhetorik des Totalitarismus des 20. Jahrhunderts ins Kuschelige gewendet, wenn sie sagen: »Wir erschaffen den neuen Menschen.« Dieser Machbarkeitswahn, die Selbstgewissheit, auf der richtigen Seite zu stehen und der Menschheit Gutes zu tun, ja: Heilsbringer zu sein, das hat bisher immer in die Katastrophe geführt.

 


Biografie
Mathias Tretter, geboren 1972 in Würzburg, schrieb während des Zivildienstes im Pflegedienst erste kabarettistische Texte. Er studierte Anglistik und Germanistik in Würzburg, Edinburgh und Heidelberg und hatte währenddessen erste Auftritte in der Würzburger Comedy Lounge. Er veranstaltete Poetry Slams, gab ein Literaturmagazin mit heraus und widmete sich dann ganz dem Kabarett. Seit 2007 lebt er mit Frau und Kindern in Leipzig. Anfang des Jahres erhielt er den Deutschen Kabarettpreis.

»Pop«, 6.9., 20 Uhr, Academixer

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