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Die 15 besten Dinge an Leipzig

Von der städtischen Seenplatte über ehrlich kunstbegeisterte Senioren bis hin zur liberalen Haltung

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Man muss auch mal loben können. Leipzig ist zwar keine Insel der Glückseligkeit, auch wenn sich das gegenüber Restsachsen manchmal so anfühlt. Und doch gibt es viele gute Gründe, genau hier zu leben und nicht woanders. Ein paar davon hat sich die Redaktion herausgepickt und fast ist sie ins Stadtschwärmen geraten. Ganz im Ernst. Die Gründe fürs Bleiben überwiegen jene fürs Wegziehen. Wo sollte man auch hin? Und wer, wenn nicht die helle Seite der Macht, sollte fürs gute Leipzig streiten?

Bibliotheksparadiese

Die Deutsche Bücherei benötigt einen Erweiterungsbau, um all die Bücher, Zeitschriften und Zeitungen beherbergen zu können. In Zeiten von Clouds glaubt man gemeinhin, dass das papierne Objekt ausgedient habe. Aber weit gefehlt. So wächst das Bibliotheksgelände zu einem riesigen Ort der Kulturtechniken, denn es geht nicht nur um die Speicherung, sondern Benutzung.
Die 1543 gegründete Universitätsbibliothek erhielt vor einem Jahr den Titel »Bibliothek des Jahres« verliehen. Begründet wurde die Auszeichnung von Deutschem Bibliotheksverband und Deutscher Telekomstiftung mit entscheidenden und wichtigen Fakten: »Digital autonom, frei zugänglich und innovationsstark.« Jeder Bürger kann sich einen kostenfreien Ausweis ausstellen lassen. Wer sich zudem über die Geschichte der Albertina in der Beethovenstraße informieren möchte, dem geben großformatige Leuchtkästen Auskunft darüber, wie Bibliotheken in den letzten Jahrhunderten aussahen und das Wissen organisierten.
Ein weiterer wichtiger Umschlagplatz von Wissen auch jenseits von Buchseiten und Begegnungsort ist die Stadtbibliothek mit ihren 13 Standorten und einem Bücherbus. So bleibt zumindest die Grundversorgung an geistiger Nahrung bestehen. BSC

Leipzig ist nicht Dresden

»Die wahre Dresdenliebe kommt aus dem Dresdenverlust«, schreibt der Dresdner Dichter Thomas Rosenlöcher. Auf so eine Idee würde ein Leipziger, ob Dichter oder nicht, nie kommen. Bezeichnenderweise spielt in der Erinnerungskultur der Stadt die Sprengung einer einzigen Kirche eine wichtigere Rolle als die Zerstörung des Stadtzentrums durch gut anderthalbtausend Tonnen Spreng- und Brandbomben am 4. Dezember 1943. Und während die Dresdner ihre Frauenkirche eins zu eins rekonstruiert haben, hat sich in Leipzig niemals eine Mehrheit gefunden, die die Paulinerkirche in ihrer ursprünglichen Gestalt wiederhaben wollte. Das ließe sich böswillig als Geschichtsvergessenheit deuten. Aber der Leipziger ist nun einmal kein Romantiker, sondern Geschäftsmann und also Pragmatiker – und als solcher gegen die »süße Krankheit Gestern« weitgehend immun. Während die Dresdner hoffen, in der Zukunft die Vergangenheit zu finden, sind den Leipzigern nostalgische Anwandlungen von jeher fremd. Man hat sich nie ein Gewissen daraus gemacht, alte Gebäude niederzureißen, um Platz für Neues zu schaffen. Natürlich sonnen sich auch die Leipziger gern im Glanz vergangener Tage, aber sie trauern diesen Tagen nicht hinterher. Denn sie wissen, dass sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen lässt. Sie halten es nicht einmal für wünschenswert. OSC

Keine Naturkatastrophen

Leipzig liegt nicht im Erdbebenrisikogebiet (s. kreuzer 08/2018, S. 9), im nahen Vogtland wackelt es hingegen schon mal. Vulkane fehlen (also, nicht wirklich). Lawinen und Tsunamis sind in Bälde auch eher weniger zu erwarten. Dafür gibt es im Deutschlandvergleich viele Sonnenstunden, aber: Tropische Hitze mit entsprechenden Stechmücken findet man nicht. Die neulich in Lindenau entdeckte mediterrane Singzikade war harmlos und sowieso ein Einzelzirper. Ja, es ist ungefährlich in der Stadt. Gefährliche, richtig giftige Tiere gibt es nur im Zoo, und auch dort sind sie meist gut verwahrt.
Selbst vor dem fast allen Sachsen Panik einjagenden Hochwasser ist Leipzig einigermaßen gefeit. Die »Jahrhunderflut« 2002 ging an ihm vorbei. Das schwere Juni-Hochwasser von 2013 rief auch kaum nennenswerte Schäden hervor. Wozu schließlich gibt es die wasseraufnehmende Auenlandschaft? Und den ganzen Rest besorgten die ehrenamtlichen freiwilligen Helfer. Noch ein Lob: Im ungefährlich mediokren Auenland steht man sich in der Not auch mal zur Seite. TPR

Das Gelb-weiße Buschwindröschen

Es wächst nur in Leipzig: das Gelb-weiße Buschwindröschen. Die natürliche Kreuzung ist ein hübsches Symbol für das Beste an der Stadt, das bei allen Berlinvergleichen untergeht. Mittendurch zieht sich der Auwald als grünes Band und bringt Wildnis ins urbane Gepräge. Er zählt zu den größten Auwaldlandschaften Europas und hat den jahrzehntelangen Schrecken der Industrialisierung, Verschmutzung und Vergiftung überlebt. Mit der Wende fielen zwar die Fabrikjobs, dafür gehts der Umwelt saugut. Wer braucht schon Arbeit bei solcher Naherholung? Selbst die scheue Wildkatze ist zurückgekehrt, schnuppert am Buschwindröschen und plantscht in einem der 176 Gewässerkilometer. Denn Wasserstadt ist Leipzig auch noch – und der Anschluss an die Weltmeere, also der Durchstich zur Saale, kommt bestimmt. TPR

Selbst gemachte Natur

Es gibt Städte, die sind einfach in attraktiven Landstrichen entstanden, liegen am Meer oder an einem breiten Fluss, sind von Bergen umrandet oder es dauert nicht lange, dass man derlei reizvolle Gegenden erreicht. Leipzig ist von der Natur nicht gesegnet. Ganz im Gegenteil: Die Leipziger Tieflandsbucht gehört mit zu den reizlosesten Landstrichen überhaupt, behaupten einige Zeitgenossen.
Was tun? Selbst schaffen: Mehr Seen als um Berlin – davon träumte schon die DDR, als die Dörfer im Speckgürtel der Kohle geopfert wurden. Mit dem Expoprojekt Sandstrand am Nordufer des Cospudener Sees entstand 2000 ein gewisses Seegefühl. Der Blick auf das Kraftwerk lässt keine verklärte Naturromantik aufkommen, sondern mahnt daran, dass nur die Ausbeutung der Natur den See erschuf. Auch ein Flussbett wurde vor einhundert Jahren geschaffen. Die Ruderer setzten ihre Regattastrecke an der Elster durch und schon gab es zwei Brücken und ein Postkartenmotiv wie in Paris, London oder Budapest. Dass sich im Elsterflutbecken innerhalb kürzester Zeit zu viel Schlamm ablagerte, um rudern zu können, scheint ein Wink des Schicksals. Aber zumindest schaut man von den zwei Brücken auf ein Ideal.
Um das Fehlen von Bergen zu kompensieren, wurden entweder Hausmüll oder Trümmer aufgeschüttet. So bringt es der alte Scherbelberg im Rosental auf 124,9 Meter über dem Meeresspiegel und der Fockeberg im Süden auf 153,3 Meter. Man mag gar nicht daran denken, was noch entstehen könnte. BSC

Pisse nur am Hauptbahnhof

Leipzig schmückt sich gern mit dem »Faust«-Zitat über das Klein-Paris. Dass das vergiftete Lob ein betrunkener Student namens Frosch ausquakte, ist geschenkt. Es geht aber das schleichende Gerücht um, dass Goethe mit dem Vergleich eigentlich das Frankfurter Bahnhofsviertel meint und damit einen krassen Leipzig-Diss hinlegte. Denn das genießt einen, na ja, Scheiß-Ruf: Prostitution und Drogenhandel bestimmen das öffentliche Leben. Menschen, die woanders kein Obdach finden, schlafen hier in Hauseingängen. Das kann zwar von den Lebensdaten her nicht stimmen, aber diese Vermutung erzeugt ein ganz eigenes Leipzig-Lob: Hurra, in Leipzig riechts nur direkt am Bahnhof nach Pisse, in Frankfurt stinkt das ganze Viertel! Die Kriminalität ist in Leipzig trotz allem Unken auch viel geringer. Jetzt müssten wir das nur noch mit den Wohnungslosen hinbekommen … TPR

Ein Klopfen unterm Friedhofsgrund

Wenn es klopft, steht entweder der Nachbar vor der Tür und will, dass ich die Musik leiser mache, oder ich bekomme eine andere Form von Besuch. Tritt das Klopfen auf, ohne dass ein Besuch folgt, ist das entweder ein Scherz oder eine akustische Halluzination. Nun verlagern wir das Klopfgeräusch noch in die Horizontale: auf den Boden unter meinen Füßen, und zwar nicht auf irgendeinen Boden, sondern auf den Friedhof: Bäm! Gruselig! Ja, die Kombination von Klopfen und Friedhof mag erst mal unheimliche Gefühle wecken. Wer soll denn da klopfen? Etwa die Toten unter meinen Füßen? Oder gar der finstere Herrscher einer Unterwelt, an die ich eigentlich ja gar nicht glaube? Aber wenn ich dann auf einem Friedhof stehe und unter meinen Füßen Geräusche vernehme, ist das erst mal eine komische Erfahrung. So ging es mir, als ich vor ein paar Jahren in düsterer Stimmung auf einem Friedhof im Leipziger Westen spazieren ging. Irritiert überlegte ich, ob ich mich jetzt verarscht fühlen soll oder ob ich das einfach nur geschmacklos finde. Inzwischen habe ich erfahren, dass dieser Ort angeblich von vielen Leuten aufgesucht wird, die eben kommen, um die Geräusche aus dem Friedhofsboden zu hören. Ob da jemand zu viel H. P. Lovecraft gelesen hat, will ich an dieser Stelle nicht verraten. Aber vielleicht gibts die Auflösung ja demnächst mal in den Pointen des Lebens. JR

Freundlich zu Bello & Co.

Ja, manchmal gibt es Stress zwischen Hundehaltern und dem Rest der Welt. Aber im Großen und Ganzen sind die Leipziger Hundefreunde. Vor drei Jahren kürte das Portal »Issn’ Rüde« Leipzig zur »Hundefreundlichsten Stadt Deutschlands«! Ausschlaggebend waren Kriterien wie Zahl und Größe der Freilaufflächen, der Hundesalons sowie der tierärztlichen Versorgung. Laut statistischen Angaben (die aktuell verfügbaren Zahlen beziehen sich auf 2016) wächst die Zahl der Hunde hier sogar schneller als die der Bevölkerung. Während die Einwohnerzahl zwischen 2006 und 2016 um 17 Prozent stieg, erhöhte sich die Zahl der Hunde um 23 Prozent. Ende 2016 waren in Leipzig 19.948 Hunde steuerlich registriert, genau 689 mehr als 2015. Im Zentrum sind mit 28 Hunden die wenigsten Vierbeiner, in Stötteritz mit 618 die meisten gemeldet. Inzwischen dürften es durch den weiteren Bevölkerungszuwachs noch mehr sein. Gut für den Stadtsäckel: Hundehalter zahlen pro Hund jährlich 96 Euro Steuer, weitere 192 Euro für jeden weiteren, außer für Blinden- und Rettungshunde. Auf diesem Weg hat Leipzig 2016 mehr als 1,7 Millionen Euro Hundesteuer eingenommen. Die Einnahmen sind zwar nicht zweckgebunden einzusetzen, aber die Stadt verkündet trotzdem, dass sie die Stadtreinigung erhält. Wer jemals weiche Hundekacke am Schuh kleben hatte, wird das für ein Gerücht halten, denn leider sind Projekte für Tütchen-Stationen nur rar gesät. Auch wenn das Einsammeln der Hinterlassenschaften Pflicht ist, empfiehlt es sich also, weiter achtsam zu sein. MEW

Gute Brötchen

Das Lob gilt an dieser Stelle all jenen, die das traditionelle Handwerk hochhalten. In Leipzig kann man wirklich gutes Brot und »richtige« Brötchen essen. So manche Bäckerei ist zudem eine wahre Kuchenbude. Und während andernorts immer mehr Bäckereien aus Altersgründen dichtmachen oder genervt von der Übermacht der Discounter aufgeben, hat hier eine junge Generation Bäckerinnen und Bäcker erkannt, dass Qualität genau ihre Nische ist. Sie erwerben den Meisterbrief, besinnen sich auf traditionelle Familienrezepte, denken sich dazu eigene, neue aus und kehren die von ihren Vätern in den neunziger Jahren im guten Glauben an das Wirtschaftswunder angeschafften Fertigmehle aus den Backstuben hinaus. Selbst einen Laden wie »Nix Tonne« gibt es hier, denn hochwertige Backwaren schmecken auch noch am nächsten Tag. MEW

Die gute Seite der sächsischen Mentalität

Jede Kulturinstitution hat ihr Publikum. Was wäre eine Vernissage ohne ihre Kunstschnösel oder die Opernpremiere ohne parfümiertes Bildungsbürgertum? Während sich Politik und Initiativen darum bemühen, auch das Interesse eines bildungsfernen Publikums zu wecken, tummeln sich die Schnösel unbeirrt in ihrem Terrain. Mir fallen ganz schnell so Stereotype ein: die Psychologin mit dem einen, extravaganten Ohrring am linken Ohr, die ältere Dame im Kostüm, der Kunst-Student in Achtziger-Jahre-Klamotte, der grau melierte, leicht ungepflegt wirkende Herr im langen Mantel, der Typ, der seine Sonnenbrille auch nachts nicht abnimmt … Sie alle treten in Grüppchen Gleichgesinnter auf. Die Gespräche drehen sich immer um das Gleiche. Gossip halt. Seit höfischen Zeiten muss das schon so gewesen sein. Ein paradoxes Ritual der Zusammengehörigkeit – im Individualismus. Zelebriert wird die eigene Einzigartigkeit nach dem Schema F: Sich ein Grüppchen suchen, um dann mit einem Merkmal daraus hervorzustechen – aber bitte nicht zu sehr, sonst droht der gesellschaftliche Ausschluss! Also: Sehen und gesehen werden? Stopp mal eben. Wir sind immerhin in Leipzig. Und auch wenn die Kulturinstitutionen der Stadt sicher mal von diesen Stereotypen aufgesucht werden, gibt es da auch noch was anderes. Etwas, das der Erfahrung der Autorin nach für Leipzig spezifisch ist und das es in ähnlicher Form höchstens noch im Ruhrgebiet gibt. Aber weder in Berlin, noch in Wien oder gar London. Es ist das im besten Sinne Provinzielle: die schönste Form eines oberflächlichen Gesprächs. Bei Spinnereirundgängen lässt sich das beispielsweise gut beobachten: Hier trifft man auch mal auf nicht nur kunstinteressierte, nein vielmehr kunstbegeisterte ältere Damen und Herren, die mit ehrlicher Neugier das Gespräch mit Künstlern und Besuchern suchen. Das eigentlich Besondere an dieser Beobachtung ist die aufgeschlossen-unaufdringliche Art, mit der sie einen Kommentar in ein Gespräch einwerfen oder ihre Eindrücke schildern, ohne belehrend zu sein. Einmal stand ich mit einem Freund und einer Künstlerin aus Rom zusammen, wegen der Römerin sprachen wir Englisch, ein kleiner alter Mann kam näher und beobachtete uns neugierig. Als sich unsere Blicke trafen, jubilierte er: »Ja! Kunst«, nickte dabei eifrig, zeigte mit dem Daumen nach oben und ging fröhlich weiter. Ein wenig verdutzt erwiderten wir höflich sein Nicken. So entwaffnend kann nur echte Begeisterung sein. Die sächsische Mentalität als eine, die nicht ausschließt, sondern verbindet? Mehr davon. Gerne auch beim nächsten Rundgang. JR

Zivilität: Darum gibts hier kein Pegida

Nazikader Christian Worch ernannte Leipzig zur »Frontstadt«, die es einzunehmen gelte. Und doch gelang ihm und seinem Gefolge keine einzige erfolgreiche Demonstration. Er versuchte es zwischen 2001 und 2007 gleich 17 Mal. Auch Legida hatte es immer mit sattem Gegenprotest zu tun. Beim ersten Mal waren es geschätzte 45.000 Menschen, die sich den Reaktionären und Nazis entgegenstellten. Man sah Hinz und Kunz auf den Straßen, irgendwie schien die ganze Stadt mobilisiert gewesen zu sein. Das ist natürlich Unsinn. Nazis gibts zur Genüge auch in der Stadt, (Alltags-)Rassismus ist kein Umlandproblem, gleichgeschlechtliche Zungenküsse sind nicht in jedem Quartier kein Aufreger mehr. Und trotzdem ist etwas dran am Mythos vom »roten Leipzig« und der »weltoffenen Stadt«, er hat eine wichtige Funktion. Denn ein Mythos muss immer wieder reaktiviert werden, um Bestätigung zu finden. Und jede dieser Neubelebungen hat einen positiven Effekt, sei es in Form von Protesten, in der Flüchtlingshilfe, im Selbstmachen. Es ist genau dieses Selbstverständnis, das so als Grundrauschen viele Aktivitäten in der Stadt trägt. Neben dem individuellen moralischen Kompass ist der Mythos ein Zusatzmotor. Und man muss mit Blick auf andere Regionen, gar Failed Citys, den Leipzigern – um sie mal alle über einen Kamm zu scheren – ein vergleichsweise hohes Maß an Zivilität attestieren. Da war etwa ein Hauch von Triumph zu spüren, als bei der Bundestagswahl 2017 in dem Meer sächsischen Schwarz-Blaus der Wahlkreis Leipzig II rot aufleuchtete. Faktisch von keiner Bedeutung, wurde das durch Wählende möglich, die um die Macht der Geste wussten. Dieses Mittelfingerpotenzial, ob aus Trotz oder Haltung, hat etwas Sympathisches. Sicher, ansonsten gilt: Diese Revolution dient ausschließlich zum Zwecke der Ausstellung. TPR

Der Mach-es-selbst-Geist

Macher gelten allzu oft als Leute, die eine Idee haben und es verstehen, daraus richtig Kohle zu ziehen. Macher sind aber vielleicht erst einmal einfach nur Leute mit einer Idee, die für diese die Ärmel hochkrempeln und es verstehen, damit andere anzustecken. Wer zum Beispiel heute vom Reichsgericht über den Ring zur Jahnallee radelt und von da zum Waldplatz, der fährt viel am Wasser lang, nämlich am Pleiße- und am Elstermühlgraben. Nach der Wende war das nicht möglich. Da sprach niemand vom Paddeln ab Stadthafen, vom Chillen am Mendelssohnufer oder gar von der Wasserstadt Leipzig. Die Gewässer waren überwölbt und verrohrt. Als einige sagten: »Wir holen die Pleiße ans Licht«, brauchte es eine Weile, bis die Vision des Vereins Neue Ufer den Weg ins Rathaus fand. Inzwischen gibt es regelmäßig Spatenstiche für neue Bauabschnitte. Leipzig erhält so ein anderes Flair und neue städtebauliche Qualität.
In den neunziger Jahren warb die Stadt Leipzig mit dem Slogan »Leipziger Freiheit« für Touristen wie neue Einwohner. Beide blieben erst einmal aus. Währenddessen nahmen sich die Bürger die Freiheit, ohne auf Impulse vom Rathaus zu warten. Vorher schon waren es Bürger gewesen, die den Tagebau Cospuden schlossen, und immer noch taucht hier und dort ein Freiraum auf, den jemand für Projekte für die Nachbarschaft und alle anderen nutzt. Mit der Wende kam übrigens auch das Stiftungswesen wieder in Gang. Dessen Blüte war im 19. Jahrhundert und sorgte unter anderem für sozialen Wohnungsbau, eine öffentlich und kostenlos nutzbare Musikbibliothek oder das Grassi-Museum für Musikinstrumente. Heute beteiligen sich Stifter am Denkmalschutz, an Professuren, der Umweltbildung oder der Jugend- und Altenhilfe.
Viel Geld könnte sicher aktuell verdienen, wer auf dem einstigen Plagwitzer Güterbahnhof oder nördlich des Felsenkellers Wohnungen vermietet. Dort wird aber Unkraut gejätet oder jungen Obstbäumen beim Wachsen zugeschaut. Am Bürgerbahnhof Plagwitz und im Gemeinschaftsgarten der Annalinde geht es längst nicht mehr nur darum, ein bisschen zu gärtnern und zu ernten. Neue Räume in der Stadt sind entstanden für soziale Landwirtschaft und Stadtentwicklung, Landschaftspflege und Ernährung sowie Bildung und Ausbildung. Auch hier nahmen Leipziger Bürger das Schicksal der Flächen selbst in die Hand.
Andere Ideen keimten erst in Leipziger Wohnungen, woraufhin sich Initiativen gründeten, die ohne monetären Zwang im Rathaus Planungen und Vertragsverhandlungen in Gang setzen konnten. Der Parkbogen Ost vom Grassi-Museum über Anger-Crottendorf, Sellerhausen und den Mariannenpark bis westlich des Hauptbahnhofs bündelt kleinere bürgerschaftliche Engagements und die Entwicklung der verrufenen (nord)östlichen Quartiere. Das kostet übrigens viel Geld und zeigt: Weiterentwicklung ist nicht ausgeschlossen. Mitmachen lohnt sich. FREI

Smoke on the Tresen

Wenn sie in Nürnberg Bier trinken gehen will, also im biersüffigsten aller Bundesländer, muss die Raucherin bald feststellen: Die bayrische Gemütlichkeit wird in suchtabhängiger Regelmäßigkeit gestört. Denn geraucht wird draußen. Das Bier muss drinnen bleiben, die Nachbarn beschweren sich sonst. Auch im nahe liegenden Tschechien, einer der letzten europäischen Bastionen des Drinnenrauchens, wurde im letzten Jahr das Rauchverbot eingeführt. In Sachsen gilt es seit elf Jahren, doch fast überall in der Leipziger Kneipenszene bestätigen Ausnahmen die Regel. Inhaber dürfen in ihrer Eckkneipe selbst bestimmen, ob gequalmt wird, und Gaststätten müssen zumindest einen rauchfreien Raum haben.
Jetzt, da sich der heiße Sommer, den man in lauen Nächten vor allem mit Open-Air-Trinken verbrachte, dem Ende neigt, kommt die Frage auf, wo man sich denn abends treffe. Die Raucherinnenclique trifft sich am besten kurz vor 22 Uhr in einem dieser Läden, die erst Essen, dann Rauchen anbieten, um dem glückseligen Moment beizuwohnen, wenn der Kellner Aschenbecher auf den Tischen verteilt. Und genau dann trennt sich die Spreu vom Weizen: Die einen blicken auf die Uhr und müssen los, weil »morgen früh raus« oder damit die Klamotten nicht so stinken (Gegenargument: Wo nicht geraucht wird, stinkts meist nach Pups und Schweiß). Die Todessehnsüchtigen, die Genießer und die, die nicht an morgen denken, bleiben. Die 22-Uhr-Lösung ist der Kompromiss für das Problem, das anderswo im Gesundheitswahn mit der totalen Verbannung des Rauchers gelöst wird und in revolutionären, Nikotin-gewohnten Köpfen zu der Idee führte, wenn man denn nicht mehr in Cafés rauchen könne, weil da Kinder sind, stattdessen auf dem Spielplatz zu rauchen. Das hat sich – abgesehen von einigen Teenie-Joints in Abendstunden auf dem Klettergerüst – in Leipzig glücklicherweise genauso wenig durchgesetzt wie das Rauchverbot an sich. Und wer unbedingt will, kann sich ja in eine der Nichtraucherkneipen begeben, die es auch irgend-wo geben soll. Ansonsten gilt die weise Einsicht der nicht rauchenden Begleitung, die alle darum bittet, irgendwohin zu gehen, wo geraucht werden darf: »Sonst muss ich immer mit rauskommen oder sitz allein am Tisch.« JUST

Die Liberalität einer Handelsstadt

Leipzig war immer eine liberale Stadt. Tolerant, weltoffen, kosmopolitisch. Eine Handelsstadt eben. Meist blühte sie in ihrer langen Geschichte. Klar, die sächsischen Könige wollten immer gern mitverdienen, das wurde manchmal lästig. Auch die vierzig Jahre DDR waren ein Rückschlag, denn was sich Sozialismus nannte, war eine asiatisch-byzantinische Despotie russischer Prägung. Aber nicht einmal diese vierzig Jahre konnten die Stadt in ihrem Kern angreifen. Tief in ihrer Seele blieb sie immer liberal. Man wusste, dass man gute Geschäfte nicht erzwingen kann. Denn mit den Geschäften ist es wie mit der Liebe: Nur die Freiwilligkeit führt zum Ziel. Und die besten Geschäfte nützen allen. Im Zweifel fördert Kultur die Annäherung und bahnt ihnen den Weg. Auch deswegen stand die hiesige Kultur schon früh in relativer Blüte. All dies spricht für eine gedeihliche Zukunft Leipzigs. Ob das für die unmittelbare Umgebung gilt, ist derweil nicht so sicher, denn Sachsen ist eine zuverlässige Stütze der Rückständigkeit. Zwar haben die Konservativen das Land nicht schlecht verwaltet, aber zu wenige hatten politischen Mut. Und zu viele träumen im Freistaat vom Königreich. Das aber wird nie wieder zurückkommen. Mal sehen, ob der junge König seine Untertanen noch begeistert kriegt. Ein Jahr hat er noch. EEP

Das Verlagswesen regt sich

Die Buchstadt Leipzig, in Festtagsreden gern beschworen, lag zwei Mal in Trümmern: 1943 und 1990. Die DDR hatte das Erbe zumindest leidlich weitergepflegt, auch wenn viele Verlage in den Westen auswichen. 1990 aber und die Jahre danach waren ein K.o.-Schlag. Nun leben wir in Zeiten eines weit grundsätzlicheren Wandels in der Kulturtechnik des Lesens. Weg von der Gutenberggalaxis, hin zur Schwachstromtechnik. Alles soll digital werden. Das fördert nicht nur die Bequemlichkeit, sondern auch Kontrolle über uns. Was also sollen da noch Verlage? Ein Schrumpfen allerorten. Aber auch hier beweist sich Leipzig als zäher Hort guter Ideen. Allerlei Neugründungen und sogar Herzüge sind zu beobachten. Zuletzt der Merve Verlag, einer der großen Ideengeber der Bonner Republik. Klein, aber fein. Auch der Lehmstedt Verlag, für lokale Geschichte besonders wichtig, oder Voland & Quist seien hier stellvertretend genannt. Spector Books wurde ein im Kunstwesen sogar international bedeutender Player. Es regt sich was, der Buchstadt wird wieder etwas Leben eingehaucht. EEP

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