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»Wir sind mehr« in der Wirtschaft

Sächsische Unternehmen sorgen sich nach den Vorfällen in Chemnitz um den Ruf

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Die Ereignisse der letzten Wochen haben dem Erscheinungsbild Chemnitz nicht unbedingt geschmeichelt. Für Unternehmen und Firmen, die sich auf einer internationalen Ebene betätigen und deren Arbeit nur auf einer weltoffenen Vertrauensebene funktionieren kann, könnte dies in Zukunft einige ernstzunehmende Konsequenzen bedeuten. Nun erheben die Institutionen ihre Stimme, um sich von dem weitreichenden braunen Gedankengut der Bevölkerung zu distanzieren.

Die Leiter der Siemens-Werke in Chemnitz sind zornig. Sie sind zornig, weil die Welt heute diese Bild von Sachsen habe: »Hass und Hetze, Ausländerfeindlichkeit und offener Rechtsbruch.« Und weil dieses Bild von Sachsen heute von einer Minderheit genährt werde, die anderen Menschen das Existenzrecht in diesem Land verwehre und die hiesigen gesellschaftlichen Werte mit Füßen trete. Und so haben die Leiter der sächsischen Niederlassungen einen offenen Brief an »die Menschen in unserem Land« geschrieben: »Sachsen darf nicht auf radikale Minderheiten reduziert werden, auch wir sind Sachsen!«, heißt es darin. »Wirtschaftlicher Erfolg als Basis unseres Wohlstands in Deutschland und Sachsen hängt nicht zuletzt vom Ruf ab, den wir bei unseren Kunden weltweit haben.«

»Gewalt, Ausgrenzung und fehlende Gesprächsbereitschaft sind ein Problem für die offene Gesellschaft und damit auch für die Wirtschaft«, betont auch der Präsident der Handwerkskammer Chemnitz, Frank Wagner. »Das Handwerk sucht überregional nach Fachkräften und unterhält Geschäftsbeziehungen ins Ausland«, erklärt er auf Anfrage des kreuzer. Er beobachte eine Polarisierung, die sachliche Gespräche erschwere oder sogar unmöglich machte. »Aber es gibt Zeichen der Hoffnung«, glaubt Wagner. »Ich persönlich rechne damit, dass engagierte Bürger schon bald das sachliche Gespräch anregen.« Seiner Meinung nach gehe es im Kern nicht um ein Chemnitzer Problem. »Das ist ein gesamtdeutsches Problem«, erklärt er.

So äußert sich auch der Präsident des Deutsche Industrie- und Handelskammertags Eric Schweitzer: »Die Ereignisse in Chemnitz sind aus Sicht der deutschen Wirtschaft inakzeptabel. Fremdenfeindlichkeit, Nationalismus und Selbstjustiz schaden nicht zuletzt auch dem Ansehen des Wirtschaftsstandorts Deutschland«, mahnt er im Handelsblatt, wo auch sächsische Unternehmerinnen und Unternehmer wie die Chefin der Uhrenmarke Nomos,aus Glashütte oder Miro Jennerjahn, Vorsitzender des Vereins Open Saxony, ihre Bedenken äußerten.

Denn vor allem die Konzerne in Sachsen sorgen sich um den Ruf ihrer Firmen. Chemnitz ist die drittgrößte Stadt Sachsens. Sie zählt zu einer der wachstumsstärksten Städte Deutschlands und verkörpert für viele Firmen ein ausgeglichenes Verhältnis von Industrie, Handel und Forschung

Aktionen wie Wir Sind Mehr, zu der am Montag 65.000 Menschen in Chemnitz ein Konzert gegen Hetze besuchten, findet auch seitens der Handelskammer Zuspruch. »Ich begrüße jede Initiative, die sich auf dem Boden des Rechtsstaats für Demokratie und den zivilisierten Umgang miteinander einsetzt«, sagt Wagner. Es sei zu wünschen, dass jene Ereignisse in den Menschen etwas bewegten und sie animiere, aktiv etwas zum Schutz der kulturellen Vielfalt beizutragen. Und auch im Brief der Siemens-Chefs heißt es: »Wir sind mehr.«

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