Startseite / Politik / »Dorfdisko mit den immer gleichen Neonazis«

»Dorfdisko mit den immer gleichen Neonazis«

Landarbeit: Tobias Burdukat vom Dorf der Jugend Grimma über seine Bildungsarbeit

Größeres Bild

»Nazis raus!« aus 65.000 Kehlen schön und gut, aber: Was bleibt von #wirsindmehr? Schaffen es Aufrufe zum Engagement und Widerspruch gegen Rechts bis aufs sächsische Land? Antirassistische Arbeit bleibt Landarbeit. Der kreuzer stellt Initiativen und Jugendclubs in der sächsischen Provinz vor und geht der Frage nach, was sich ändern muss, damit »wir« wirklich mehr sind. Diesmal: Das Dorf der Jugend in Grimma.

Tobias Burdukat scheint das Dorf der Jugend nicht nur am Herzen zu liegen. Als Tätowierung findet sich der Name des Projekts auch entlang seines Mittelfingers. Die schwarzen Lettern sind auch dann noch zu erahnen, wenn er die Linke zur Faust ballt. Entschlossenheit oder Hingabe? Beides war in den letzten Jahren zweifelsfrei mehr als nötig. Seit 2014 ist er damit beschäftigt, eine dem Verfall überlassene Spitzenfabrik in Grimma zu einem Ort umzugestalten, an dem sich Jugendliche selbst verwirklichen und ihren eigenen Freiraum schaffen können.

Mittlerweile gibt auf dem Gelände neben dem Mulde-Radweg einen Skatepark, eine Fahrradwerkstatt, eine Downhillstrecke, Hochbeete und Gartenprojekte, Graffitiwalls und ein Café, das aktive Jugendliche selbst betreiben können. Bis der Veranstaltungsraum fertiggestellt ist, finden Konzerte und Partys vorwiegend im grünen Innenhof statt. Dabei richtet sich das aktuelle Angebot an Veranstaltungen und Workshops stets danach, was die Jugendlichen selbst anbieten möchten.

Für sein Engagement wurde Tobias Burdukat 2016 mit dem Panter-Preis der taz ausgezeichnet. Er organisiert das seit 16 Jahren stattfindende Crossover Festival, das Jugendlichen in der Region eine kostenlose Alternative zu Langeweile und Eintönigkeit bietet. Acht Jahre lang saß er zudem im Stadtrat von Grimma. Er kennt die Situation und die Probleme in der sächsischen Provinz. Auch er selbst wird für seine Arbeit immer wieder angefeindet und muss sein Projekt nicht nur vor der Kommune, sondern auch gegenüber angeblichen besorgten Bürgern rechtfertigen.

kreuzer: Braucht Sachsen mehr Dörfer der Jugend?

TOBIAS BURDUKAT: Auf jeden Fall. Aber nicht nur Sachsen. Alle ländlichen Regionen brauchen mehr kontinuierliche Jugendarbeit. Auch mit Konzepten, die unserem ähneln.

kreuzer: Was ist das Besondere an diesem Konzept?

Tobias Burdukat, Foto: privat

BURDUKAT: Eigentlich ist es überhaupt nichts besonderes. Wir orientieren uns an klassischer offener Kinder- und Jugendarbeit der 70er-Jahre, die einen aufklärerischen Aspekt und ein humanistisches Weltbild in den Vordergrund rückt. mit dem Ziel, die Jugendlichen Eigenständigkeit und Selbstständigkeit entwickeln zu lassen. Das war ja immer schon die Idee hinter offener Jugendarbeit und sollte eigentlich gar nicht unser Alleinstellungsmerkmal sein.

kreuzer: Gab es bei der Umsetzung Probleme?

BURDUKAT: Die gibt es immer noch. Die finanzielle Absicherung der pädagogischen Arbeit ist äußerst wacklig. Im Prinzip muss ich gerade alleine alle Etappen der Jugendarbeit abdecken. Ich muss einen Zugang zu den Jugendlichen aufbauen, die erstmals über unsere Angebote zu uns finden. Also wenn jemand beispielsweise einfach zu uns kommt, weil er hier skaten kann. Auch Gruppen, die bereits Verantwortung im Haus übernehmen und ihre eigenen Projekte durchführen, müssen begleitet werden. Da geht es dann darum, bei der Verwirklichung ihrer Pläne zu helfen. Manche bleiben auch über ihre Schulzeit hinaus hier aktiv und werden ein fester Teil des Projekts, aber auch da braucht es Koordination. Eigentlich ist es ja fast unmöglich, all diese Positionen alleine zu übernehmen. Deswegen scheitern derartige Projekte ja leider auch immer wieder.

kreuzer: Was braucht es denn, um auf dem Land Angebote für Jugendliche zu schaffen, die attraktiver sind, als in die rechte Szene abzudriften?

BURDUKAT: Der große Nachteil, dass es in ländlichen Regionen meist so wenig Angebot gibt, ist für uns ironischerweise der große Vorteil: Mit niedrigschwelligen Angeboten, wie etwa einem Skatepark oder einem frei zugänglichen Fußballplatz, können wir die Jugendlichen erst einmal erreichen. Das ist eigentlich völlig absurd. Sonst müssten die zum Skaten oder in manchen Orten sogar fürs Kino immer in die Stadt fahren. Die können sich nicht aussuchen, ob sie mal auf ein Konzert oder in die Disco gehen. Da gibts im Zweifelsfall nur die schlechte Dorfdisco, in der seit Jahren die gleichen Neonazis stehen.

kreuzer: Die Abwanderung in die Städte scheint ein zentrales Problem zu sein. Warum sind Sie in Grimma geblieben?

BURDUKAT: Weil ich von dort komme. Ich hatte jetzt nie das dringende Bedürfnis, unbedingt hier zu bleiben und habe auch zwischendurch mal in Chemnitz und Leipzig gelebt. Aber ich fühle mich in Grimma wohl und habe hier alles, was ich brauche. Das hat jetzt wenig mit irgendeinem konservativen Verständnis von Heimat zu tun, wenn ich mich den Menschen, mit denen ich hier zu tun habe, verbunden fühle.

kreuzer: Wenn man sich Ihren Mittelfinger ansieht, stellt sich die Frage, ob das Dorf der Jugend Ihre Antwort auf die sächsische Gesellschaft ist …

BURDUKAT: Natürlich ist das Dorf der Jugend meine Antwort, weil es abbildet, wie ich mir eine offene Gesellschaft vorstelle. Dass Entscheidungen nach dem Konsensprinzip getroffen werden, Hierarchien so flach wie möglich gehalten sind und ein Raum geschaffen wird, der Schutz vor Diskriminierung bietet. So stell ich mir das Idealbild einer Gesellschaft vor. Und natürlich spiegelt sich das in dem Projekt.

kreuzer: Sollte die Stadtbevölkerung zum Umgang mit Rechtsradikalen viel eher auf die Provinz hören?

BURDUKAT: Ja und Nein. Es gibt Menschen in Kleinstädten und Dörfern, die sehr aktiv sind und sich viel mit diesen Problemen auseinandersetzen. Die haben ein sehr konkretes Bild von der realen Situation und doch wird ihnen viel zu selten zugehört. Auf der anderen Seite sehe ich es schwierig, da große Teile der ländlichen Gesellschaft sehr unreflektiert mit rechten Netzwerken umgehen und diese teilweise auch gar nicht richtig wahrhaben wollen. Wenn ihr Nachbar Geld an die NPD spendet, ist er trotzdem weiterhin der hilfsbereite Nachbar.

Wir brauchen aber auf jeden Fall einen anderen Austausch zwischen den Standorten, um besser zu verstehen, wie problematisch die Situation zuweilen ist. Auf dem Dorf kannst du dich z.B. nicht in der Anonymität verstecken. Da wissen die Rechten, wo du wohnst, wo deine Eltern wohnen, deine Großeltern … Sie wissen, welchen Heimweg du nimmst. Da hilft es dann nichts, aus der sicheren Entfernung zu sagen, man solle offensiver Flagge zeigen.

kreuzer:  Was kann man denn als Stadtbewohner tun, um die Arbeit in der Provinz zu unterstützen?

BURDUKAT: Ihr könnt zu unseren Veranstaltungen kommen, bei Arbeitseinsätzen hier helfen, Barschichten übernehmen, Fördermitgliedschaften übernehmen, spenden, Soliveranstaltungen organisieren und und und … Gerade letzteres ist ja auch viel einfacher und erfolgreicher, wenn man es in einer Stadt macht, wo dann viele Leute kommen. Also es gibt auf jeden Fall jede Menge Möglichkeiten, uns zu unterstützen.

kreuzer: Für Ihre Arbeit werden Sie immer wieder öffentlich angefeindet. Wie sehen die positiven Erfahrungen aus, die Sie anspornen, trotz des Gegenwinds weiter zu machen?

BURDUKAT: Wer uns nicht wohlgesinnt ist, wird immer etwas finden, um sich aufzuregen. Die Jugendlichen überall… und die Grafitti… Aber wenn dann eine ältere Dame im Vorbeigehen kurz stoppt und erzählt, dass sie schon seit Jahren hier an dem Gebäude vorbei geht und es richtig schön sei, was wir daraus gemacht haben… Ihr gefalle das Haus so bunt und lebendig viel mehr, als wenn es weiter zur Ruine wird. Da sind die Momente, die mir besonders in Erinnerung bleiben. Wenn das Lob aus einer Richtung kommt, bei der man selbst immer das Vorurteil hat, dass die mit allem, was Jugendliche machen, ein Problem hätten. Oder wenn die ganz normale Bevölkerung aus Grimma ihren Nachmittag in dem Café verbringt, das die Jugendlichen bei uns betreiben. Und natürlich ist es großartig zu sehen, wenn es klappt, dass die Jugendlichen nicht nur für sich und andere etwas schaffen, sondern dabei eine Bindung zum ländlichen Raum aufbauen.

Weitere Texte aus der Reihe »Landarbeit«:

»Wir sind nicht mehr« Stephan Conrad vom Treibhaus in Döbeln über antirassistische Arbeit im Umland
http://www.kreuzer-leipzig.de/2018/09/11/wir-sind-nicht-mehr-conrad-doebeln/

»Wie lange wollen wir die Scheiße eigentlich noch machen?« Der Verein Agenda Alternativ über »Kicken ohne rechts« im NSU-Unterstützerland
http://www.kreuzer-leipzig.de/2018/09/26/landarbeit-agenda-alternativ/

»Wen sprechen wir mit Jugendarbeit überhaupt noch an?« Das Emil in Zittau über Jugendarbeit in einer überalterten Stadt
http://www.kreuzer-leipzig.de/2018/10/02/landarbeit-emil-zittau/

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Ein Kommentar

  1. kiesl | 18. September 2018 | um 12:19 Uhr

    Wenn der Text in die Printausgabe gelangt, dann heftet gleich ein paar Immo-Angebote entlang der Zwickauer und Freiberger Mulde an. Hätte ich mich nicht im Südraum von LE niedergelassen und müsste nicht Richtung Halle pendeln, Grimma und Döbeln wären ne Option. Anstatt sich vor den anziehenden Miet- und Immopreisen in LE zu ängstigen, können einige Leipziger mal vorbeischauen. Die Städte sind richtige Perlen und die Infrastruktur gut angebunden. Grimma Leipzig wird mit dem Zug sogar um Mitternacht bedient und es soll gar elektrifiziert werden. So gut hatten wir es als Döbelner in der Jugend nicht. Nach den Konzis in LE, DD oder KMStadt mussten wir entweder früher weg oder bis 4 um die Ecken ziehen.
    #WannWennNichtJetzt
    Provinz sind die neuen Freiräume!