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Rendite vs. Techno

Politiker und Clubbetreiber fordern von der Stadt, Clubkultur und Freiräume zu schützen

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Am Samstag fand eine Tanzdemonstration unter dem Motto »Freiräume erhalten – Clubkultur schützen« durch die Innenstadt Leipzigs statt. Etwa 1500 Menschen demonstrierten und feierten zugleich für den Erhalt der Clublandschaft der Stadt und setzten somit ein Zeichen gegen Immobilienspekulationen und Gentrifizierung.

»Wir sind hier, weil wir tanzen wollen!«, beginnt die Ansprache von Kordula Kunert, Mitglied der IG Livekommbinat Leipzig und Mitorganisatorin der Demonstration » Freiräume erhalten- Clubkultur schützen«. Etwa tausend Menschen haben sich zu diesem Zeitpunkt am Johannisplatz vor dem Grassimuseum zusammengefunden. Sie alle wollen für den Erhalt der Clubkultur in Leipzig demonstrieren.

Kordula Kunert, IG Livekombinat Leipzig | Fotos: Paul Hildebrand

Kurz nach der Ansprache setzt sich der Protestzug bestehend aus den motorisierten Technofloors des So&So, der Distillery, des Ifz, der GSO und des Festivals »Keine Fische aber Grethen« basslastig-groovend in Bewegung, gefolgt von den zahlreichen Demonstrationsteilnehmern.

Auf den Schildern und Bannern sind Botschaften wie »Make Love Not Money«, »Tanzen hilft« oder »So&So weiter« zu lesen, letztere bezieht sich wohl auf die bevorstehende Schließung des Clubs So&So. Die Stimmung ist heiter, die Menschen friedlich, die meisten bewegen sich im Rhythmus der Musik. Die Hintergründe der Demonstration sind ernst, doch das scheint der ausgelassenen Stimmung kein Abbruch zu tun, ganz im Gegenteil. Vorbei am Augustusplatz und den teils interessierten, teils irritierten Blicken zahlreicher Passanten geht es über die Goethestraße in Richtung Brühl und zum Markt. Immer mehr Menschen schließen sich der Demonstration an, fotografieren oder tanzen am Straßenrand mit. Auf Höhe des Willy-Brandt-Platz heißt es aus den Reihen der Veranstalter, dass es nun bereits 1500 Teilnehmer sind.

Kundgebung am Marktplatz

Jürgen Kasek, Bündnis ’90/Die Grünen, und Steffen Kache, Distillery (re)

Wagen für Wagen treffen am Marktplatz ein, gefolgt von einem sich rhythmisch bewegenden Kollektiv gutgelaunter Menschen. Hier findet die Kundgebung mit Beiträgen von Vertretern der Clubkultur als auch Regionalpolitikern der Grünen, SPD und der Linken statt.

Bei seinem Redebeitrag solidarisiert sich Steffen Kache, Inhaber der Distillery und Vorstandsmitglied der Livekomm, mit dem So&So und sieht im Schicksal des Clubs keinen Einzelfall. In vielen anderen Städten Deutschlands, wie etwa Berlin oder Hamburg, seien durch Grundstücksspekulationen bereits viele Clubs geschlossen worden, in Leipzig soll es nicht so weit kommen. »Wir ebnen den Immobilienhaien den Weg, wir machen die Stadt interessant und haben immer wieder das Nachsehen, weil wir nicht so viel Geld im Hintergrund haben wie die« erklärt er. Weiterhin kritisiert er die »Bequemlichkeit, Faulheit und Geldgier« der Investoren und die mangelnde Bereitschaft in einen Dialog mit den Kulturschaffenden zu treten. Er fordert die Politik dazu auf, »Kultur zu schützen« und mit mehr »Selbstvertrauen gegenüber den Investoren« aufzutreten.

Danach spricht Jürgen Kasek, Grünen-Politiker und Mitinitiator der Demonstration. Er macht darauf aufmerksam, dass von allen angesprochenen Fraktionen im Stadtrat lediglich die SPD, die Grünen und die Linke dazu bereit waren, die Demonstration durch Redebeiträge zu unterstützen. Weiterhin verweist er auf das generell fehlende Interesse der CDU-Fraktion im Stadtrat an dem Kulturgut »Club«. Diese sei nicht nach ihrem »Kulturverständnis« heißt es wohl seitens der CDU.

Juliane Nagel, Die Linke Leipzig

Darauf folgen Beiträge von Christopher Zenker (SPD) und Juliane Nagel (Die Linke). Christopher Zenker, Fraktionsvorsitzender der SPD, lobt die Abschaffung der Sperrstunde, die seiner Meinung nach ein »Angriff des Ordnungsamtes auf das IFZ gewesen« sei. Auch kritisiert er das rücksichtslose Vorgehen der Investoren und spricht sich für die Bewahrung der zu Leipzig gehörenden Kulturvielfalt aus.

Juliane Nagel von der Linken sieht das Problem im teils undurchsichtigen Immobiliengeschäft. Hier sei für Investoren nach wie vor die größte Gewinnspanne zu realisieren. Sie verweist neben dem So&So auch auf das Westwerk oder die Entmietung in der Wohnbebauung, wie es aktuell in der Thierbacher Straße 6 geschieht.

»Diese Stadt gehört nicht den Investoren, diese Stadt gehört den Menschen, die in ihr leben« fasst Kasek zusammen, bevor sich die Demonstration über den Dittrichring und Martin-Luther-Ring zum Wilhelm-Leuschner-Platz in Bewegung setzt. Hier ist bereits ein Bierwagen aufgebaut und einige Menschen warten, auf den umliegenden Grünflächen und Bordsteinen sitzend, auf die Ankunft des Demonstrationszuges.

Bis 22 Uhr steigt hier schließlich ein Open-Air-Rave mit drei DJs und guter Laune, bevor sich alle wieder in die Nacht und ihre Lieblingsclubs verabschieden.

TEXT: DMITRIE TARAPATA

FOTOS: PAUL HILDEBRAND

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