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Von Berlin nach Leipzig

Der Hentrich und Hentrich Verlag macht seine Bücher jetzt in Leipzig

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Hentrich und Hentrich, der einzige deutsche Verlag mit einem ausschließlich jüdischen Programm, ist von Berlin nach Leipzig gezogen. Grund dafür war die Gentrifizierung, aber auch weitreichende Verbindungen des Verlags in die Buchstadt. Für Leipzig bedeutet das vor allem eins: einen starken kulturellen Impuls.

Längst steigen die Mieten in der Hauptstadt. Das musste auch der Berliner Verlag Hentrich und Hentrich erfahren. Um 150 Prozent sollte die Miete für dessen Räume steigen, nachdem neue Investoren das Gebäude übernommen hatten. »Natürlich haben wir uns überlegt, ob wir an den Stadtrand ziehen«, sagt die gebürtige Leipzigerin Nora Pester, die den Verlag 2009 von dessen Gründer Gerhard Hentrich übernommen hatte, »aber Berlin ist sowieso schon eine Stadt, in der man große Entfernungen überbrücken muss. Und da habe ich mich dann meiner eigenen Wurzeln besonnen.«

Die Entscheidung für Leipzig fiel kurz nach der Buchmesse. Ihr folgte eine Anfrage ans Haus des Buches und einer jener selten glücklichen Zufälle: In dem komplett belegten Haus waren durch den Auszug von Seemann-Henschel gerade zwei Räume frei geworden. Dort hat der Verlag jetzt seinen Hauptsitz. Neben der Verlagschefin sind auch die für Herstellung, Grafik und Geschäftsführung zuständigen Mitarbeiter im neuen Verlagssitz untergebracht. Lediglich das Lektorat bleibt in Berlin.

Der Umzug in die sächsische Metropole geschieht zu einem politisch heiklen Zeitpunkt. Die Bilder aus Chemnitz sind noch nicht alt. Genauso wenig wie die Geschichte des jüdischen Restaurantbetreibers, dessen Scheiben von Rechtsextremen eingeworfen und der dabei selbst verletzt wurde. Dementsprechend waren die Reaktionen auf den Verlagsumzug bei den jüdischen Autoren sehr unterschiedlich. Einige der älteren in Berliner hatten die Befürchtung, dass sie den persönlichen Kontakt zu ihrem Verlag verlieren könnten. Andere wiederum stellten gleich klar, dass sie keinen Fuß auf sächsischen Boden setzen würden. Doch es gab auch viele, die den Umzug befürworteten. Im Verlag, aber auch außerhalb.

»Es hat mich überrascht, mit wie viel Offenheit und Interesse man in Leipzig unserer Arbeit begegnet«, freut sich Pester. Gleich nach der Ankündigung des Umzuges, trudelte bei ihr ein Brief des Oberbürgermeisters ein, der den Verlag in der Stadt willkommen hieß. Schnell bildeten sich erste Kooperationen, zum Beispiel mit der Konrad-Adenauer-Stiftung in Dresden oder dem Ariowitsch-Haus in Leipzig. »Das zeigt mir, dass das Thema jüdisches Leben und Geschichte hier nicht egal ist«, meint die Verlegerin.

Genau für dieses Thema ist ihr Verlag die richtige Adresse. Bis zu 50 Neuerscheinungen bringt er jährlich auf den Markt. Das Spektrum ist weit und reicht vom historischen Sachbuch über Biografien bis zum Kinder- und Jugendbuch. Wichtig ist der Bezug zum Judentum. In der Vergangenheit bedeutete das vor allem den Bezug zu Religion und Geschichte des Judentums. Doch seit einigen Jahren verlegen Hentrich und Hentrich zunehmend auch Titel, die sich mit aktuellen gesellschaftspolitischen Problemen auseinandersetzen. Eines dieser Bücher wird im Oktober erscheinen und trägt den Titel »Der neu-deutsche Antisemit. Gehören Juden heute zu Deutschland?«. Geschrieben hat es Arye Sharuz Shalicar, ehemaliger Pressesprecher der israelischen Armee und aufgewachsen im Wedding. Im Oktober wird er sein Buch im Ariowitsch-Haus vorstellen.

»Als ich mich entschieden habe im März nach Leipzig umzuziehen, war mir noch nicht bewusst, dass da möglicherweise auch eine gesellschaftspolitische Dimension dahintersteht«, sagt Pester. Längst hat sie sich jedoch daran gewöhnt. Mit Autoren wie Shalicar sowie vielen deutschlandweiten Kooperationen mit jüdischen und nicht-jüdischen Institutionen sind sie und ihr Verlag für ein gesellschaftliches Engagement bestens aufgestellt.

http://www.hentrichhentrich.de

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