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Die Revolution vermisst ihre Kinder  

Die AfD will in Sachsen die Macht übernehmen und beruft sich auf die Tradition von 1989. Viele sehen darin einen Affront, dabei hatte die Wende durchaus ihre völkisch-nationalistischen Ausläufer 

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Das Jahr 2019 werde »in der Kontinuität von 1989« stehen, prophezeit die AfD in ihrem 10-Punkte-Plan zur »Machtübernahme« in Sachsen. Bundes- und Landtagsabgeordnete der Partei haben ihn entworfen, denn nächstes Jahr sind Landtagswahlen im Freistaat und die AfD will stärkste Kraft werden. Da reicht das Ausländerthema vielleicht nicht, also heftet man sich den 89-Orden an. Überraschend ist das nicht.

»Wir sind das Volk!«, die Parole feierte mit Pegida ihr Revival. Permanent vergleichen Protestler und ostdeutsche Abgeordnete der AfD die heutige Bundesrepublik mit der DDR im Endstadium. »Ich fühle mich wieder wie im tiefsten Osten«, gesteht Verena Hartmann, ehemalige Polizistin und seit 2017 sächsische AfD-Abgeordnete, in ihrer Bundestagsrede zur Lage der Religions- und Weltanschauungsfreiheit. Ein Antrag der FDP, findet Siegbert Droese, AfD-Bundestagsmitglied aus Leipzig, verbreite »den Atem der längst untergegangenen Sowjet-union«. Die Bundesrepublik bezeichnet er auf Facebook als »real existierenden BRD-Sozialismus«, Angela Merkel als »Poststalinistin«, er behauptet, man sei »heute einem totalitären Staat näher als einem freiheitlichen«. Bekannt ist Droese vor allem wegen eines Fotos, das ihn mit der rechten Hand am Herzen vor der Wolfsschanze zeigt, und wegen Autokennzeichen wie »AH 1818« (rechter Code: AH wie auch die Zahl 18 stehen für Adolf Hitler) oder »GD 3345« (Code für Großdeutschland zwischen 1933 und 1945).

Als 1989 die Proteste in der DDR Fahrt aufnahmen, war der Leipziger Droese allerdings schon weg. Im Juli desselben Jahres flüchtete er über Ungarn in den Westen und begann in Hamburg eine Lehre zum Hotelfachmann, die er 1991, zurück in Leipzig, im Hotel Merkur abschloss. 

Den Oberkellner würde man ihm auch heute noch abkaufen: Gepflegtes Äußeres, kompakte Statur – die wachen Augen in chronisch besorgter Miene sehen sofort jeden, der den Saal des soziokulturellen Zentrums »Große Eiche« in Böhlitz-Ehrenberg betritt. AfD-Kreisvorsitzender Droese wird hier eine parteiinterne Veranstaltung zu leiten haben. Für ein kurzes Interview führt er zügig nach nebenan, rückt Stühle an einen Tisch und setzt sich selbst zuletzt.
Kann jemand wie er glaubhaft den Wendehelden spielen? Nein, das ist Droese auch klar. Außerdem: »Weltanschaulich hatten die Bürgerrechtler völlig andere Vorstellungen« als Droese und seine Partei heute, sagt er. Allerdings sei auch er im christlichen Elternhaus »system-kritisch« erzogen worden und in der Polytechnischen Oberschule waren seine Ohren immer »auf Durchzug geschaltet«. Deshalb sei das alles auch Teil seiner Geschichte, die seiner Familie und Freunde. Rebelliert hat er nicht. Gegenüber dem Radiosender Mephisto 97.6 sagte er, zu DDR-Zeiten und auch nach seiner Rückkehr nach Leipzig habe er sich für Politik nicht interessiert, das sei erst mit der AfD gekommen. Und die Parteikolleginnen und -kollegen? »Einer saß sogar im Knast«, fällt Droese ein. Das stimmt, ein sächsischer Landtagsabgeordneter der AfD wurde in der DDR aufgrund eines gescheiterten Fluchtversuchs zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Doch während der Wende hat sich kein AfD-Aufsteiger, sofern nicht ohnehin zu jung, einen Namen gemacht. Die Beständigkeit von 

1989 bis heute muss also woanders liegen. »Damals sagte man, das alte System hat abgewirtschaftet. Nun funktioniert die Bundesrepublik – noch! Aber die Leute gehen auf die Straße. Da sehen wir eine gewisse Kontinuität.« Droese erwartet – wie damals – »eine große gesellschaftliche Veränderung« zunächst in Sachsen, später vielleicht auch in ganz Deutschland.

»Das ist ein Witz, ein schlechter«, findet Ines-Maria Köllner. »Unsere Ziele waren ganz andere: eine solidarische Gesellschaft, Freiheit und Menschenwürde für alle, Rechtsstaatlichkeit, die Grenzen aufheben und nicht sächsische Grenzen schützen«, so wie es im 10-Punkte-Plan der AfD heißt. Ausgedruckt liegt der vor ihr, passt locker auf eine halbe Seite. »Wer sächsisch denkt und fühlt, wählt AfD«, steht da unter Punkt vier. Köllner ist mit 74 Jahren eine routinierte, gut sortierte Diskutantin, bereit, die Sache durchzuarbeiten, doch dazu fällt ihr nichts ein. Sie lacht ein kleines ratloses Lachen und fragt: »Was soll das sein?« Politisch engagiert ist sie seit den achtziger Jahren, das fing an mit der Friedensbewegung, 1989 gründete sie die Gruppe Demokratie Jetzt und war Gründungsmitglied von Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen. Dass heute ihre Parolen von rechts gekapert werden, lässt sie kalt. »Wir sind das Volk!«, das sei kein patentierter Slogan, sondern eine historische Forderung, die keine Bedeutung mehr habe, Geschichte eben. Aber die Gewalt, die verbale Brutalität und der »fehlende Anstand« derjenigen, die sich jetzt auf die Bürgerbewegung berufen, das regt sie auf:  »Die Parole ›Keine Gewalt!‹, die haben wir nicht nur vor uns hergetragen, wir haben Ausschreitungen verhindert.« Als einige Rache wollten und schäumten, weil die Honeckers in einer Kirche Unterschlupf gefunden hatten, habe man die Dinge ausdiskutiert. »Hätten wir Honecker den Schädel eingeschlagen, wir wären nicht besser gewesen.« Die Guten haben damals gewonnen, anders als heute, meint Köllner. »Wir haben gerade noch Chemnitz vor Augen – leider. AfD-Politiker, die nach einem Mord zu Selbstjustiz aufrufen, die alles nur tun, um andere unglaubwürdig zu machen, um staatliche Strukturen aufzubrechen, um Feindbilder zu schaffen, um an die Macht zu kommen.« Darum sei es 1989 nie gegangen.

Der Tweet eines Parteikollegen sei »missverständlich« gewesen, seine Partei stehe für Rechtsstaatlichkeit, nicht Selbstjustiz, sagt Droese. Was derselbe Mann in den sozialen Netzwerken schreibt, klingt anders: »Freier Waffenbesitz für jeden rechtstreuen Deutschen!« und »Volksbewaffnung hilft Koransprengköpfe zu neutralisieren«, zitiert ihn die Zeitung Die Welt vor knapp einem Jahr. Hass, Frust, Überdruss, das ist bekanntermaßen der Treibstoff der AfD, und es sind die anerkannten Post-89er Seelennöte der Ostdeutschen, so hat es beispielsweise Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) in einem Buch dargelegt.

Auch Bürgerrechtlerin Ines-Maria Köllner hätte ausreichend Gründe, mindestens genauso enttäuscht zu sein wie die anderen. Denn das, wofür sie 89 stand, wurde mit der ersten Volkskammerwahl abgeschmettert, manche ihrer Forderungen sind marginalisiert, wenn nicht gar verschrien. Ihre Partei, Bündnis 90/Die Grünen, hat in Sachsen noch nie einen Stich gesehen. Dass Wahlen in Sachsen seither immer nur ein Ergebnis, nämlich den Sieg der CDU, gebracht haben, trägt sie mit Fassung: »Ich wollte freie Wahlen, da muss ich auch akzeptieren, dass die Wahl so ausgeht, wie es mir nicht gefällt.« Vielleicht hat sie das mürbe gemacht, vielleicht ist es das Alter, kampflustig wirkt Köllner nicht. Doch sie ist bei ihren Idealen geblieben, und das ist offenbar mehr, als man erwarten kann. Gunter Weißgerber zum Beispiel, Gründungsmitglied der Leipziger SPD, arbeitete sich öffentlich vor allem an den Protesten gegen Legida ab, meint, Migranten sollen in Aufnahmelagern unterkommen, Grenzen kontrolliert, eine »Kapazitätsgrenze« eingeführt werden. Seine Thesen für ein »weltoffenes Deutschland« publizierte er 2017 mit zwei Mitstreiterinnen als Buch. »Das macht natürlich Freude, wenn man so was liest«, sagt Droese, denn die »Analyse« sei ja der seiner Partei »sehr ähnlich«. Das Buch steht auch bei Köllner im Regal, Weißgerber kennt sie von früher, wohl deshalb hält sie sich mit einem Urteil zurück, »nicht lesenswert« findet sie es.

War damals wirklich alles so schön, oder wird es schöngeredet? Seit Pegida stellt sich diese Frage. »Wenn uns heute unheimlich ist, was da passiert, dann wirft das ein Bild auf das, was damals passiert ist«, sagte Schriftsteller Peter Richter 2015 bei einer Podiumsdiskussion in seiner Geburtsstadt Dresden. Es sei »genau das Volk, was damals auch auf der Straße war. Was damals die Revolution getragen hat.« Auf dem Podium saß auch Historiker Harry Waibel, seit den neunziger Jahren forscht er zu Neonazis und Rassismus in der DDR und ist überzeugt, schon damals gab es im Osten eine rechte Bewegung, die übrigens auch die DDR abschaffen wollte. Hier sei die Kontinuität rassistischen Denkens von den Wendejahren bis heute zu suchen, sagt Waibel.

Auch in Leipzig? Nein, sagt Köllner, »Ausländerfeindlichkeit war hier in keiner Weise bestimmend«. Ein Stück weit gibt ihr die Gegenwart recht, Legida ist gescheitert, im Vergleich zum Rest von Sachsen steht die AfD in Leipzig nicht ganz so gut da, aber auch hier war sie drittstärkste Kraft bei der Bundestagswahl, nach Die Linke und der CDU. Droese verdankt sein Bundestagsmandat Leipzigern. Jetzt will er die »Machtübernahme« seiner Partei in Sachsen. Und dann? Dann soll es doch keine Revolution sein, Droese wünscht sich ein »Rollback hin zu früherer konservativer Politik alter CDU-Prägung, also zu Franz Josef Strauß«. Ausgerechnet Strauß, der 1983 einen Milliardenkredit der Bundesrepublik für die DDR einfädelte, der vermutlich die Existenz der DDR verlängerte. 

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