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Kino ist das neue Streamen

Die Kinostarts im Überblick und was sonst Filmisches in der Stadt geschieht

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Es sind spannende Zeiten für Filmfreunde. Gerade wurden die Streamingdienste noch als Kino-Killer verteufelt, da gewinnt mit Alfonso Cuaróns »Roma« erstmals ein von Netflix produzierter Film ein A-Festival. Noch dazu wäre der Preisträger des Goldenen Löwen von Venedig, der bereits vielfach als Meisterwerk gefeiert wird, vermutlich ohne das Geld von Netflix niemals entstanden. Sonderlich große kommerzielle Chancen sind dem in Spanisch gefilmten und in großartige schwarz-weiß Bilder gefassten, persönlichen Werk des »Gravity«-Regisseurs in den Augen der großen Verleiher nicht zuzuschreiben. Nun werden dem Film aber große Chancen bei den Oscars im nächsten Jahr zugetraut. Dafür muss er allerdings ins Kino – bisher ein No-Go für den Streamingriesen. Im Umkehrschluss sorgt nun also Netflix dafür, dass Kinobetreiber zukünftig zumindest vielleicht die Möglichkeit haben, ihre Produktionen auf der großen Leinwand zu zeigen – zu welchen Konditionen, das wurde in dieser Woche auch auf dem Filmfest Hamburg verhandelt. Derweil macht ein anderer Film bereits in der kommenden Kinowoche den Anfang: Paul Greengrass‘ Version des Anschlags auf Utøya ist am Sonntag zum Start bei Netflix auch im Kino zu sehen.

»22. Juli«: 5.10., 22.45 Uhr, 7.10., 17 Uhr, Cinestar

Film der Woche: Anstand, Moral, Wahrheit, Lüge – in Ruth Beckermanns Archiv-Montage »Waldheims Walzer« werden diese Werte zur Referenz für die Dehnbarkeit vermeintlich feststehender Normen und deren ganz individuell ausgelegte Interpretation. Für ihr beeindruckendes Werk seziert die Regisseurin die sogenannte »Waldheim Affäre«, die ab 1986 erst die österreichische und dann die Weltöffentlichkeit erschüttert. Anlass ist Kurt Waldheims Kandidatur für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten. Zu diesem Zeitpunkt hat Waldheim bereits eine erstaunliche Beamtenlaufbahn hinter sich, die ihn 1972 bis 1981 gar an die Spitze der Vereinten Nationen katapultiert. »Ein Österreicher, dem die Welt vertraut« wirbt die Kampgane der ÖVP 1985. Doch spätestens im März 1986 rücken bisher verschwiegene Details aus Waldheims Vita ins Licht der Öffentlichkeit: u.a. der World Jewish Congress gibt bekannt, dass Waldheim SA-Mitglied und Mitglied des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes war und zeitweise unter Generälen diente, die schwerer Kriegsverbrechen schuldig waren. »Waldheims Walzer« ist ein wichtiges Zeugnis darüber, wie dringend benötigt eine wachsame Zivilgesellschaft ist – damals wie heute. Ausführliche Kritik von Inga Brantin im aktuellen kreuzer.

»Waldheims Walzer«: ab 4.10., Kinobar Prager Frühling, UT Connewitz

»Werk ohne Autor« beginnt während der nationalsozialistischen Ausstellung »Entartete Kunst« 1933 in Dresden. Und spannt von dort einen weiten Bogen, bis in die BRD der frühen sechziger Jahre. Schauplätze des Films sind hauptsächlich die sächsische Landeshauptstadt und Düsseldorf. Ein nicht geringer Teil der Produktion fand in Dresden, Zwenkau und Görlitz statt. Etwas das dem Film zugutekommt, bietet sich dadurch doch die Gelegenheit Historie im Kino auch einmal abseits der Hauptstadt Berlin zu sehen. Im Mittelpunkt des Films steht das Leben von Kurt, einem, in seiner Biografie stark an Gerhard Richter erinnernden jungen Maler, der im Nachkriegsdresden seine große Liebe findet. Elisabeth ist Designstudentin und Tochter des angesehenen Arztes und ehemaligem Nazifunktionärs, Professor Seeband. Das Aufeinandertreffen des Künstlers Kurt und des Alt-Nazi Seeband, bietet packenden Stoff für Donnersmarcks Film, der in seinem Zentrum der Frage nachspürt, wie große Kunstwerke entstehen. Das Problem dabei: Alles soll erzählt werden. Das Naziregime, die Kunst in der DDR und die Düsseldorfer Akademie rund um Joseph Beuys, der im Film als Vorbild für die Figur des Kunstlehrers Van Verten dient. Was schon für eine Serie einen langen Atem erfordern würde, ist für einen Spielfilm unmöglich ohne Schäden umzusetzen. Und so krankt der Film an den großen Sprüngen, die er oft gezwungen ist zu nehmen. Darunter leiden nicht zuletzt auch einzelne Rollen, die im Fortgang der Ereignisse viel zu schnell wieder aus dem Film verschwinden oder schlicht zu wenig Zeit bekommen. Ausführliche Kritik von Josef Braun im aktuellen kreuzer.

»Werk ohne Autor«: ab 3.10., Cineplex, CineStar, Regina Palast, Passage Kinos

Als Journalist versucht Eddie Brock (Tom Hardy) schon seit Langem den zwielichtigen, aber genialen Gründer der Life Foundation, Carlton Drake (Riz Ahmed), zu überführen – eine Besessenheit, die ihn bereits seine Karriere und die Beziehung zu seiner Freundin Anne Weying (Michelle Williams) gekostet hat. Bei der aktuellen Recherche zu Drakes Experimenten verbindet sich das Alien Venom mit Eddies Körper und verleiht ihm nicht nur erstaunliche Superkräfte, sondern auch die Freiheit, zu tun, was immer er will. Durchtrieben, düster, unberechenbar und voller Zorn: Eddie muss lernen, die gefährlichen Kräfte, die von Venom ausgehen, zu kontrollieren. Und ist gleichzeitig berauscht von der neu gewonnen Macht, die er nun in sich spürt. Da sich Eddie und Venom gegenseitig brauchen, um ihre Ziele zu erreichen, verschmelzen sie immer mehr miteinander. Schließlich stellt sich die Frage: Ist das noch Eddie oder schon Venom?
»Venom«: ab 4.10., Cineplex, CineStar, Regina Palast

Weitere Filmtermine der Woche

Euphoria

Im dem Drama reisen Alicia Vikander und Eva Green als verstrittene Schwestern durch Europa und arbeiten dabei ihre tiefgehenden Familienkonflikte auf. – Filme vom Abschied

4.10., 19.30 Uhr, Passage Kinos

Haiti: Tödliche Hilfe

Die internationale Hilfe nach dem Erdbeben von Haiti 2010 war groß. Aber was hat sie gebracht? Eine ernüchternde Bestandsaufnahme von Oscarpreisträger Raoul Peck (»I Am Not Your Negro«). – GlobaLe

4.10., 20 Uhr, Neues Schauspiel Leipzig

Herbstkino am Matthäikirchhof

Filmwoche des Arbeitskreises »Forum für Freiheit und Bürgerrechte«, bei schlechtem Wetter im ehemaligen Stasi-Kinosaal im Museum in der »Runden Ecke«, Programm unter www.herbst89.de

4.–8.10., 19 Uhr, Matthäikirchhof

Revision

1992 entdeckt ein Bauer in einem Getreidefeld in Mecklenburg-Vorpommern die Leichen zweier Rumänen. Sie wurden bei dem Versuch, die europäische Außengrenze zu überschreiten, von Jägern erschossen, die sie mit Wildschweinen verwechselt haben wollen. Vier Jahre später beginnt der Prozess, das Urteil: Freispruch. Der Dokumentarfilm ergründet die Ursachen.

4.10., 21 Uhr, UT Connewitz

Ausländer raus! Schlingensiefs Container

Ein Container mit Asylbewerbern mitten in Wien, deren Bewohner vom Publikum nach dem »Big Brother«-Prinzip ausgewählt, also abgeschoben werden können. Dokumentation über Schlingensiefs gigantische Satire-Aktion im Sommer 2000 in Reaktion auf den Wahlerfolg der österreichischen Rechtsaußen-Partei FPÖ. Aktueller denn je.

7.10., 19 Uhr, UT Connewitz

Harry Potter Spezial

Die Harry Potter-Reihe kommt zurück ins Kino! Am 7. Oktober mit Teil 1 »Der Stein der Weisen« und Teil 2 »Die Kammer des Schreckens«.

7.10., 11 Uhr, Cineplex

Liebe bringt alles ins Rollen

Frauenheld Jocelyn gibt vor, im Rollstuhl zu sitzen, bis er sich in die querschnittsgelähmte Julie verliebt. Trotz des doofen deutschen Titels wirklich gelungene französische Komödie.

7.10., 17 Uhr, Regina Palast

Das Wunder von Mals

Mit einem Feuerwerk der Ideen kämpfen die Bewohner eines Südtiroler Dorfes gegen eine Übermacht aus Bauernbund, Landesregierung und Pharmaindustrie. Das Ziel: Mals im Obervinschgau soll die erste pestizidfreie Gemeinde Europas werden. Am 8.10. mit einführendem Vortrag »Pestizide und Konzerne« von Dipl. Agr. Ing. Urte Grauwinkel (BUND Leipzig), anschl. Gespräch mit Regisseur Alexander Schiebel, im Rahmen der Erntedankwoche

8.10., 19.30 Uhr, Cineding

Hollywood Adventures

Die neue Staffel der Filmreihe im Konfuzius Institut beginnt mit einer turbulenten Abenteuer-Komödie.

9.10., 19 Uhr, Konfuzius-Institut Leipzig

Der Fall Romy Schneider

Spiegel-TV-Doku mit anschließendem Gespräch.

10.10., 11 Uhr, Frauenkultur

The Human Scale

Die Hälfte der Menschheit lebt mittlerweile in Städten und den umliegenden Bereichen. Der Dokumentarfilm stellt unsere Annahmen über das moderne Leben in Frage und zeigt auf, was passieren könnte, wenn wir Menschen statt z. B. Autos in das Zentrum von Städteplanung rücken würden. – GlobaLe

10.10., 20 Uhr, Schaubühne Lindenfels

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