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Bühne oder Leinwand?

Theaterliveübertragung aus London: Wie viel bleibt atmosphärisch übrig? Erste Annäherung

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Oper im Kino? Ballett auf der Leinwand? Nächsten Montag beginnt die neue Saison der Liveübertragungen aus dem Royal Opera House in London – man kann sie auch in Leipzig sehen. Ein kleiner Überblick auf die Bühnensaison im Kino.

Es beginnt mit einem Klassiker aus dem Repertoire des Royal Ballet in London. »Mayerling« von Kenneth McMillan ist seit seiner Londoner Uraufführung 1978 ein Dauerbrenner. Die Stars reißen sich um die Titelpartie, diesen Kronprinz Rudolf von Österreich-Ungarn, der 1898 auf Schloss Mayerling, im Morphiumrausch seine minderjährige Geliebte und sich selbst erschoss. Rudolf ist in McMillans Ballett kein romantischer Liebhaber sentimentaler Filmästhetik, er ist ein schwermütiger Psychopath, Alkohol und Drogen verfallen, unheilbar erkrankt an der Syphilis. Tänzerisch ist der Abend eine enorme Herausforderung: Immer neuen Körperverschlingungen und -durchdringungen folge eine kühne Hebung nach der anderen. Es gibt Schleuder-, Fang-, Rotations- und Sturzfiguren in einer Rasanz, die einem vom bloßen Zuschauen außer Atem kommen lasse, so der Ballettkritiker Horst Koegler. Hier tanzt auch der Wahn der Einsamkeit inmitten opulenter, höfischer Scheinwelten einer Dynastie, deren Untergang sich ankündigt.

Freunde des klassischen, russischen Balletts erleben mit »La Bayadère« einen Höhepunkt. Zur Musik von Ludwig Minkus führt es in die exotische Märchenwelt einer Indienfantasie. Es folgt ein ebensolcher Klassiker mit Tschaikowskys »Der Nussknacker«. Übertragen werden weiterhin »Don Quixote« und Sergei Prokofjews Reißer »Romeo und Julia«. Auch Zeitgenössisches ist einmal zu sehen: Eine der angesagtesten Choreografinnen der Gegenwart ist Crystal Pite. Ihre Kreation »Flight Pattern« zur Klagelieder-Symphonie von Henryk Górecky gehört zu den zeitgenössischen Meisterwerken. Das gilt auch für Christopher Wheeldons Kreation »Within the Golden Hour«, dieser berührenden »goldenen Stunde« der sieben Paare, die sich im Licht des Sonnenunterganges trennen und neu finden zur Musik von Antonio Vivaldi und Ezio Bossi.

Und eine Überraschung bleibt die noch gar nicht weiter angekündigte Uraufführung von Sidi Larbi Cherkaoi.

Mit dem Royal Ballet, eine der bedeutendsten Kompanien der internationalen Tanzwelt, wird es keine ästhetische Konkurrenz zu den großen Kompanien in Leipzig, Chemnitz oder Dresden geben – eher eine unbedingt nötige Ergänzung im Hinblick auf die hier immer weniger beachtete Klassik. Von der Opernbühne werden mit Wagner, Verdi und Gounod auch hier beliebte Komponisten auf die Leinwand kommen.

Ob sich der Gang ins Kino im Gegensatz zum Original lohnt, wird bald an dieser Stelle zu lesen sein. Unser Autor wird die Premiere Royal Opera House in London anschauen, dann im Kino prüfen, wie viel Liveatmosphäre ein Multiplex bieten kann.

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