Startseite / Filmkritik | Kultur / Schwindelerregend gut

Schwindelerregend gut

Größeres Bild

Film der Woche: Lara ist eine ganz normale Teenagerin. Doch sie hat es besonders schwer, denn sie ist als Victor auf die Welt gekommen. Vor ihr liegt ein schmerzvoller, langer Weg in ein neues Leben. Jeder in der Familie akzeptiert und respektieren ihren Schritt. Doch da ist trotzdem die Angst des Vaters vor den Operationen, […]

Film der Woche: Lara ist eine ganz normale Teenagerin. Doch sie hat es besonders schwer, denn sie ist als Victor auf die Welt gekommen. Vor ihr liegt ein schmerzvoller, langer Weg in ein neues Leben. Jeder in der Familie akzeptiert und respektieren ihren Schritt. Doch da ist trotzdem die Angst des Vaters vor den Operationen, Laras Ungeduld alles jetzt sofort zu wollen. Auch im Kreise ihrer Freundinnen an der neuen Schule fühlt sie sich nicht vollends zugehörig. So stürzt sie sich verbissen in ihre Leidenschaft, das Tanzen. Regisseur Lukas Dhont suchte lange und fand seinen bemerkenswerten Hauptdarsteller schließlich, als er die Tänzer und Tänzerinnen für die anderen Rollen castete. Der junge Victor Polster ist in jeder Einstellung des Films zu sehen und fixiert auch den Blick des Betrachters, wenn Lara strahlt, lacht und leidet. Geschlechtergrenzen verschwimmen und man betrachtet ein junges, lebensstarkes Mädchen auf dem Weg zur Frau. Das erreicht „Girl“ auch, weil er von jeglichem Ballast befreit, offen und ehrlich erzählt. Damit dürfte ihm eine Nominierung bei den Oscars im kommenden Jahr sicher sein. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

Girl: ab 18.10., Luru Kino in der Spinnerei

Nanouk lebt mit seiner Frau Sedna in der menschenleeren Eiswüste des sibirschen Nordens. Ein wunderschöner Ort, der von seinen verbliebenen Bewohnern viel abverlangt. Täglich geht Nanouk raus, schlägt Löcher ins Ewige Eis, um zu fischen, oder legt Fallen für die wenigen Tiere, die in dieser lebensfeindlichen Umgebung existieren. Einst war er Rentierhirte, davon zeugen aber nur noch die Felle, mit denen die Jurte bespannt ist, die er und Sedna bewohnen. Die Tiere sind lange weg und wenn Nanouk bei seinen Ausfahrten doch mal eines sieht, ist man als Zuschauer nicht sicher, ob es nicht doch eine Luftspiegelung in der weißen Unendlichkeit der Eiswüste ist. Wie Lazarov ohnehin viel dem Auge des Betrachters überlässt. Geredet wird nur das Nötigste, es sei denn Nanouk erzählt eine seiner poetischen Fabeln, dann beginnt das Kopfkino bei seinen Zuhörern. Denn es gibt da noch einen erwachsenen Sohn, der sie besucht, und auch eine Tochter, die weit entfernt in einer Goldmine arbeitet. Mit ihr hat sich Nanouk zerstritten, doch sie ist Mittelpunkt im Herzen des Paares im Spätherbst ihres Lebens – und der Geist der Vergangenheit, die in die Gegenwart reicht: „Agá“. Was es mit ihr und den schwarzen Flecken auf sich hat, die die Tiere und das Land befallen, enthüllt der Film nicht endgültig. Es ist die Poesie des Erzählens, für die Kameramann Kaloyan Bozhilov atemberaubende Landschaftspanoramen findet, die „Nanouk“ zu einem kraftvollen Zeugnis einer verschwindenden Kultur macht. Ausführliche Kritik im aktuellen kreuzer.

 Nanouk: ab 18.10., Passage Kinos

Im kargen Büro einer Kopenhagener Notrufzentrale. Hier lernen wir den zentra- len Protagonisten dieses Kammer- spiels kennen: Cop Asger, der aus zunächst unbekannten Gründen zum Telefondienst abkommandiert wurde. An jenem Tag erhält er einen Anruf, der seinen gebeutelten Polizistenehrgeiz weckt: Eine junge Frau wurde von ihrem Ex entführt. Er sitzt neben ihr im Wagen, sie muss also so tun, als spräche sie mit ihrer kleinen Tochter. Doch der Ent- führer durchschaut den Trick, die Verbindung wird getrennt. In den nächsten Stunden setzt Asger alles daran, die Frau zu finden – ein Wettlauf gegen die Zeit. Atemlos folgen wir an der Seite von Asger dem mit jedem Telefonklingeln die Richtung ändernden Plot, der uns immer wieder den Boden unter den Füßen wegzieht, und sind anderthalb Stunden lang ganz Ohr. Die Identifikation mit dem Mann am Headset ist für diese Erzählweise essenziell und gelingt nicht zuletzt dank Jakob Cedergrens glaubwürdiger Perfor- mance. Wir beobachten hier keinen Helden, sondern einen Menschen in einer Extremsituation – einen Menschen, der trotz aller Erfahrung Fehler macht. Die uralte moralische Frage, was Schuld bedeutet und wie wir zu Schuldigen werden, wird dabei mit jedem Twist neu verhandelt. Ausführliche Kritik von Karin Jirsak im aktuellen kreuzer.
The Guilty: ab 18.10., Regina Palast, ab 25.10., Schauburg 

Johnny English ist ebenso aus der Zeit gefallen wie Rowan Atkinson, der ihn verkörpert. 15 Jahre ist es schon wieder her, dass der britische Komiker gemeinsam mit Drehbuchautor William Davies die Figur des tollpatschigen Geheimagenten ihrer Majestät entwickelte und damit nicht nur einen actionreichen Counterpart zu seiner wortlosen, visuellen Figur „Mr. Bean“ schuf, der Atkinson Anfang der Neunziger weltberühmt machte. Johnny English war auch als eine gewitzte Parodie auf den Tausendsassa und Womanizer James Bond angelegt und erwies sich an der Kinokasse als ebenso erfolgreich. So folgte nach dem Kinodebüt 2003 „Der Spion, der es versiebte“ auch eine ähnlich erfolgreiche Fortsetzung 2011 mit „Johnny English – Jetzt erst recht“.

Warum also, sollte das nicht noch ein drittes Mal klappen? Atkinson ließ sich nicht davon abhalten, dass er mittlerweile 63 Lenze zählt und auch Johnny English gehört zwischenzeitlich zum alten Eisen beim MI6. Die Zeiten haben sich gewandelt und zwischenzeitlich sitzt eine Premierministerin (herrlich: Emma Thompson) an der Spitze der britischen Regierung und hält damit auch die Fäden des Geheimdienstes in ihren Händen. Die drohen ihr jedoch zunehmend zu entgleiten als der Regierungsserver gehackt wird und die Namen und Aufenthaltsorte sämtlicher Geheimagenten ans Licht der Öffentlichkeit geraten. Hinzu kommt eine Serie von Anschlägen, die etwa das Verkehrssystem von London lahmlegen, so dass die Staatschefin gezwungen ist, auf die letzte Reserve zurück zu greifen.

So ist Johnny English schließlich Britanniens letzte Hoffnung. Mit modernen Hightech-Utensilien hat der Altsemester allerdings nichts am Hut und so reisen er und sein ebenso reaktivierter, treuer Assistent Bough (Ben Miller) im PS-starken Aston Martin in den Süden Frankreichs. Die Spur führt zum Dotcom-Milliardär Jason (Jake Lacy), der unterdessen von der Premierministerin umgarnt wird, stellt er doch offensichtlich die einzige Rettung angesichts immer katastrophaler ausfallender Cyberangriffe dar. English macht sich derweil mit seinem unwiderstehlichen Charme an die mysteriöse Russin Ophelia (Olga Kurylenko) ran, die Jasons Super-Yacht bewacht. Das Glück des Einfältigen ist dabei stets auf seiner Seite.

Die Formel ist bekannt und auch der dritte Auftritt des schusseligen Superagenten macht sich keine Mühe, etwas daran zu ändern. Schließlich sind mit Atkinson, Autor Davies und den Produzenten Tim Bevan und Eric Fellner alle am Start, die Johnny Englisch schon zweimal zum Erfolg machten. „Man lebt nur dreimal“ setzt voll auf Bewährtes. Atkinson streift sich ganz selbstverständlich ein drittes Mal den Anzug über und natürlich kann sich das Drehbuch einige gelungene Scherze über sein Alter nicht verkneifen. Aber er macht eine gute Figur in einem herrlich albernen Actionstreifen alter Schule, bei dem vielleicht nicht jeder Gag sitzt, der aber charmante Unterhaltung für Kinogänger jeden Alters bietet – und damit garantiert wieder ein Hit wird.

Johnny English – Man lebt nur dreimal: ab 18.10., Regina Palast, Ciestar, Cineplex 

Anzeige

Kommentieren

Dein Kommentar

Keine Kommentare