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Liebesgeschichte und Zeitdokument

Filmemacherin Claudia Euen über »Im Schatten des Apfelbaums«

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»Seitdem ich denken kann, waren meine Großeltern verliebt«, schreibt die Leipziger Filmemacherin Claudia Euen über die Initialzündung für ihren aktuellen Dokumentarfilm. »Im Schatten des Apfelbaums« erzählt aber nicht nur eine 65-jährige Liebesgeschichte, sondern ist zugleich ein beeindruckendes Zeitdokument. Ein Gespräch über die Frage nach dem Geheimnis jahrzehntelanger Liebe und der Schwierigkeit einen Film über die eigenen Großeltern zu drehen.

kreuzer: Was hat es mit dem Titel des Films auf sich?

CLAUDIA EUEN: Meine Großeltern haben ein altes Fachwerkhaus und davor steht ein Apfelbaum. Immer wenn ich dahin kam, auch schon als Kind, saßen sie auf dieser weißen Holzbank unter dem Baum und haben auf uns gewartet oder Karten gespielt.

kreuzer: Ist es schwer, einen Dokumentarfilm über die Liebe zu drehen?

EUEN: Ich wollte eigentlich einfach zeigen, wie meine Großeltern so lebten. Weil die schon so lange zusammen waren – 60 Jahre. Liebe bebildern, das geht natürlich nicht. Man kann nur zeigen, wie sich eine Beziehung im realen Leben äußert. Und das war bei denen einfach so schön. Trotzdem, nach so vielen Jahren noch. Das kennt man ja oft anders. Dass man sich irgendwie nicht mehr leiden kann oder sich nur noch annervt. Meine Großeltern, die waren so gut miteinander. Ich hatte eigentlich gar nicht vor, einen Film über sie zu machen. Ich habe mir eines Tages eine neue Fotokamera gekauft, die einfach mal so hingestellt – und dann blühten sie so auf. Alte Leute sind ja sonst immer sehr still. Plötzlich fingen meine Großeltern an, zu erzählen. Ich dachte: Krass, vielleicht fehlt denen einfach ein Kanal, eine Aufmerksamkeit, die sie in der Familie gar nicht mehr bekommen. Ich war dann immer häufiger dort, habe Material gesammelt, Interviews geführt.

kreuzer: So einen entscheidenden Moment, in dem Sie wussten, dass Sie einen Film über Ihre Großeltern machen wollen, gab es also gar nicht?

EUEN: Genau, das war eher ein Prozess. Ich habe dann ein Stipendium beantragt und eine Projektförderung. Das Geld habe ich gleich bekommen.

kreuzer: Schien eine gute Idee für einen Film zu sein.

EUEN: Naja, die Idee ist nicht besonders originell. Ich glaube es gibt sehr, sehr viele Enkelkinder, die Filme über ihre Großeltern machen.

kreuzer: Aber vielleicht ist die Idee authentisch.

EUEN: Ja, ich glaube auch. Diese Geschichten müssen immer wieder erzählt werden. Weil eine neue Generation immer anders auf die Welt blickt. Meine Großeltern waren die letzten Kriegszeugen. Mein Großvater ist jetzt 92. Er war 18, als er aus dem Krieg zurückkam. Meine Großeltern haben sich in der Nachkriegszeit kennengelernt und sind dann zusammengekommen. Als alles rar war und neu aufgebaut werden musste. Und wir wurden in eine Überschussgesellschaft hineingeboren, in der man ausschließlich damit beschäftigt ist, sich um sich selbst zu kümmern. Ich glaube, das war damals einfach anders. Der Film ist so auch eine Gegenüberstellung. Ich wollte gucken, woran das liegen kann, dass meine Großeltern so verbindlich miteinander sind. Weil ich das von mir nicht kannte, und auch von meinem ganzen Freundeskreis nicht kenne. Meine Großeltern, die haben sich nie getrennt. Das fand ich einfach krass. Ich dachte: Wie lebt man dann?

kreuzer: Haben Sie eine Antwort auf diese Frage gefunden?

EUEN: Zuerst ist es Glück, oder Zufall, dass sich zwei Menschen treffen, die ähnliche Werte teilen. So eine Grundsicht auf die Welt, die sich deckt. Die kann sich im Laufe des Lebens auch verändern. Ich denke, dass wir heute einem größeren Wandel unterzogen sind. Da können sich Biographien auseinander entwickeln. Ich zeige keine klassische Liebesgeschichte. Meine Großeltern sind schon sehr alt, man sieht sie am Ende ihres Lebens, in ihrem Alltag. Das ist Liebe, für die man sich entscheidet. Nicht diese aufkeimende, ich habe Schmetterlinge im Bauch-Verliebtheit. Sondern die Entscheidung, sein Leben mit einem Menschen zu teilen, weil man ihn mag und weil man es eben schöner findet, mit ihm zusammen zu sein, als alleine zu sein. Meine Großeltern sind, damit sie so lange zusammenbleiben konnten, große Kompromisse eingegangen. Sie haben ein Stück weit etwas von sich aufgegeben.

kreuzer: Hat sich die Beziehung zu Ihren Großeltern durch das Filmprojekt verändert?

EUEN: Eigentlich nicht. Ich dachte, dass meine Großeltern vielleicht Sachen erzählen, die sie mir noch nicht erzählt hatten – wenn man so viel Zeit miteinander verbringt und eine Kamera aufstellt. Das ist leider nicht passiert. Die ersten Drehtage waren schrecklich, da ist gar nichts passiert. Die saßen beide ganz hübsch angezogen in ihrem sauber geschniegelten Wohnzimmer und meine Oma hat dann immer um zwölf gesagt: So, sind wir jetzt fertig? Inszenierte Szenen haben zum größten Teil nicht stattgefunden. Meine Oma war schon relativ krank und unbeweglich und konnte nur noch sehr schlecht laufen. Sie saß fast den ganzen Tag in ihrem Sessel. Zwei Monate, nachdem der Film fertig war, ist sie gestorben. Für mich war es total schön, noch einmal Zeit mit ihr zu verbringen. Es ist ein sehr persönlicher Film geworden. Und ein Stück weit Zeitgeschichte für alle.

Offenlegung: Claudia Euen war von 2009 bis 2012 Co-Chefredakteurin des kreuzer.

26.10.2018, 19:00 Luru-Kino in der Spinnerei
Premiere: Im Schatten des Apfelbaums – In Anwesenheit der Regisseurin Claudia Euen

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