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Leinwandballett London – Leipzig

Doppelbetrachtung: »Mayerling« im Royal Opera House London und im Cineplex Leipzig

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Ballett gucken im Kino klingt nach gedämpftem Vergnügen. Immerhin könnte man so Reisekosten sparen. Doch taugt die Leinwandprojektion als Theatererlebnis? Unser Autor hat den Versuch gemacht und sich die »Mayerling«-Premiere sowohl im Royal Ballett in London als auch im Leipziger Kino angeschaut.

Seit zehn Jahren gibt es Liveübertragungen aus dem Londoner Royal Ballet und der Oper in Covent Garden. Die Theaterprojektionen werden auf der ganzen Welt verfolgt. In Leipzig zieht es 100 Menschen ins Cineplex zur Mayerling-Inszenierung von Kenneth McMillan.

Der Stoff hat es in sich. Auf Schloss Mayerling in der Nähe Wiens finden sich am Morgen des 30. Januar 1889 zwei Leichen. Der Kronprinz und seine Geliebte, Baroness Mary Vetsera. Zuerst hat er sie, dann sich selbst erschossen. Bald gehen Gerüchte um: Hat Rudolfs Vater den Mord in Auftrag gegeben? Hatte der Kronprinz zu enge Verbindungen zur ungarischen Unabhängigkeitsbewegung? Tragen Drogen, Alkohol und erotische Abenteuer die Schuld?

Die Tänzerinnen und Tänzer der Londoner Kompanie zeigen im Stoff um den königlichen Psychopathen zugleich grandiose Präzision und dennoch jene Momente der Unvorhersehbarkeit. Ganz so, als käme jede Bewegung, jede Verschlingung der Körper, jede rasante Sturz- oder Hebefigur direkt aus der Emotion des Augenblicks. Als Zuschauer kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Genau darum geht es auch Kevin O´Hare, Direktor des Königlichen Balletts. Im Gespräch sagt er, dass dieses phantastische Erbe des einmaligen britischen Stils der narrativen Kunst des Tanzes für ihn ein wesentlicher Ansporn für die Spielplangestaltung sei.

Nun stellt sich natürlich die Frage nach dem Vergleich, nach der Wahrnehmbarkeit der Intensität, bei der Aufführung im Opernhaus und bei der im Kino. Nach dem Besuch der Aufführung in London folgt wenige Tage darauf, die Übertragung in der selben Besetzung im Leipziger Kino. Hier muss man zunächst dem Team der Aufnahmetechnik um Kinoregisseur Ross MacGibbon ein großes Kompliment aussprechen. Auch wenn die Leinwandperspektiven sich schon sehr von denen im Theater unterscheiden, hat man dennoch nie den Eindruck, einer Aufzeichnung beizuwohnen. Der Charakter der Liveperformance lässt sich tatsächlich übertragen.

Dabei zeigen sich auch neue Blickwinkel. Die Nähe der Leinwandaufnahmen erlauben zuweilen eine ganz andere Intensität der Wahrnehmung als sie die Gesamtansicht des Theaters sonst vermittelt – gerade bei den in dieser Choreografie durch den Tanz so intensiv gestalteten Charakteren. Und einem Tänzer wie Steven McRae als Kronprinz Rudolf auf dem selbstmörderischen, unaufhaltsamen Weg seines Absturzes so nahe zu kommen, seinem Wahn in die Augen zu sehen, das ist erschütternd. Ja, es ist anders, und doch hat der Medienwechsel seinen Reiz.

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