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Der Kreis schließt sich

»Sandmädchen« vom Leipziger Filmemacher Mark Michel 

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Beim Dok Leipzig feierte »Sandmädchen« im letzten Jahr seine Premiere. Nun startet der Film diese Woche auch im regulären Programm in Leipziger Kinos.

»Kind war aus Sand. Grobkörniger Sand. Konnte man nicht anfassen, weil man Angst hatte, das Wenige, was es zusammenhält, bröselt auseinander.« Veronika ist 25, lebt in der Nähe von Augsburg und ist körperlich schwer behindert. Sie kann nicht sprechen, nicht laufen und leidet am Asperger Syndrom, einer Form von Autismus. Aber Veronika schreibt. Geschichten und Gedichte über ihre Wahrnehmung, ihren Lebensweg. Sie studiert katholische Theologie und Literatur an der Uni Augsburg. Mark Michel lernte sie vor sieben Jahren kennen. Der Regisseur aus Leipzig recherchierte für ein Magazin über Menschen mit Behinderung für den MDR. Da stieß er auf einen Artikel in der Süddeutschen Zeitung über Veronika Raila. »Ich bin hingefahren und habe ihr meine Geschichte erzählt und mir ihre Geschichten durchgelesen. Drei Monate später kam ich mit der Kamera wieder, um einen Kurzfilm zu drehen.« Der siebenminütige Film »Veronika« entstand, lief beim Kurzsuechtig und dem DOK Leipzig und reiste von dort zu Festivals in aller Welt.

Aber Mark Michel hatte das Gefühl, dass er die Geschichte nicht zu ende erzählt hatte. Veronikas Gedanken ließen ihn nicht los. »Oft wird hier das Leben unterschätzt, ebenso wie die Kreativität im Umgang mit Problemen«, schreibt sie selbst über ihre Behinderung. »An dieser Schnittstelle, an der Schnittstelle zwischen den sogenannten Normalen und den ‚Nichtnormalen‘, kann viel Neues durch die gegenseitige Befruchtung entstehen. Diese gegenseitige Befruchtung nützt uns allen, nicht nur den Behinderten.« Vier Jahre später reiste Mark Michel erneut nach Augsburg, um mit ihr gemeinsam an einem Langfilm zu arbeiten. Nach einer langen Reise ist der Film nun fertig und feierte seine Premiere beim DOK Leipzig. Ein Kreis schließt sich.
»Mir geht es darum, zu zeigen, wie reich diese Welt ist, die Veronika in sich trägt. Das ist im Kurzfilm zu kurz gekommen«, erzählt er. »Ich möchte die Mutter-Tochter Beziehung beleuchten. Wie haben die beiden zueinander gefunden? Wie geht man damit um, wenn seinem Kind ein IQ von Null attestiert wird?« Das gegenseitige Kennenlernen, die Entdeckung der gestützten Kommunikation als ein Weg nach Außen.

Veronika schreibt mit Hilfe ihrer Mutter. Allein ist sie nicht dazu in der Lage. Ihr Körper gehorcht ihr nicht. Aber wird der Arm gestützt, sendet er Impulse aus, die eine Tastatur in Worte verwandelt. Poetische Zeilen, die ihr Innerstes beschreiben. »Veronika hat eine synästhetische Wahrnehmung. Sie nimmt etwa Musik in Farben und Formen wahr. Ihre sehr intensive Sicht der Welt reflektiert sie, indem sie darüber schreibt.« Sieht man ihr und ihrer Mutter dabei zu, glaubt man zunächst nicht, dass die Worte tatsächlich dem Körper der jungen Frau entstammen, der sich unablässig und meist unkontrolliert bewegt. »Diese Frage tauchte nach dem Kurzfilm immer wieder auf. Sind das wirklich ihre Worte? Auch ich war zunächst skeptisch. Aber ich vergleiche das mit einem Wasserschlauch, der wild herumspritzt, bis man ihm eine Richtung gibt.«

Das Vertrauen zwischen den kreativen Geistern wuchs. Mark Michel zeigte ihr seine Filme. Er hatte bereits Inklusionstanzprojekte mit der Kamera begleitet und Dokumentationen über Menschen mit Behinderung oder Einschränkungen gedreht. Veronika Raila war begeistert darüber, dass er einen Film mit ihr machen wollte, denn die meisten, die kamen, wollten nur Filme über sie machen. »Wir sind uns auf Augenhöhe begegnet. Ich habe ihr die erste Schnittversion gezeigt und sie hat Vorschläge gemacht, die in den fertigen Film einflossen.« Die Basis für eine erneute Zusammenarbeit, die allerdings noch einige Hürden zu überwinden hatte.

Die Finanzierung des Projekts war schwierig, da sich kein Fernsehsender fand, der das Projekt unterstützen wollte. Ein künstlerischer Dokumentarfilm ist im öffentlich-rechtlichen TV schwer zu platzieren. Aber ein solches Projekt erfordert die nötigen Mittel und Zeit. »Man kann nicht viele Stunden und Tage am Stück mit Veronika drehen, das wäre eine zu große Belastung für sie und die wollten wir so gering wie möglich halten.« Einige Filmförderungen waren sicher, reichten jedoch nicht für die Umsetzung des Projekts. Um die Finanzierungslücke zu schließen, hatte sich Mark Michel deshalb für eine Crowdfundingkampagne bei der Visionbakery entschieden – mit überwältigendem Erfolg. »Wir wollen Veronikas Welt nach Außen tragen, ihr eine Stimme verleihen, die ihren Texten Ausdruck verleiht und diese sinnlich übersetzen in andere künstlerische Ausdrucksformen. Etwa mit der Sandmalerei von Anne Löper, die bereits im Kurzfilm zum Einsatz kam.

Beim Dok Leipzig feierte »Sandmädchen« im letzten Jahr seine Premiere und Veronika war dabei. Aus der professionellen Zusammenarbeit ist längst eine Freundschaft geworden. »Sandmädchen« ist ein kunstvolles Essay, eine sinnliche Erfahrung – und eine Bereicherung für jeden, der offen ist für Veronikas Welt.

> »Sandmädchen«: ab 15.11., Cineding, in Anwesenheit des Regisseurs am 22.11., 19 Uhr, Kinobar Prager Frühling
> www.sandmädchen.de

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