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»Wir sind Opfer einer Strategie«

Ende 2019 soll die LVZ-Druckerei geschlossen werden. Für die 260 Beschäftigten geht es jetzt um alles

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Seit Anfang Oktober wissen 260 Beschäftigte der LVZ-Druckerei: Mit Ende des kommenden Jahres ist Schluss. Die Leipziger Volkszeitung und die Dresdner Neusten Nachrichten werden künftig tariflos in Halle und Dresden gedruckt. Die Betroffenen fordern die Unterstützung der SPD. Doch die Sozialdemokraten halten eigene Anteile an der Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft – und verhielten sich anfänglich auffallend still.

Es ist der erste Montagabend im Oktober, als die Geschäftsführung der Druckerei der Leipziger Volkszeitung ihren Beschäftigten verkündet, worüber diese schon seit Monaten spekulieren: Der Druckbetrieb wird zum 31. Dezember 2019 vollständig eingestellt, die Druckerei schließt, betroffen sind davon alle 61 Mitarbeiter der Stammbelegschaft, sowie rund 200 Beschäftigte in der ausgegliederten Zeitungsweiterverarbeitung. Die Druckaufträge für sämtliche Ausgaben der Leipziger Volkszeitung (LVZ), der Dresdner Neuesten Nachrichten (DNN) und der zugehörigen Anzeigenblätter wurden an tariflose Unternehmen in Halle und Dresden gegeben.

Unter den Beschäftigten sind Ärger und Frustration groß. »Wir sind Opfer einer Strategie«, sagt Daniel Dietze, Schichtleiter der Weiterverarbeitung und Mitglied im Betriebsrat der Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft (LPFG) im Gespräch mit dem kreuzer. Dietze, 48 Jahre alt, seit 31 Jahren für die LVZ tätig, sitzt mit drei seiner Kollegen im Betriebsrat-Büro. Lange Gesichter, es riecht nach Papier. Dietze und seine Kollegen sprechen von »Tarifflucht«, von einer »gewissen Kultur, die Madsack entwickelt hat, Druckereien zu schließen und Arbeitsplätze zu vernichten«.

Daniel Dietze, Schichtleiter der Weiterverarbeitung und Mitglied im Betriebsrat der Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft. Foto: Paul Hildebrand

Madsack will Fläche, will den Unternehmensverband, zu dem momentan 15 regionale Tageszeitungen und 28 Anzeigenblätter gehören, weiter ausbauen. Gleichzeitig segmentiert der Verlag zugehörige Firmen in kleine, tariflose Einheiten, streicht Stellen und schließt Druckereien.

Was sich derzeit in Leipzig abspielt, war bereits mehrfach an anderen Standorten zu beobachten. Bereits 2015 verkündete der Madsack-Chef Thomas Düffert, dass bis Ende 2016 die Druckerei am Stammsitz in Hannover geschlossen werden solle. Aus wirtschaftlichen Gründen, hieß es. Die »in die Jahre gekommene Druckerei« bedürfte Investitionen, die sich nicht rentieren würden, sagte Düffert. Es folgten monatelange Verhandlungen, am Ende einigten sich Madsack, Verdi und der ansässige Betriebsrat auf einen relativ gut ausgestatteten Sozialplan für die 170 Beschäftigten.

Vor der Druckerei in Hannover wurde auch der Druckstandorte im niedersächsischen Peine geschlossen. Derselben Strategie fiel im Jahr 2017 auch die Druckerei in Göttingen zum Opfer.

Nun soll Leipzig folgen.

Seit Mitte August hätten sich die Anzeichen verdichtet, dass die Schließung droht, sagt Dietze. Damals berichtete das Hamburger Abendblatt vom Verlust des Druckauftrags von der Bild-Zeitung. Nach eigenen Angaben lässt Springer bisher täglich 270.000 Exemplare der Bild in Leipzig-Stahmeln drucken. Damit soll zum Jahreswechsel 2019/2020 Schluss sein. Der Springer Verlag will die Ausgaben dann in der verlagseigenen Druckerei in Berlin produzieren lassen.

Für die Leipziger Druckerei bricht durch den Wegfall des Druckauftrags mehr als die Hälfte des täglichen Druckvolumens weg. Um die LVZ und die Anzeigenblätter kostengünstig in Leipzig zu produzieren, müsste die LVDG erstmals ohne öffentliche Fördergelder in neue Technik investieren. Doch wie schon im Fall der Hannoveraner Druckerei heißt es von Seiten der Geschäftsführung, das sei wirtschaftlich nicht rentabel, die Investitionen seien zu hoch, es gäbe keine andere Möglichkeit als zu schließen.

Jetzt soll in Halle investiert werden und die Investition über einen langfristigen Druckvertrag durch die LVDG bezahlt werden.

Die Sachlage sei komplex, sagen Dietze und sein Betriebsrat-Kollege Jörg Tischler über die Hintergründe der Schließung. »Man fühlt sich getäuscht und belogen«, sagt Dietze. Nachdem das Hamburger Abendblatt über eine mögliche Schließung berichtete, habe man sich an die Geschäftsführung gewandt. Diese habe die Gerüchte jedoch vehement abgestritten. »Man hat schlichtweg mehrfach den Wahrheitsgehalt dieses Artikels bestritten«, sagt Dietze.

Jörg Tischler, Betriebsrat der Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft. Foto: Paul Hildebrand

Mittlerweile wisse man, dass bereits im Sommer erste Unterschriften unter Verträge gesetzt worden sind.
Mit einem Brief hat sich die Belegschaft Anfang November erstmals an die Öffentlichkeit gewandt. Nachdem man »seit 1995 ständig mit Forderungen nach Lohnverzicht und weiteren Versuchen der Aushöhlung der Tarifverträge konfrontiert« worden sei, seien die Betroffenen nun zu allem bereit, heißt es darin.

»Wir haben einfach keine Lust mehr, diese Schrumpfungen zu verwalten und dieses Sterben auf Raten mitzumachen,« fügt Dietze im Gespräch hinzu. Man fühle sich getäuscht und belogen nach all den Hinweisen, die immer wieder dementiert wurden. »Es gibt nichts mehr zu verlieren«, sagt Tischler. Der Haustarifvertrag sei gekündigt, es gäbe keinen Grund zu Lohnzurückhaltung.

Die Betroffenen wenden sich in ihrem Brief auch explizit an die SPD. Denn: Die SPD-eigene Medienholding DDVG ist selbst mit 23,1 Prozent am LVZ-Mutterkonzern beteiligt. In der Abwicklung der Schließung hielten sich die Sozialdemokraten in ihrer Gründungsstadt zuerst auffallend zurück. Der SPD-Landesvorsitzende Martin Dulig äußerte sich knapp und im Inhalt wie Madsack: Die Geschäftsführung der DDVG-Holding sei zu dem Schluss gekommen, dass eine wirtschaftliche Grundlage ohne den Springer-Auftrag nicht mehr gegeben sei, die SPD würde diese Entscheidung mittragen.

Einer, der sich in den vergangenen Wochen besonders bei Halberg Guss in der Öffentlichkeit streikunterstützend zeigte, ist Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). Zur drohenden Schließung der LVZ-Druckerei hat er sich bisher nicht öffentlich positioniert. Anfragen des kreuzer blieben unbeantwortet.

Auf einen Antrag der Linkspartei bei der vergangenen Stadtratssitzung veröffentlichte der Fachausschuss Wirtschaft und Arbeit am Montag nun einen Beschlussvorschlag, in dem es heißt, dass sich der OBM und die Ratsversammlung für den Erhalt der Druckerei einsetzen würden. Jung will mit der Geschäftsführung der LDVG und des Madsack Verlags an einen Tisch kommen und eine möglichst sozialverträgliche Lösung finden.

Den Betroffenen in Stahmeln ist das nicht genug. Tischler hat in den vergangenen Tagen sämtliche SPD-Ortsverbände um Unterstützung gebeten: mit Teilerfolgen. Vergangenen Samstag veröffentlichte Nicola Bärwald-Wohlfarth im Namen der Leipziger SPD-Fraktion einen offenen Brief, adressiert an den Treuhänder-Aufsichtsrat der SPD. In dem Schreiben appelliert die Leipziger SPD an den Aufsichtsrat, seinen Einfluss auf die DDVG zu nutzen und die Schließung der Druckerei zu verhindern.

»Es ist ein erstes positives Signal, die SPD Sachsen sowie die Stadtratsfraktionen der Linkspartei und der SPD setzen sich für den Erhalt der Druckerei ein«, sagt Tischler. Spannend sei nun, wie sich die Bundestagsfraktion und der Bundesvorstand der Sozialdemokraten positioniere. »Auch wenn dieser Kampf gewonnen und in Leipzig investiert wird, fallen noch immer über 100 Arbeitsplätze weg.«

Die Voraussetzungen für einen letzten Arbeitskampf seien nun geschaffen. »Die Leute sind zu allem bereit. Mich würde es deswegen nicht wundern, wenn in den kommenden Wochen in Leipzig öfter mal keine Zeitung zur Verfügung steht«, sagt Dietze. Die LVZ schließt sich dem Schweigen über die Schließung ihrer eigenen Druckerei unterdessen an. Das Ende des Betriebs wurde betitelt mit: »Neue Druckkonzepte für LVZ und DNN«.

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